Bonnie Raitt 2016 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Everett Collection)

Bonnie Raitt: "Nick of Time" (1989) Im allerletzten Moment

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Mitglied bei den Quäkern. Umwelt-Aktivistin von Beginn an. Musikerin aus Spaß an der Freude. Erst im allerletzten Moment ("in the nick of time", wie man im Englischen sagt) feiert Bonnie Raitt ihren Durchbruch – da ist sie schon seit 20 Jahren im Geschäft!

Männer-Überschuss an der Elite-Uni Harvard

Man kann sich denken, dass so ein unglaublich langer Weg sehr steinig ist. Wenn erst das zehnte Album zum Erfolg wird, wenn man 20 Jahre lang auf Tour ist, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, wenn die Ehe kaputt geht, wenn dann auch noch Alkohol mit im Spiel ist – dann darf man von einem Wunder sprechen, dass Bonnie Raitt überhaupt so lange durchgehalten hat.

Angefangen hat das alles in ihrer Jugendzeit (sie ist Jahrgang '49). In den 60er Jahren zieht sie fürs Studium an die Ost-Küste. Vom wuseligen Kalifornien geht es ins eher beschauliche Cambridge/Massachusetts. Sie bekommt einen Studien-Platz an der legendären Harvard-Uni. Sie amüsiert über die hohe Anzahl männlicher Studenten. Auf ein Mädel kommen vier Jungs!

Nach dem Studium in die Lehre – bei Mississippi-Blues-Legenden

Auf dem Campus gibt Raitt jede Menge Kneipen-Konzerte. Die Leute sind begeistert. Die junge Frau fällt mit unglaublichem Talent auf. Sie spielt hauptsächlich Blues- und Folksongs auf ihrer Gitarre. Und weil sie so viel Rückhalt auf dem Harvard-Campus bekommt, geht sie nach dem Studium bei Blues-Legenden in die Lehre.

John Hall, Graham Nash, James Taylor, Jackson Browne, Carly Simon und Bonnie Raitt 1980 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Warner Brothers/courtesy Everett Collection)
John Hall, Graham Nash, James Taylor, Jackson Browne, Carly Simon und Bonnie Raitt 1980 picture-alliance / dpa - Warner Brothers/courtesy Everett Collection

In Mississippi nimmt sie Unterricht bei Leuten wie John Lee Hooker und Muddy Waters. "Ich habe so viel von diesen Menschen gelernt", schreibt sie auf ihrer Homepage. "Bei denen habe ich mir nicht nur das Gitarre-Spielen und den Blues-Gesang abgeguckt, sondern auch die Art, wie die ihre Ehen geführt und mit ihren Kindern gesprochen haben!".

Ihr Talent und Können bleiben nicht unbemerkt. Schnell bekommt sie einen Plattenvertrag. Bei Warner veröffentlicht sie 1971 das nach ihr selbst benannte Debut-Album. Es bekommt hervorragende Kritiken.

Kommerzieller Erfolg? Pustekuchen!

Auch Album Nummer 2 und 3 sowie überhaupt alle Alben danach bekommen hervorragende Kritiken. Aber was nutzt all das Lob, wenn kein Mensch die Platten kauft? Die Plattenfirma behält trotzdem die Nerven – auch dann als es zu einem legendären Gefecht mit der Konkurrenz von Capitol Records kommt.

Capitol wildert damals in allen möglichen fremden Gehegen, um möglichst viele Künstler abzuwerben (die angeln sich z.B. Paul Simon, der Bonnies Label-Kollege ist). Die relativ erfolglose Raitt bleibt aber bei Warner – ausgestattet mit einem neuen, deutlich besseren Vertrag, wie sie später gesteht. Sie hat aber weiterhin keinen Erfolg bei den Verkaufszahlen.

1986 dann der Tiefpunkt. Sie bringt ihr Album Nummer 9 heraus – das sinnigerweise den Namen "Nine Lives" trägt – aber die weiterhin miesen Verkaufszahlen werden ausnahmsweise mal von schlechten Kritiken begleitet. Und das war's dann. Raitt ist raus. Der Plattenvertrag wird gekündigt. Die Sängerin ist am Ende. Das Alkoholproblem wird damit nur noch größer.

Phönix aus der Asche

Drei Jahre braucht sie, um sich aus diesem Loch zu befreien. Eigentlich ist es mehr als nur ein Befreiungsschlag. Eher ist sie der Phönix aus der Asche. Denn: Sie. Gibt. Nicht. Auf!

Graham Nash und David Grosby zusammen mit Bonnie Raitt in Kalifornien 2011 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - b18/ZUMAPRESS)
Graham Nash und David Grosby zusammen mit Bonnie Raitt in Kalifornien 2011 picture-alliance / dpa - b18/ZUMAPRESS

Sie ist Musikerin. Sie kann nichts anderes. Sie will unbedingt eine neue Platte machen. Ausschlaggebend ist die Blues-Gitarren-Legende Stevie Ray Vaughn. Der gilt sogar im besoffenen Zustand als Gitarren-Gott, aber als Raitt ihn einmal hört als er nüchtern spielt, fällt ihr auf: "Der klingt nüchtern NOCH BESSER!". - Und dann geht es ganz schnell. Trocken dank der Hilfe der Anonymen Alkoholiker, neuer Plattenvertrag dank der Hilfe von Freunden. (Dann jetzt doch Capitol Records!). Und was für Gastmusiker sie da hat! Kult-Produzent Don Was produziert – und sitzt bei "Too soon to tell" selbst am Keyboard. Jazz-Legende Herbie Hancock spielt das herzzerreißende Klavier auf "I ain't gonna let you break my heart again". David Crosby und Graham Nash (von "Crosby, Stills & Nash") sind die Background-Sänger bei "Cry on my shoulder".

Zwei der elf Lieder auf dem Album stammen aus der eigenen Feder von Bonnie Raitt: das Titelstück und das Schluss-Stück. Und beide geben damit einen symbolischen Rahmen. Denn das Titelstück heißt übersetzt "Im allerletzten Moment" – und der letzte Song heißt übersetzt "Straße ist mein zweiter Vorname" – eine Anspielung auf ihre jahrzehntelange Ochsentour und den Zwang, immer unterwegs sein zu müssen.

Multi-Millionen-Plattenverkäufe und Grammy-Ehren

Bonnie Raitt stand schon mit vielen großen Künstlern auf der Bühne, hier mit Bruce Springsteen und Jackson Browne in Los Angeles 1990 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Sam Jones)
Bonnie Raitt stand schon mit vielen großen Künstlern auf der Bühne, hier mit Bruce Springsteen und Jackson Browne in Los Angeles 1990. picture-alliance / dpa - Sam Jones

Dieser unfassbare Weg wird nach zwei Jahrzehnten mit 5 Millionen verkaufter Alben gekrönt, garniert mit Platz 1 in den US-Alben-Charts und drei Grammy-Auszeichnungen ("Ich konnte es nicht fassen, als ausgerechnet Ella Fitzgerald meinen Namen ausruft!").

In den Jahren danach wird Bonnie Raitt noch viele Millionen Alben mehr verkaufen – und noch sieben weitere Grammys ernten (Stand 2018). Sie gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen der amerikanischen Umwelt-Aktivisten – natürlich auch dank ihres Ruhmes.

Und so abgedroschen der Satz klingen mag: Es gibt nur wenige Menschen, bei denen er so sehr zutrifft wie hier: "Geduld zahlt sich aus!".

Bonnie Raitt rockt weiterhin die Bühnen der Welt, zum Beispiel hier beim New Orleans Jazz and Heritage Festival im April 2018 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Amy Harris/Invision/AP)
Auch 2018 rockt Bonnie Raitt noch die Bühnen der Welt, zum Beispiel hier im April beim New Orleans Jazz and Heritage Festival. picture-alliance / dpa - Amy Harris/Invision/AP
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