Mark Knopfler 2001 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Jens Niering)

Mark Knopfler: "Sailing to Philadelphia" (2000) Ein tiefenentspanntes Album – das über drei Millionen Fans findet

Mark Knopfler mag es eigentlich gerne etwas ruhiger. Das war schon bei den Dire Straits herauszuhören. Als Solo-Künstler betont er das überdeutlich – und ist ganz in seinem Element.

Ohne Knopflers Promi-Status völlig undenkbar

Mark Knopfler mochte das Rampenlicht nie besonders. In zahllosen Interviews hatte er immer wieder betont, wie sehr ihn das Dasein eines Rock´n´Roll-Superstars gestresst hatte. Als mit den Dire Straits Schluss ist, genießt er seine Ruhe in vollen Zügen. Und er genießt es, jetzt auch das machen zu dürfen, wonach ihm musikalisch der Sinn steht. Und ihm steht der Sinn nach getragenen Melodien; nach einem Album, das eine entspannt zurückgelehnte Atmosphäre ausstrahlt. Achten Sie mal auf den Opener von „Sailing to Philadelphia“:

Bei „What It is“ geht einigermaßen die Post ab – aber schneller wird es auf dem gesamten Album nicht mehr. Im Gegenteil. Es wird ziemlich gemütlich. Eine Ausnahme gibt es auf dieser LP vielleicht noch bei „Speedway to Nazareth“ – aber da spricht ja der Songtitel schon für sich.

Als diese Solo-LP von Knopfler im Jahr 2000 auf den Markt kommt, fragen Journalisten, ob das nicht etwas gewagt sei, so verhältnismäßig ruhig daherzukommen. Der Künstler antwortet, dass er ohne seinen Promi-Status die LP wohl nie und nimmer hätte machen dürfen. Er hätte wohl noch nicht einmal einen Vertrag bekommen!

Mark Knopfler 2001 (Foto: Imago, imago images / Busse)
Mark Knopfler 2001 in Erfurt Imago imago images / Busse

Grüße aus der Mozart-Epoche

Da merkt man schon deutlich: „Sailing to Philadelphia“ ist ein Album, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Es passt nicht ins Jahr 2000 – dafür strahlt es zu viel Ruhe aus. Und der Album-Titel selber versetzt uns ja auch zurück ins Jahr 1763. Und nur, um das mal ein bisschen zu verdeutlichen: 1763 – das ist das Jahr, in dem Mozart gerade mal 7 Jahre jung ist und als Wunderkind durch Europa gekarrt wird. Der Siebenjährige Krieg geht zu Ende. Der Verlag C.H. Beck wird gegründet (so alt ist der schon!!).

Und in der damals sog. „Neuen Welt“ gibt es Grenzstreitigkeiten zwischen dem riesigen Pennsylvania und dem winzigen Maryland. Die britische Krone schickt zwei Landvermesser nach Übersee: Jeremiah Dixon und Charlie Mason. Diese beiden sollen den Grenzstreit beenden. Vier Jahre lang ziehen sie wie mit dem Lineal eine Linie, die noch heute gültig ist. Die Mason-Dixon-Linie trennt die Nord- von den Süd-Staaten; Sklaverei von Freiheit. Mark Knopfler erzählt mit viel Charme in diesem Song die Geschichte zweier Landvermesser, die sich ziemlich kabbeln und an einander verzweifeln. Knopfler findet mit James Taylor einen kongenialen Duett-Partner für die Ballade.

Knopfler tauscht britischen mit amerikanischem Akzent

„Sailing to Philadelphia“ wird zum Meilenstein für Mark Knopfler, denn hier gelingt ihm der endgültige Abschied von den Dire Straits. Knopfler ist ganz bei sich – aber auch wenn er ganz bei sich ist, kann das trotzdem hier und da mal nach den Dire Straits klingen. Die E-Gitarre wird dezent eingesetzt. Überhaupt ist der Klang sparsam. Bombast sucht man hier vergeblich. Fast hat man den Eindruck, ein reines „Akustik“-Album zu hören. Schlagzeug, irische Fiddel, Akustik-Gitarren.

Die Musik, die man hier zu hören bekommt, ist handgemacht. Und Knopfler ist in verschiedenen Genres unterwegs. Der Blues weist ihm am häufigsten den Weg. Beim Van-Morrison-Gastspiel in „The Last Laugh“ spürt man aber auch den Soul einer Otis-Redding-Ballade. Knopfler, der seit Jahrzehnten in London lebt, war sein Leben lang vom amerikanischen Soul und Blues geprägt. Diese Liebe war stellenweise so stark, dass er sogar einen amerikanischen Akzent angenommen hatte. Die LP ist Zeugnis dieser Zuneigung: die Hälfte der Songs hat schon im Titel einen USA-Bezug (Philadelphia, Silvertown Blues, El Macho, Prairie Wedding, Nazareth, Nevada). Die Aufnahmen finden übrigens in Nashville statt!

Er hört sogar mit dem Rauchen auf!

Der Akustik-Eindruck täuscht nicht. Das Vorgänger-Solo-Album „Golden Heart“ aus dem Jahr 1996 war noch deutlich satter produziert. Jetzt – vier Jahre später – hört man ein Album, das klanglich deutlich abgespeckter ist. Und es ist, wie Knopfler sagt, „in einem Rutsch“ aufgenommen. Also „Live on Tape“. Alle Musiker werden gleichzeitig aufgenommen – und nicht wie sonst bei modernen Produktionen oft üblich in getrennten Durchgängen. Aber das mit „in einem Rutsch“ sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Eher geht es gemütlich zu. Es braucht fast zwei Jahre bis sämtliche Titel im Kasten sind. Diese Art des Zusammenspielens bereitet Knopfler viel Freude im Studio. So viel Freude, dass er damals sogar mit dem Rauchen aufhört! Er habe sich einfach so sehr aufs Musizieren konzentrieren müssen, dass er die Kippen irgendwann vergessen habe, so Knopfler. Und der Stimme sei es auch zugutegekommen.

Der Erfolg gibt ihm – wie so oft – Recht. Bis heute verkauft sich die LP 3,5 Millionen Mal. Das ist viel für ein Album, das so relativ ruhig daherkommt. Aber wie oben schon geschrieben: Das mit dem „ruhig“ passt zu ihm. Auf seiner Homepage gibt es eine kurze und knappe Charakterisierung über ihn: An zwei Orten dieser Welt werde man ihn nicht finden: Nicht in fetten Schlagzeilen der Klatschpresse – und auch nicht in irgendwelchen grellen Casting-Shows…

Mark Knopfler 2018 (Foto: Universal Music)
Mark Knopfler heute Universal Music