Roxette (1992) (Foto: imago/teutopress -)

Roxette: "Joyride" (1991) Roxette setzen einen "oben drauf"

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Kann man einen Welterfolg wiederholen? Ihn vielleicht sogar toppen? Kurze Antwort: Ja, kann man! Jedenfalls, wenn man "Roxette" heißt!

Zum Erfolg verdammt

Das mit dem Welterfolg ist so eine Sache: Keiner weiß genau, wie das geht. Sonst wäre ja jeder Mensch auf der Welt Multi-Millionär. Das schwedische Pop-Duo Roxette steht 1991 allerdings vor dem Luxus-Problem, ziemlich erfolgreich gewesen zu sein. Denn zwei Jahre zuvor war den beiden der Durchbruch auf internationaler Ebene gelungen.

War das Debut-Album "Pearls of Passion" im Herbst 1986 lediglich ein Riesen-Erfolg in der schwedischen Heimat, konnte keiner ahnen, dass die zwei zu Weltstars werden würden. Denn "Look Sharp" hatte sich ab 1989 zum Welt-Bestseller entwickelt (bis heute über 9 Millionen verkaufter Exemplare). Aber wie wiederholt man das?

Per Gessle und Marie Fredriksson von Roxette 1991 in Berlin (Foto: imago/BRIGANI-ART -)
Per Gessle und Marie Fredriksson von Roxette 1991 in Berlin imago/BRIGANI-ART -

Ein Studio mit dem Namen "Tits and Ass Recordings"

Per Gessle und Marie Fredriksson stehen also unter Druck. Nicht bloß aus Fan-Sicht. Auch die Plattenfirma sorgt für Druck, denn die besteht darauf, "internationaler" zu klingen. Die beiden sollen das neue Album bitteschön in Hollywood aufnehmen – mit amerikanischen Produzenten. Aber die beiden sind standhaft.

Sie bestehen darauf, in ihrer Heimat bleiben zu wollen – in schwedischen Studios aufzunehmen, mit schwedischem Personal. Die Plattenfirma gibt nach und lässt ihre Künstler gewähren. Man kann davon ausgehen, dass das eher zähneknirschend geschieht. Denn die beiden lassen sich auch noch alle Zeit der Welt. Die teure Studiozeit dehnt sich auf insgesamt 11 Monate aus. Erst dann ist die LP "Joyride" im Kasten.

Eines der beiden Tonstudios befindet sich in Stockholm – es gehört zum EMI-Konzern – das andere in Halmstad. Per Gessle hatte es in den 80er Jahren mitbegründet und im jugendlichen Leichtsinn einen politisch völlig unkorrekten Namen dafür mitverantwortet: "Tits and Ass Recordings". Das übersetzt jeder am besten für sich selber…

Vorfreude auf Roxette – Dank "Pretty Woman"!

Gessle gibt der Online-Zeitung "Huffington Post" im Jahr 2015 ein vielbeachtetes Interview, in dem er noch einmal auf die Umstände des Jahres 1991 zurückblickt. Dort bezeichnet er den Erfolgs-Druck, den EMI auf Roxette ausgeübt hatte, als "intensiv".

Er habe als Haupt-Songwriter aber natürlich nicht einfach so Welthits aus dem Ärmel schütteln können. Allerdings habe ein Film dafür gesorgt, dass der Name "Roxette" immer noch sehr präsent gewesen sei beim Publikum – und zwar der Kultfilm "Pretty Woman". Nur einen einzigen Song hatten Roxette zum Film beigetragen – aber "It Must Have Been Love" war ein Welthit geworden. Und für Gessle war das natürlich ein Segen.

Er habe sich damals vorgenommen, jedes neue Lied so zu komponieren, als wäre es auf einem "Greatest Hits"-Album drauf. Druck hin oder her (EMI hatte 2 Millionen US-Dollar nur für Vorab-Promo investiert!) – er habe Spaß bei der Sache gehabt, denn alle seien motiviert gewesen.

Szene aus Pretty Woman (Richard Gere und Julia Roberts) (Foto: imago/United Archives -)
"Pretty Woman" mit Richard Gere und Julia Roberts imago/United Archives -

Krieg sorgt für Konzert-Ausfälle!

Als das Album dann rauskommt, ist der Erfolg enorm. Das Duo schafft es tatsächlich die Verkaufszahlen von "Look Sharp" zu übertreffen – und zwar deutlich! War der Vorgänger 9 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen, ist "Joyride" mit 11 Millionen verkaufter Exemplare Roxettes populärstes Album überhaupt. Das hat natürlich auch mit der gigantischen Begleit-Tournee zu tun, die das Duo auf vier Kontinente führt.

100 Konzerte mit insgesamt 1,7 Millionen zahlenden Gästen – das ist schlicht der helle Wahnsinn. Der Wahnsinn sorgt allerdings auch dafür, dass 15 Konzerte ausfallen müssen – der Wahnsinn in Form des jugoslawischen Bürgerkriegs. Er sorgt Anfang der 90er Jahre für eine angespannte Lage in einigen angrenzenden südosteuropäischen Ländern. Fans in Jugoslawien, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei (wie das Land bis 1992 vor der Trennung in Tschechien und Slowakei noch heißt) gucken buchstäblich in die Röhre! Allerdings fallen auch einige Konzerte in den USA aus. Hier spielen möglicherweise schlechte Konzert-Kritiken eine Rolle. Im Gegensatz zu den Absatzzahlen der LP laufen die Ticket-Verkäufe in Amerika nur schlecht.

Bitte nicht langweilen!

Grundsätzlich bekommen Roxette aber gute Kritiken. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Rezensionen alle einen gemeinsamen Nenner haben: "Das hier ist Pop-Musik. Mehr nicht. Aber das ist GUTE Pop-Musik!". Und dass alleine fünf der Lieder als Single ausgekoppelt werden, zeigt wie gefragt das Duo ist.

Einen kleinen Scherz in Sachen Popmusik, Ohrwürmer und "Greatest Hits" erlauben sich die beiden dann im Inlay der CD. Die Ränder links und rechts bilden nicht nur Titel und Interpret ab; da steht tatsächlich auch noch: "Don't bore us – get to the chorus!". Also auf Deutsch etwa: "Bitte langweilt uns nicht – kommt sofort zum Refrain!".

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