Bee Gees 1979 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Bee Gees: "Saturday Night Fever" (1977) Die Welt ist eine Kugel – eine Disco-Kugel!

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Das ist natürlich Quatsch, wo doch jeder von uns weiß, dass die Welt eine Scheibe ist – eine Vinyl-Scheibe. Jedenfalls muss man diesen Eindruck gewinnen, wenn man sieht, welchen unfassbaren Erfolg die Bee Gees mit ihrem Soundtrack zum Film "Saturday Night Fever" haben. Die Musikwelt befindet sich 1977 im Disco-Wahn – und die Bee Gees schwimmen ganz oben auf der Erfolgswelle.

Ein Tanzfilm erst ab 18! Kann das sein?

Weihnachten 1977. In den US-Kinos ist gerade ein Film gestartet, dem man kein besonders großes Potential zuschreibt. Das hat mit zwei Dingen zu tun: Erstens ist das kein Science-Fiction-Film (ein gewisser Streifen namens "Star Wars" knackt zum damaligen Zeitpunkt völlig überraschend sämtliche Kassenrekorde in den USA); zweitens ist der Film, um den es hier gerade geht, mit einem sogenannten "R-Rating" belastet – bei uns würde man sagen: "Der ist erst ab 18!". Das "R" steht für "restricted" – also "eingeschränkt/verboten". Das ist rückblickend mehr als nur verblüffend, denn diese Freigabebescheinigung ist eigentlich ein Garant dafür, dass es sich um Kassengift handelt. Der Großteil des Kinopublikums wird damit von vornherein ausgeschlossen. Das miese "R-Rating" ist die Quittung dafür, dass der Tanzfilm "Saturday Night Fever" ein Drehbuch hat, das sehr realistisch eine männliche Welt darstellt, die ziemlich sexistisch ist – Vergewaltigungen inklusive! Ein junger Schauspieler namens John Travolta spielt darin die Rolle seines Lebens – nämlich die des "Tony Manero"; eines jungen Mannes, der in den 70er Jahren unter dem strengen Katholizismus seiner italienischen Einwandererfamilie in New York leidet – und als Gegenentwurf mit viel Sex, frauenfeindlichen Sprüchen und jeder Menge Tanz-Action reagiert.

Travolta tanzte NICHT zu den Bee Gees

Was man heute gerne vergisst: Der Soundtrack zu "Saturday Night Fever" beinhaltet 17 Songs, aber die Bee Gees, die man hauptsächlich mit dem Doppel-Album in Verbindung bringt, hört man tatsächlich nur auf gerade mal SECHS Stücken. Als der Film gedreht wird, haben sie überhaupt keine Ahnung, dass ihre Musik darin auftauchen wird. Der Film ist schon abgedreht und in der sogenannten "Post-Production" als die Bee Gees das erste Mal eine Anfrage bekommen! John Travolta erinnert sich später, dass er im Film zu völlig anderer Musik tanzt – er habe sich zu Stevie Wonder und Boz Scaggs bewegt! Die Musik der Bee Gees sei erst viel später drunter gelegt worden! Die Brüder Gibb sind alles andere als begeistert, als sie buchstäblich mit einer Anfrage "belästigt" werden. Sie sind gerade im Studio in Frankreich. Sie wollen dort ein neues Album aufnehmen und wimmeln die Produzenten erst mal ab. Die bleiben aber hartnäckig. Die Gibbs lassen sich breitschlagen und komponieren laut eigener Aussage ihre Handvoll Songs zum Film an einem einzigen Wochenende! "Jive Talking" und "You should be dancing" waren allerdings schon auf früheren Veröffentlichungen der Bee Gees zu finden.

Saturday Night Fever1 (Foto: SWR)

Auch Klassische Musik bekommt den Disco-Groove

Die Anfrage, die da so unpassend daherkommt, glänzt auch noch durch die Abwesenheit von Information. Die Gibb-Brüder schmunzeln in späteren Interviews regelmäßig darüber, dass ihnen von Produzenten-Seite herzlich wenig Info zum Drehbuch gegeben wurde – und das, obwohl der Film da schon abgedreht war! Sie hätten lediglich ein paar ungefähre Skizzen zur Handlung bekommen – mehr nicht. Als die paar Songs dann fertig sind, sind die Produzenten begeistert. Schnell wird der Rest des Albums zusammengeschustert – denn ähnlich abrupte Anfragen gehen an weitere Künstler. So finden sich unter den 17 Songs des Doppel-Albums auch noch Beiträge von z. B. Kool & the Gang, KC and the Sunshine Band und Walter Murphy. Murphy verpasst der 5. Symphonie von Beethoven einen mitreißenden Disco-Groove. Ein weiteres Stück der Klassischen Musik kommt hier zu Disco-Ehren: Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge" wird hier zur "Night on Disco Mountain" von David Shire.

Saturday Night Fever2 (Foto: SWR)

Beinahe ein Oscar für John Travolta

Keiner kann ahnen, was hier für eine unfassbare Erfolgswelle losrollt. Kenner sagen rückblickend, dass die Disco-Welle 1978 eigentlich schon im Begriff war, abzuebben – aber Saturday Night Fever gibt dieser Welle noch einmal ordentlich Schwung. Weil das Publikum, das das Album kauft, noch nicht volljährig ist, wird der Film schnell entschärft. Einzelne Szenen und allzu deftige Sprüche werden kurzerhand herausgeschnitten und schon bekommt der Film in den USA eine Jugendfreigabe. Das verhasste "R-Rating" ist verpufft. Ein Film, der eigentlich ein B-Movie ist, wird daraufhin immer mehr zum Sensations-Erfolg. Der Soundtrack, der eigentlich nur schnell zusammengehuscht ist, wird zum Multi-Millionen-Seller. Der Film pusht die Musik. Die Musik pusht den Film. Das Album wird über 40 Millionen Mal weltweit verkauft. Hier kann man ein ganz frühes Beispiel von "Cross-Promo" und "Win-Win-Situation" bestaunen. Soundtracks werden von da an wichtiger Bestandteil eines "Film-Promo-Pakets". Übrigens: John Travolta glänzt nicht nur mit seinem Talent fürs Tanzen. Er wird auch für den Oscar nominiert – als bester Hauptdarsteller! Er zieht jedoch den Kürzeren, denn diese Trophäe geht an Richard Dreyfuss für seine Hauptrolle in einem Film, der kurioserweise auch in New York spielt – ansonsten aber heute in Vergessenheit geraten ist ("Der Untermieter").

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