Rod Stewart und seine Band (Foto: Imago, imago/ZUMA/Keystone -)

Rod Stewart: "Atlantic Crossing" (1975) Ein Millionär hat's schwer – und wandert aus

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

83% Spitzensteuersatz für Spitzenverdiener in Großbritannien? Das ist zu viel für Rod Stewart. Er wagt einen Neuanfang – und macht mit "Atlantic Crossing" beruflich und privat den großen Schritt über den Atlantik nach Amerika.

Auf dem Sprung vom Star zum Weltstar

Kurioserweise ist dieser Wechsel in die USA gleichbedeutend mit dem Durchbruch in Europa. Denn bis dahin hatte Rod Stewart zwar eine respektable Karriere hingelegt (er war unter anderem Sänger bei den "Faces" und anschließend als Solo-Künstler erfolgreich), aber eine richtig große Nummer war er eigentlich nur in der britischen Heimat.

Rod Stewart (Foto: SWR)
Rod Stewart (1976)

Den Schritt zum Weltstar hatte Stewart bis 1975 noch nicht gemacht – und in dem Jahr war er immerhin schon 30 geworden. Ein Alter, von dem viele Musiker sagen, dass man es bis dahin entweder geschafft hat, oder zum großen Rest der Künstler gehört, die sich mehr oder weniger über Wasser halten können. Rod Stewart kann sich 1975 ziemlich gut über Wasser halten. Bis dahin hat er schon fünf Solo-Alben veröffentlicht, die allesamt erfolgreich waren (allen voran das bis heute hochgeschätzte Album "Every Picture Tells A Story" aus dem Jahr 1971). Immer wieder hatte er sogar beim Verkauf an der Millionen-Marke gekratzt. Aber auf dem Konto will das irgendwie nicht ankommen.

Schon die Beatles hatten im "Taxman" bitterlich geklagt!

Und das hat mit dem britischen Finanzministerium zu tun. 1975 wird der Spitzensteuersatz im Königreich von 60 auf 83% erhöht. Umgerechnet auf heute und in Euro heißt das: Wer mehr als 240.000 € brutto pro Jahr verdient, hat davon gefälligst 83% Steuern abzuführen. Das klingt hart – war aber schon deutlich härter. Die Beatles konnten buchstäblich ein Lied davon singen – ein sehr berühmtes Lied! Im Kultsong "Taxman" (vom Album "Revolver") wird Finanzminister Edward Heath unsterblich gemacht, der bei den Fab Four – "One for You, Nineteen for Me" – also 95 Prozent abkassierte!!!).

Irgendwo hört der Spaß auf – und Rod Stewart wird zum Steuerflüchtling. Es zieht ihn in die USA. Dort ist der Spitzensteuersatz zwar auch ziemlich hoch (1975 liegt er bei immerhin satten 70%), ABER: er greift erst viel später als in der Heimat. Konkret und auf heute umgerechnet heißt das: Erst ab einem Einkommen von jährlich einer Million Euro ist die hohe Abgabe fällig. Rod Stewart kann in den USA also viermal so viel verdienen wie in London, ehe das Finanzministerium zugreift. Und wer kann dazu schon "nein" sagen? Rod Stewart jedenfalls nicht. Aber auch dieser Wechsel hat seinen Preis. Emotionaler Art.

Heimweh. Nichts als Heimweh

Es gibt bei "Atlantic Crossing" ein musikalisches Zentrum, ein emotionales Zentrum. Und das ist nicht etwa in der Mitte des Albums zu finden, sondern ganz am Ende. Ein herzzerreißendes Lied, in dem es eigentlich um nichts anderes als Heimweh geht. Und das ist der letzte Titel des Albums: "Sailing". Es ist ein Cover-Song. Das Original stammte aus dem Jahr 1972 von den Sutherland Brothers. Stewart hatte das Lied damals im Radio gehört und war sich sicher, den Song eines Tages in einer eigenen Version aufzunehmen. Man sollte sich mal den Spaß machen und die heute relativ unbekannte Original-Version von "Sailing" anhören. Die findet man leicht im Internet, wenn man nach den "Sutherland Brothers" sucht. Der direkte Vergleich macht auch gleich klar, warum das kein Hit war.

Denn das Original kommt mit einem plumpen Schlagzeug daher, das aus einer netten Melodie ein fast schon ordinäres Rumtata-Stück macht. – Und um wieviel schöner und galanter ist die Version von Rod Stewart! Er macht aus einer simplen Hau-Drauf-Nummer eine wunderbar zarte und filigrane Ballade. Ein Stück, das zum Klassiker geworden ist, gerade weil es so eine zauberhaft leichte Atmosphäre hat. Eine Atmosphäre, die in Musik das ausdrückt, was man bei einem Segeltörn im Mittelmeer fühlt: Sonne, eine leichte Brise auf der Haut, das Gefühl von Freiheit. (Die Sutherland Brothers nehmen sich diese Atmosphäre ein Jahr später sehr zu Herzen und landen mit "Arms of Mary" einen Mitsing-Hit, der noch heute gerne bei SWR1 gespielt wird!). Für Stewart ist der Song Ausdruck seines Heimwehs – denn trotz des finanziellen Gewinns. Die alte Heimat verlassen zu haben, tut weh.

Verblüffende Unterschiede zwischen A- und B-Seite

Rod Stewart und seine Frau, das Model Britt Ekland 1977 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa / empics -)
Rod Stewart und seine Frau, das Model Britt Ekland 1977 dpa / empics -

Typisch für männliche Rock'n'Roll-Stars ist ihr Faible für schöne Frauen. Jede Beziehung, die Rod Stewart in seinem Leben eingegangen war, war die zu einem Model (Stewart hat insgesamt 8 Kinder von 5 verschiedenen Frauen). 1975 ist er mit dem Model Britt Ekland zusammen (die Beziehung hält nur zwei Jahre und bleibt ohne Kinder). Ekland kennt man zum Beispiel als Bond-Girl aus "Der Mann mit dem goldenen Colt". Britt hat eine ungewöhnliche Idee für das neue Album ihres Freundes: Sie sagt: "Mach doch einen deutlichen Unterschied zwischen A- und B-Seite! Mit den schnellen Songs fängst Du an - die kommen auf die A-Seite. Und die Balladen kommen auf die B-Seite!". Die Idee ist so ungewöhnlich, dass Stewart sie ganz begeistert aufnimmt.

"Atlantic Crossing" verblüfft mit zwei völlig unterschiedlichen Stimmungen: erst schnell, dann langsam! Diese Anordnung behält er übrigens auch bei den nächsten zwei Alben bei. Rod Stewart ist buchstäblich wie neugeboren. Er hat diese neue Freundin, die ihm diese neue Idee gibt. Er hat eine neue Heimat – und er hat natürlich auch ein neues Plattenlabel, das ihm künstlerisch freie Hand gibt. So kann er machen, was er will. Und er kann glänzen mit einem Meilenstein seiner Karriere.

Alles richtig gemacht

"Atlantic Crossing" ist ein sonnig gestimmtes Frühwerk in der langen, langen Karriere des Briten – trotz aller Melancholie auf Seite B. Fünf der insgesamt zehn Songs schreibt er selber – bei den anderen greift er auf Songwriter zurück oder macht Coversongs. Und gerade die Coversongs werden zu Klassikern: "This Old Heart of Mine", "Sailing" und "I Don't Wanna Talk About It" werden zu Klassikern, die der Sänger bis heute zum Besten geben muss. Seine Coversongs werden sogar berühmter als die Originale.

Die Singles werden zu Welthits – das Album verkauft sich bei Erscheinen über eine Million Mal. Alles richtig gemacht, darf man hier ruhig sagen. Rod Stewart hat es geschafft. Von da an ist er der Weltstar, der er immer sein wollte.

Als kleiner Junge hatte er sich immer ins Hinterzimmer des Londoner Zeitschriftenladens seines Vaters verkrümelt. Mit einer Gitarre versucht er die Soul-Klassiker der 60er Jahre nachzuspielen. An die Eingangstür hängt er dabei regelmäßig das "Closed"-Schild, um nicht gestört zu werden. Sein Vater, der eigentlich Schotte war und das Geld zusammenhalten muss, fand das nur bedingt lustig, weil er sich wunderte, warum die Kundschaft am helllichten Tag ausgeblieben war! - Das Üben hat sich gelohnt – auch finanziell. Die britische "Sunday Times" hat das Vermögen von Rod Stewart im Jahr 2018 geschätzt – um am Ende auf umgerechnet 208 Millionen Euro zu kommen…

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