The Byrds 1965: Chris Hillman, Dave Crosby, Mike Clark, Jim McGuinn, Gene Clark (Foto: imago stock&people - imago/United Archives International)

The Byrds: "Mr. Tambourine Man" (1965) Die Geburt des Folk-Rocks

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

1965 erlebt die Musik-Welt der USA mit den Beatles die "British Invasion". Folk-Music und besonders der Folk-Rock der Byrds sind die musikalische Antwort.

Folk-Music soweit das Auge reicht – und das Ohr!

Bob Dylan. Diese Geschichte hier ist ohne Bob Dylan überhaupt nicht möglich. Denn ohne ihn gäbe es die Byrds überhaupt nicht. Und das ist jetzt wörtlich gemeint. Denn dass der Mann bis heute einen unfassbar großen Einfluss auf die Musik-Welt hat, ist unbestritten. Dylan ist es allerdings höchstpersönlich, der sich Mitte der 60er Jahre mit seiner ganzen Autorität bei einer Plattenfirma für eine völlig unbekannte Band einsetzt.

Diese Band tummelt sich im Jahr 1964 in den Bars und Clubs von Los Angeles. Folk-Music ist DAS große Ding damals. Und über allem schwebt der Schatten eines gewissen Bob Dylan, der Auslöser, Identifikations-Figur und Vollendung dieser Musikrichtung in einer Person zu sein scheint. Er steht für die Rückbesinnung auf "traditionelle" amerikanische Musik – traditionelle "weiße" amerikanische Musik wohlgemerkt.

Denn natürlich gibt es da noch die traditionelle Musik der Ur-Einwohner und die Musik der Menschen, die als Sklaven nach Amerika entführt worden waren. Der Unterschied ist wichtig, denn "DIE" traditionelle amerikanische Musik gibt es im eigentlichen Sinne tatsächlich in verschiedenen Varianten.

Dylan, Dylan, immer wieder dieser Bob Dylan!

Hier sind wir also bei der Folk-Music. Und sie ist auch deswegen im Jahr 1964 so groß, weil die sogenannte "British Invasion" in den USA nicht unbedingt jedermanns Geschmack ist. Aber der Schatten der Beatles und Stones ist damals kolossal in den Billboard-Charts – und er hat auch noch Jahrzehnte danach seine Wirkung.

Bob Dylan (Foto: picture-alliance / dpa - Fotograf: Bert Reisfeld)
Bob Dylan picture-alliance / dpa - Fotograf: Bert Reisfeld

Sich von diesem Schatten rein musikalisch zu befreien, ist Mitte der 60er Jahre nicht unbedingt leicht. Bob Dylan kann das aber – und deswegen wird er so verehrt, so häufig gespielt, und noch häufiger kopiert. Kein anderer Künstler hat dermaßen viele Songs getextet und komponiert, die dann im Anschluss von anderen Leuten gecovert werden und unter Umständen dadurch sogar zu noch größeren Hits mutieren.

"Mr. Tambourine Man" ist so ein Song. Und Dylan merkt sehr genau, dass es da eine talentierte Truppe gibt, die etwas Besonderes aus seinem Lied macht. Diese Truppe nennt sich "Jet Sets".

Wer spielt die Instrumente?

Ein gewiefter Manager ist so schlau und lädt Bob Dylan ins Studio ein. Er soll sich diese Truppe bitte mal anhören – speziell deren Version eines Dylan-Songs. Und der Legende nach soll Dylan in diesem Moment gesagt haben: "Wow! Da kann man ja sogar drauf tanzen!". Und das ist eben der Spagat, den die Jet Sets schaffen; genau das ist der Meilenstein: Sie verbinden Folk und Rock. UND sie klingen dennoch ein bisschen nach British Invasion.

The Byrds 1966 (Foto: imago/ZUMA Press - imago stock&people)
The Byrds (1966) imago/ZUMA Press - imago stock&people

Mit Dylans Segen also wird aus den Jet Sets eine Band, die sich schnell in "Byrds" umbenennt: Sie sollen dieses Lied in ihrer speziellen Art aufnehmen. Das tun sie auch – allerdings fühlen sie sich als Club-Musiker noch nicht sicher genug an ihren Instrumenten, um eine Single einzuspielen. Sie haben noch keine Erfahrung im Studio. Also werden Studio-Musiker angeheuert, die den wunderschönen Harmonie-Gesang der Byrds instrumental begleiten. Erst zwei Monate später fühlt sich die Truppe fit genug. (Und wieder spielt Dylan eine unschätzbare Rolle, denn er gibt mit der Truppe wochenlang Live-Konzerte in Los Angeles!).

Das anstehende gleichnamige Album nehmen sie dann selber auf – aber bis heute hält sich das Gerücht, dass die Byrds gar nicht selber an den Instrumenten zu hören gewesen seien. Profi-Ohren erkennen aber deutlich einen Unterschied zwischen Titel 1 auf dem Album (eben "Mr. Tambourine Man") und dem kompletten Rest von Nummer 2 bis 12.

Eine Mischung, die noch nie dagewesen war

Publikum und Kritiker sind begeistert! Die Single wird zum Millionen-Hit in den USA und in Europa. Das hatte man so noch nicht gehört: rockige Folk-Musik, eine merkwürdig schnarrende Gitarre – und das alles eingebettet in klug arrangierten Harmonie-Gesang von drei Stimmen gleichzeitig. Und was war sonst zu finden auf diesem Meilenstein-Album? Interessanterweise nur fünf Eigenkompositionen – aber insgesamt viermal Bob Dylan-Lieder. Damit war das Album fast vollständig bestückt bei insgesamt zwölf Titeln.

Und was typisch ist für die damalige Zeit: Die Songs sind superkurz. Zwei Minuten. Das ist der Standard. Nur ein einziger Song kratzt knapp an der Vier-Minuten-Marke (die "Chimes of Freedom" – die Freiheits-Glocken). Und das heißt, dass bei einem Dutzend Titeln die LP mit gerade mal 30 Minuten Laufzeit die typisch kurze Länge für die damalige Zeit hat.

The Byrds (1966) (Foto: picture alliance / Everett Colle - Courtesy Everett Collection)
The Byrds (1966) picture alliance / Everett Colle - Courtesy Everett Collection

Dieser Beginn der Folkrock-Musik hat noch heute Einfluss in der Musik-Welt. Und das ist etwas, das nur wenige Bands von sich behaupten können. Allerdings gibt es die "Byrds" nicht besonders lange. Aus dem Quintett wird nach dem Debut-Album ganz schnell ein Quartett – und in den Jahren danach gibt es immer wieder Neu-Besetzungen. 1973 lösen sich die Byrds auf – gehören aber zu der Sorte von Musik-Gruppe, die sich Jahrzehnte später noch einmal für ein Comeback zusammenraufen – nur um danach dann doch wieder getrennte Wege zu gehen…

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