R.E.M. 1993 in Los Angeles (Foto: Imago, Imago -)

R.E.M.: "Out Of Time" (1991) Als Indie-Pop zum Massen-Phänomen wird

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

"Losing My Religion" ist ein ewiger Klassiker; nicht wegzudenken aus den Radio-Stationen dieser Welt: Aber was meinen Sie? Was war die höchste Chart-Platzierung in Deutschland für diese Single? – Kleiner Tipp: Er war nicht in den Top Ten ...

Keine Studenten-Party ohne REM!

Ein bisschen ruppig, ein bisschen schräg. Manchmal aber auch sehr melodisch. R.E.M. aus Atlanta, Georgia haben 1992 eine ziemlich große Fangemeinde weltweit. Die Fans lieben einfach diese Mixtur aus Schrammel-Gitarren, knackigem Schlagzeug und witzigen Texten. Dazu noch die unverwechselbar hohe Stimme von Michael Stipe. Man kann sagen: R.E.M. sind irgendwie die goldene Mitte zwischen Kommerz und Avantgarde. Der Traum eines jeden Maschinenbau-Studenten (die Fangemeinde damals ist tatsächlich vorwiegend männlich – und sie ist bei Studentenpartys besonders häufig anzutreffen). 1992 wird diese merkwürdige Stil-Mischung aber ein bisschen aufpoliert; die Musik ist noch einen Ticken melodischer – und siehe da: Welterfolg! "Out Of Time" geht durch die Decke! Aber nur, dass da jetzt keine Missverständnisse aufkommen: Die restlichen Titel auf dem Album haben weiterhin ihre Ecken und Kanten. Es ist besonders eine Single-Auskopplung, die den weltweiten Verkaufs-Erfolg des Album anschiebt; eine Single, die nicht gerade "typisch R.E.M." klingt.

Ein Hit in Deutschland – den aber keiner kaufen will!

"Losing My Religion" heißt diese Single. Und sie sorgt dafür, dass die Fangemeinde deutlich größer wird. Der Song wird zum Welthit. Die Melodie hört man einmal – und vergisst sie danach nie wieder. Der dazugehörige Videoclip ist in Dauerschleife zu sehen. Im Radio läuft der Song ebenfalls rauf und runter. Aber was soll der eigentlich bedeuten? Auch in der englischsprachigen Welt fragen Reporter: "Was heißt eigentlich 'Losing My Religion'"? Denn der Ausdruck ist nicht gerade geläufig. Fällt da jemand vom Glauben ab? Ist da jemand am Ende seines Lateins? - Die Antwort lautet "nein". Tatsächlich handelt es sich hier um einen Südstaaten-Ausdruck, der soviel bedeutet wie: "stinksauer werden". Der Titel verblüfft umso mehr, als "Losing My Religion" nun nicht gerade nach einem wütenden Protest-Song klingt. Eher verzaubert er mit seiner schönen Melodie und der raffinierten Instrumentierung.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Die kleine Quizfrage von oben muss natürlich noch beantwortet werden! Kein Witz: In Deutschland ist die Single ein Totalausfall. Ein riesiger Flop. Es gibt keine höchste Chartplatzierung - denn keiner kauft das Lied. Absolut keiner! Platz Null für "Losing My Religion". Die Single verkauft sich so unglaublich schlecht, dass sie es überhaupt nicht in die Top 100 schafft!

"Bitte nicht nochmal auf Tour!"

1992 sind R.E.M. ziemlich überrumpelt vom Erfolg ihres Albums. Aber soooo wahnsinnig überrascht sind sie nun auch wieder nicht. Wie gesagt: Sie haben schon damals Kult-Status. Und nach einer äußert anstrengenden Promo-Tour zum Album-Vorgänger sagen sie diesmal: "Es reicht! Keine Promo-Tour zum aktuellen Album! Wir sind völlig platt!". - Und diese Verweigerungs-Haltung zahlt sich buchstäblich aus. Denn R.E.M. sind ein Selbstläufer. Ihre Musik, die so überhaupt nicht weichgespült ist - die immer noch Ecken und Kanten hat - die stolz darauf ist, ruppig zu sein; diese Musik verkauft sich wie verrückt. Und die Platten-Firma schlägt einen Deal vor, der für viel Unruhe in der Szene sorgt. Kritiker sagen offen: "Das ist obszön!" - und sind bis heute empört.

Ein Angebot, das niemand ablehnen kann

80 Millionen Dollar. Das ist viel Geld. Das war in den 90ern so – und das ist auch heute so. Nur, um mal eine Vorstellung zu haben: Inflationsbereinigt entspricht das im Jahr 2018 einer Summe von 132 Millionen Euro. Das ist die Summe, die Warner Brothers locker machen will für R.E.M. – Den Deal nach dem Sensations-Erfolg von "Out Of Time" kann man sich im Wortlaut ungefähr so vorstellen: "Wir wollen fünf weitere LPs mit Euch machen". – Dafür schenken wir Euch 132 Millionen Euro! Bar auf die Hand – in Vorleistung. Nur für die Unterschrift". Klingt märchenhaft, aber der Plattenfirma ist es Ernst mit dem Angebot. Die Kritik in der Öffentlichkeit lässt nicht warten. Natürlich nicht! Mit dem Geld kann man Häuser, Yachten, Villen kaufen. Man kann Hilfsorganisationen auf dem Erdball unterstützen. Menschen vor dem Hungertod retten, Opfern von Naturkatastrophen ein neues Leben ermöglichen. Zu Tausenden. Warner sagt aber: "Das ist für Euch vier! Alles, was wir dafür als Gegenleistung haben wollen, ist Eure Musik. Fünf Alben. Also alle drei Jahre ein neues. Egal, ob die jetzt gut laufen, oder schlecht. Das Geld garantieren wir Euch!".

R.E.M. im Jahr 2011 (Foto: Warner Music Europe - Anton Corbijn)
R.E.M. im Jahr 2011 Warner Music Europe - Anton Corbijn

Tja, der "Pate" würde sagen: "Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann". R.E.M. unterschreiben. Und sie liefern ab. Alle drei Jahre ein neues Album. Und jedes – wirklich jedes! – wird ein kommerzieller Erfolg. Niemand kann voraussehen, wie gut oder schlecht Plattenverkäufe sind. Wirklich niemand. R.E.M. hätten den ein oder anderen Misserfolg landen können. Aber alles geht gut. Und als der millionenschwere Vertrag erfüllt ist, ist die Arbeit getan. Im Jahr 2011 lösen sich R.E.M. auf. Bis heute betteln Fans inständig um eine Wieder-Vereinigung. Aber die Multi-Millionäre sagen stets nein. Sie sind mit sich im Reinen. Und mit ihrer finanziellen Situation sowieso ...

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