SWR1 Spezial mit Christopher Cross am 2. Mai 2011 in Mannheim (Foto: SWR, SWR1, Jochen Enderlin -)

Christopher Cross: "Christopher Cross" (1979) Ein fast schon märchenhaftes Debut

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Ein Kind in Texas träumt von der großen Flucht

"Ich fand das einfach faszinierend als Kind: diese Cowboy-Filme! Da gab es immer einen Outlaw. Der war immer auf der Flucht vor dem Gesetz. Und immer musste er rüber über die Grenze nach Mexiko, um frei zu sein. Das hat mich einfach wahnsinnig fasziniert als Kind. Denn in dieser Ecke der USA bin ich aufgewachsen. Die Grenze war in Texas nicht weit weg. Und ich dachte dann immer: Nur noch ein paar Meilen, dann bist Du frei!". - Christopher Cross hat eine tolle Hintergrundgeschichte für seinen Klassiker "Ride Like The Wind". Der ist zu finden auf seinem Debut-Album "Christopher Cross" aus dem Jahr 1979. Und was für ein Debut das ist! Eines, von dem die meisten Künstler nur träumen können. Denn Cross legt mit dem Album gleich mehrere Single-Auskopplungen hin, die allesamt zu Klassikern werden. Neben "Ride Like The Wind" sind das noch das unvergleichlich tiefen-entspannte "Sailing", das cocktail-leichte "The Light Is On" und das unvergleichlich lockere "Say You´ll Be Mine".

Christopher Cross bei einem Konzert etwa 1985. (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Der US-amerikanische Sänger und Songschreiber etwa 1985. Imago Imago/Fotograf XY -

Sogar "Deep Purple" kommen ins Staunen

Dieses "Say You´ll Be Mine" ist nicht nur wegen seiner guten Laune bemerkenswert. Es fällt musikalisch auch auf, denn der Opener auf diesem Debut-Album macht gleich zu Beginn klar: "Hallo, Platz da, jetzt bin ich da!". Cross braucht für die Einleitung zu dem Song sage und schreibe gerade mal zwei Sekunden! Oder genauer formuliert: Er braucht überhaupt keine Einleitung, sondern fängt direkt mit dem Refrain an (oder wie die Fachleute sagen: mit dem HOOK). Das ist mutig und zeugt von dem Selbstbewusstsein, das der junge Musiker im Jahr 1979 hat. Er ist schon 28 Jahre alt, kann aber überhaupt keine nennenswerte Karriere aufweisen (außer der als Musiker in einer örtlichen Rockband, die sich auf Coversongs spezialisiert hat). Vielleicht liegt es daran, dass er als 20-Jähriger mal das unglaubliche Glück hatte, Deep Purple mit seinem Können an der Gitarre umzuhauen. Der nicht gerade als umgänglich bekannte Kult-Gitarrist Richie Blackmore ist von dem Können des jungen Burschen so begeistert, dass er ihm die Erlaubnis gibt, ihn bei einem Konzert 1970 in Texas an der Gitarre krankheitsbedingt vertreten zu dürfen! Sowas baut auf, und 1979 hat Cross genug musikalischen Mumm in den Knochen, um eine große Plattenfirma um einen Vertrag zu bitten. Das, was er als Demo-Material dabei hat, reicht vollkommen, um die Firmen-Chefs zu überzeugen. Er bekommt den Vertrag!

Christopher Cross Auftritt (Foto: SWR)
Christopher Cross bei einem Auftritt 1983.

Ein völlig Unbekannter düpiert die Prominenz!

Das Debut-Album ist ein Meilenstein in mehrerer Hinsicht. Mal abgesehen davon, dass es bis heute keinen anderen Künstler gibt, der gleich für seine erste LP mit Grammys überschüttet wird (Cross räumt 1981 in allen vier Haupt- und einer Neben-Kategorie ab) – es ist auch aufnahmetechnisch historisch. Zum allerersten Mal wird hier "digital" aufgenommen – jedenfalls außerhalb der Klassischen Musik. Cross ist damit auch Vorreiter des digitalen Tonträgers namens "CD". Nur dass das 1980 ein Begriff ist, den noch kein Mensch kennt! Vermutlich ist das mit den Grammys aber wohl der größere Meilenstein. Denn dass ein buchstäblich komplett unbekannter Künstler so viele Preise bekommt (und andere nominierte Favoriten wie Pink Floyd, Billy Joel oder auch Barbra Streisand ziemlich alt aussehen lässt), das hatte es in der damals 23-jährigen Geschichte des Grammys noch nicht gegeben!

Christopher Cross bei der Grammy-Verleihung 1981 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Zwei der fünf Grammys, die Christopher Cross 1981 abgeräumt hat. picture-alliance / dpa -

Christopher Cross weiß, woran es liegt

Der Erfolg von Christopher Cross fällt 1980 buchstäblich aus der Zeit. Im Dezember 1979 veröffentlicht, wird das Album im darauffolgenden Jahr zum Sensations-Erfolg. Es verkauft sich unglaubliche vier Millionen Mal. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Außer der, die der Künstler selber gibt. Er sagt einmal: "Bevor ich aufgetaucht bin, gab es Disco, dann Krawall-Radio und dann Punk. Die Altersgruppe, die meine Platte gekauft hatte, konnte nicht mehr viel damit anfangen. Meine Texte und meine Musik sind weder politisch noch intellektuell. Ich versuche einfach nur, die Leute gut zu unterhalten und für Entspannung zu sorgen!".
Das schafft er auch glänzend. Den entspannten Groove von "The Light Is On" muss man erstmal hinbekommen. Und das Arrangement von "Sailing" ist einfach nur magisch. Man hat hier tatsächlich das blaue Meer, strahlend blauen Himmel und sanft vom Wind geblähte Segel eines Bootes vor dem geistigen Auge. – Vielleicht ist diese Musik ein bisschen zu sehr aus der Zeit gefallen. 1983 gelingt Cross noch einmal ein großer Wurf mit seinem nächsten Album "Another Page". Er gewinnt sogar einen Oscar für das darauf enthaltene Stück "Arthur´s Theme" zum Comedy-Hit "Arthur – Kein Kind von Traurigkeit" (mit Dudley Moore und Liza Minelli) – aber damit ist der Erfolg von Christopher Cross auch schon vorbei. Die knall-bunten 80er sind da. MTV wird immer größer. Und die MTV-Generation kann mit dieser Musik nichts mehr anfangen. Christopher Cross bleibt nur der Trost, 80er-Jahre-Musik geschaffen zu haben, die nicht nach 80er Jahre klingt – und glücklicherweise sowohl damals als auch heute zeitlos geblieben ist.

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