Lionel Richie in 1985 (Foto: Imago, imago/ZUMA Press -)

Lionel Richie: "Can't Slow Down" (1983) Wer braucht bei Vollgas schon Bremsen?

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Hat er das eigentlich geahnt? Lionel Richie nennt sein zweites Album "Can't Slow Down" – übersetzt also ungefähr: "Ich kann nicht bremsen". Und was die Verkaufszahlen seines zweiten Solo-Albums angehen: die sind im Winter 1983/1984 in der Tat kaum zu bremsen!

Mainstream – im besten Sinne!

Lionel Richie ist zu diesem Zeitpunkt Erfolg gewöhnt. Sehr sogar. Erst genießt er Star-Ruhm bei den "Commoderes"- und dann genießt er Star-Ruhm als Solo-Künstler. Richie war sich offenbar schon früh darüber im Klaren, dass er genug Talent als Sänger und Songwriter hatte, um damit auch allein bestehen zu können. Eigentlich ja auch ganz normal.

Die Musik-Geschichte ist voll von Beispielen, in denen erfolgreiche Bands ihren Sänger verlieren, weil derjenige lieber auf Solo-Pfaden unterwegs sein wollte. Was das Besondere bei ihm ist: Er klingt jetzt völlig anders. Denn wo die "Commodores" für Funk-Musik standen, gilt für den Solo-Künstler jetzt der Mainstream-Pop als Grundlage. Das zeigt er bereits bei seinem Solo-Debut (das er 1982 einfach nur "Lionel Richie" nennt) – das zeigt er aber noch viel deutlicher bei Solo-Album Nummer 2.

Weg vom Korsett der Funk-Musik

Das Erfolgsrezept? Die Mischung macht's! Richie findet hier den idealen Mittelweg. Alle acht Lieder stammen aus seiner Feder. Die schnellen Songs bringen gute Laune rüber, ohne nach penetranter Gute-Laune-Musik zu klingen (was an sich schon ein wahres Kunststück ist). Die Balladen sind so zauberhaft, dass sie zu Welt-Hits und Klassikern für die Ewigkeit werden.

Das enge Korsett der Funk-Musik schüttelt er einfach so ab – und landet beim ganz großen Publikum. War das Solo-Debut mit 5 Millionen verkauften Exemplaren schon ein Renner, ist "Can't Slow Down" buchstäblich nicht zu bremsen. Ab seiner Veröffentlichung hält es sich drei Jahre lang ununterbrochen in den amerikanischen Alben-Charts. Bis heute sind 20 Millionen Exemplare verkauft worden.

Lionel Richie und Tina Turner (Foto: SWR)
1985 gewannen Lionel Richie und Tina Turner mehrere Grammy Awards - Richie unter anderem für sein Album "Can't Slow Down".

Fünf von acht Songs als Single-Auskopplung

Die Singles kurbeln den Verkauf natürlich prächtig an. Acht Lieder sind auf dem Album drauf – fünf Stück werden ausgekoppelt. Der Titel-Song – der auch noch der Opener ist! – ist merkwürdigerweise nicht darunter. Das hat vielleicht zwei Gründe: Zum einen fehlt ihm ganz simpel die Ohrwurm-Qualität der anderen Lieder. Zum anderen ähnelt er verblüffend dem Michael-Jackson-Hit "Wanna Be Startin' Something"! Das allein ist schon kurios – aber kurios ist auch noch die ein oder andere Geschichte rund um diese Singles:

  • Bei "All Night Long" gibt es im Text zum Beispiel das berühmte "Tambo liteh sette mo-jah! Yo! Jambo jambo". Klingt afrikanisch. Soll auch so klingen – ist aber eine reine Gaga-Erfindung von Lionel Richie! Er ruft sogar bei der UNO an, weil er sich nach einer netten "afrikanischen" Gute-Laune-Formel erkundigt. Die watschen ihn allerdings mit dem Hinweis ab, dass es tausende Dialekte auf dem Kontinent gebe – also erfindet er selber etwas.
  • Bei "Penny Lover" ist Richies damalige Ehefrau Brenda die Co-Autorin. Die Ehe wird 1993 – nach insgesamt 18 Jahren – geschieden.
  • "Running With the Night" glänzt durch den Background-Gesang eines damals noch völlig unbekannten jungen Mannes namens Richard Marx Schlagzeug und Gitarre werden bei Toto ausgeliehen (Jeff Porcaro und Steve Lukather waren gerngebuchte Studio-Musiker).
  • Der Video-Clip zur zauberhaften Ballade "Hello" wurde mal zum schlechtesten Musik-Clip aller Zeiten gewählt (und zwar von 8000 Anhängern des britischen Musik-Senders "The Box") – und Richie selber mag das Video mit dem blinden Mädchen auch nicht. Die Schauspielerin war übrigens nicht blind. Sie sieht man später öfters mal bei "General Hospital".

Grammy-Ehren gibt es für das Album natürlich auch – aber nicht übermäßig viel. Lionel Richie bekommt den Grammy für das "Album des Jahres" (und zusammen mit James Carmichael wird ihm auch der Grammy als "Bester Produzent des Jahres" zugesprochen).

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