Dewey Bunnell (links) und Gerry Beckley (rechts) von der Band America auf dem Walk Of Fame in Hollywood (2012) (Foto: Imago, imago/UPI -)

America: "America" (1971) Wo bleibt das Pferd ohne Namen?

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Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Es ist schon kurios: Da legt eine junge aufstrebende Band ein Debut-Album vor. Als sich die LP aber zum Ladenhüter entwickelt, wird ganz schnell ein weiterer Song hinzugefügt. Und prompt wird aus dem Flop ein Welthit!

"A Horse With No Name" - Kein anderes Lied verbindet man so sehr mit der Band wie dieses. Vielleicht noch "The Last Unicorn", das aber zehn Jahre später entstehen wird.

Very british, indeed!

Dewey Bunnell (links) und Gerry Beckley (rechts) von der Band America auf dem Walk Of Fame in Hollywood (2012) (Foto: Imago, imago/UPI -)
Dewey Bunnell (links) und Gerry Beckley (rechts) von der Band America 2012 bei der Verleihung ihres Sterns auf dem Walk Of Fame in Hollywood. Imago imago/UPI -

Anfang der 70er Jahre ist Folkmusik DAS große Ding in den USA. Die Band wird allerdings nicht in den USA gegründet, sondern in Großbritannien. Das hat damit zu tun, dass die drei Gründungs-Mitglieder Soldaten-Kinder waren. Die Väter waren bei der US Air Force. Das wiederum sorgte dafür, dass die typischen Soldaten-Familien überall und nirgendwo zu Hause waren. Ständige Umzüge im Abstand von mehreren Jahren waren ganz normal. Und das sorgte dafür, dass Gerry Beckley, Dewey Bunnell und Dan Peek Mitte der 60er Jahre als Teenager in London ankommen und dort jahrelang gemeinsam zur Schule gehen und ihren Abschluss machen. Sie gründen eine Band. Und damit ja keine Missverständnisse aufkommen, machen die drei von Anfang an klar: Sie sind US-Amerikaner und keine Briten. Entsprechend nennen sie ihre Band "America".

Show-Opener für The Who und Elton John

Die drei sind gut an ihren Instrumenten (Gitarren und Bass – mehr braucht man als Folk-Musiker nicht). Erste Konzerte geben sie auf der Militär-Basis ihrer Väter vor den Toren von London – und ganz schnell werden sie auch in der Millionenmetropole gebucht. Das wiederum sorgt für Aufmerksamkeit bei Plattenfirmen.

Die drei landen vom Fleck weg bei einem Major Label: UK Warner Brothers. Das hat wohl auch damit zu tun, dass das Trio es geschafft hatte, als Vorband von The Who und Elton John ziemlich gut anzukommen. Mit dem Vertrag in der Tasche zieht das Trio also ins Aufnahmestudio.

Ihr Debut entsteht 1971 in den berühmten Londoner "Trident Studios". Die Beatles hatten ausnahmsweise mal hier (und nicht in den üblichen Abbey Road Studios) Teile ihres "White Album" aufgenommen; die Stones waren dort unterwegs ebenso wie David Bowie. Viel Prominenz also, aber die Newcomer haben kein Problem damit. Ganz im Gegenteil!

Wo ist eigentlich das berühmte Pferd ohne Namen?

Das Trio kommt mit breiter Brust in dieses Aufnahmestudio, denn die drei wissen, was sie können. Es ist extrem ungewöhnlich, dass ein Debut-Album ausschließlich aus Songs besteht, die aus der Feder der Mitglieder stammen. Sie hätten es sich leichter machen und hier und da mal eine Cover-Version einstreuen können. Tun sie aber nicht. Sie verlassen sich ganz auf sich selber. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Trotz der Erfolge als Vorband von Superstars: America ist und bleibt eine Newcomer-Band.

Das Album kommt zwischen Weihnachten und Silvester 1971 heraus. Zwischen den Jahren – das ist nicht unbedingt ein ideales Veröffentlichungs-Datum. Anfang 1972 nimmt kaum jemand Notiz von dem Album. Es wird zum Flop. Nur der gute Musik-Geschmack der Niederländer sorgt dafür, dass die LP nicht vollkommen untergeht.

Für gewöhnlich muss eine Single dafür sorgen, LP-Verkäufe anzukurbeln. Die drei können sich im Dezember aber auf keinen Song einigen. Schnell kramt Dewey Bunnell Noten aus der Schublade. Über den Noten steht "Desert Song". Die beiden anderen sind begeistert. Sie nehmen das Lied auf, veröffentlichen es drei Wochen nach der LP in England als Single – und schießen damit von null auf drei in den UK Top 40.

Das bleibt auch in den USA kein Geheimnis. Die Single landet dort sogar auf Platz 1. Das Album soll natürlich auch ganz nach oben – aber das Pferd ohne Namen ist nicht drauf! Natürlich nicht. Die Band hatte die Single ja erst nachträglich herausgebracht. Die LP wird als Re-Issue einfach neu veröffentlicht – diesmal MIT "A Horse With No Name". Als Belohnung gibt es nicht nur kommerziellen Welt-Erfolg, sondern ein Jahr später auch die Grammy-Ehrung "Best New Artist".

Ab 1977 ist das Trio nur noch als Duo unterwegs. Dan Peek verlässt die Band – und das ganz ohne Streit. In den Jahren nach dem Debut landet America noch den ein oder anderen Hit – sowohl bei den Alben als auch bei den Singles. Aber den Erfolg des Erstlings kann America nie mehr wiederholen. Trotzdem: Bis heute geht das Duo regelmäßig auf Tournee. Hauptsächlich natürlich – wie könnte es anders sein – in Amerika.

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