Pet Shop Boys (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Pet Shop Boys: "Actually" (1987) Elektro-Pop als Kommentar auf die Thatcher-Ära

Von Anfang an sind die Pet Shop Boys Kritiker-Lieblinge, die auch ein Millionen-Publikum ansprechen. Der Grund: Die poppigen Melodien sind samt den dazugehörigen Texten außergewöhnlich durchdacht.

 

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Ein merkwürdiger Vertrag wird gekündigt – und verlängert

Wir sind im Jahr 1987. Die Pet Shop Boys schwimmen auf einer Welle des Erfolgs. Das Debut-Album „Please“ mit insgesamt vier Hitsingles war erst im Jahr davor veröffentlicht worden. Mit 3 Millionen verkauften Exemplaren waren die Erwartungen entsprechend hoch. Drei Millionen? Nicht schlecht für eine Band, deren Songs zu Beginn der Karriere hauptsächlich in Clubs gespielt worden waren. Mal ganz davon abgesehen, dass auch dieses Duo ein paar Jährchen braucht, bis sich überhaupt jemand in der Öffentlichkeit interessiert. Neil Tennant ist Musik-Journalist, der privat gerne Musik macht, als er 1981 in einem Londoner Hifi-Laden Chris Lowe trifft. Tennant will einen Synthesizer kaufen. Lowe arbeitet dort als studentische Hilfskraft.

Beide merken sofort, dass sie musikalisch auf derselben Wellenlänge unterwegs sind. So entstehen die Pet Shop Boys. Als Tennant beruflich für seinen Arbeitgeber einen Interview-Termin mit Sting bekommt – einen Termin in New York! – verbindet er das Berufliche gleich mit dem Privaten. Er hat Demo-Tapes dabei und will die Songs von einem Profi überarbeiten lassen. Dieser Profi-Produzent heißt Bobby Orlando. Der arbeitet nur mit Vertrag. Und als die Pet Shop Boys den Vertrag kündigen, wird die Sache teuer. Sehr teuer sogar. Denn Orlando lässt sich Tantiemen zusichern für den Fall, dass das Material in der Zukunft mal zu irgendwas nütze sein sollte. Es geht um insgesamt elf Songs.

Und diese elf Demo-Songs haben es in sich! Wie sich später herausstellen wird, sind ein paar Welthits dabei.

 

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In den „Parlophone“-Fußstapfen der Beatles

Tennant ist schon damals von der Qualität der Songs überzeugt – und er ist eitel genug, nicht bei einem x-beliebigen Unternehmen unterschreiben zu wollen. Er will einen Plattenvertrag bei einem ganz speziellen Label – bei Parlophone. Musik-Fans wissen: Das ist DAS Label, bei dem die Beatles ihre Weltkarriere gestartet hatten. Die Pet Shop Boys geben im September 2019 der BBC ein ausführliches Interview, das als zweistündiges Feature veröffentlicht wird. „The Parlophone Years“ heißt die Sendung, und Neil Tennant sagt in dem Interview über diesen Plattenvertrag: „Wir beide mussten erstmal schlucken, als wir unterschrieben hatten. Denn Sie müssen sich vorstellen: Damals war es so, dass man da als Einsteiger erstmal einen Vertrag über sieben Alben unterschreiben musste! Wir wussten überhaupt nicht, ob wir jemals so viele LP´s schaffen würden!“.

Die Pet Shop Boys schaffen diese sieben LP´s – und noch einige mehr! – problemlos, wie sich herausstellen wird. Und sie greifen wie schon beim Debut aus dem Vorjahr auch bei „Actually“ auf Songmaterial zurück, das als Demo-Version in New York entstanden war. Was sie auch jetzt wieder brauchen, ist ein neuer Anstrich, eine sattere Produktion. Gleich fünf unterschiedliche Produzenten – zusätzlich zu Lowe und Tennant – sorgen für diesen neuen Anstrich. Über die Hintergründe zur Entstehung sagt Neil Tennant: „Beim Nachfolge-Album wollten wir einen satteren Sound, und wir wollten noch tanzbarer werden. Damals war gerade die House-Music aufgetaucht. Das hat uns definitiv beeinflusst“. Manche Songs sind im neuen Gewand gar nicht wiederzuerkennen. „Rent“ zum Beispiel sei in der Ursprungs-Version eigentlich eher Punk-Musik gewesen, erklärt das Duo im Interview mit der BBC. (Es wäre zu interessant, diese Ursprungs-Version irgendwann mal zu Gehör zu bekommen!).

 

Pet Shop Boys (Foto: Imago, Picture Alliance)
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Die Katholische Kirche ist nicht begeistert

Auch „It´s a Sin” wird wohl nicht wiederzuerkennen sein. Tennant erzählt der BBC: „Die zweite LP sollte schon einigermaßen Sinn ergeben – aber zugegeben: Bei ´It´s a Sin´ gibt es ein komplett sinnfreies Intro, wo wir Sound-Schnipsel der NASA von einem Raketenstart eingebaut haben! „Two Minutes, twenty seconds“ – das klingt wie der Anfang eines Films. Wir haben noch ein paar Soundschnipsel in einer Kirche aufgenommen, um dem Lied einen noch dramatischeren Anstrich zu geben!“. Tennant hatte den Song in seiner Jugend innerhalb von 15 Minuten geschrieben -und eigentlich als Witz gemeint. Im anglikanischen England war er in einem katholischen Internat aufgewachsen.

Als das Lied zum Welthit wird, ist die Schule nicht gerade begeistert und beschwert sich öffentlich. Tennant muss nochmal deutlich machen, dass die katholische Weltsicht des 20. Jahrhunderts weniger vom Alten Testament als viel mehr vom Neuen Testament und der Botschaft der Nächstenliebe geprägt sei. – Das dazugehörige Video war aber auch zu herrlich. Hieronymus Bosch hätte seine helle Freude daran gehabt. Denn ziemlich dick aufgetragen kann man hier die „Sieben Todsünden“ bestaunen: Faulheit, Neid, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Hochmut

 

Unbewusst deutlich politische Züge

Sieht man mal von Glaubensfragen ab: Das Album wird 1987 als deutlicher Kommentar auf die Thatcher-Ära interpretiert. Staatliche Unternehmen werden privatisiert, es herrscht Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Armut. Thatchers berühmt-berüchtigter Spruch, dass „sich jeder um sich selbst kümmern“ solle, wird nicht als Ansporn, sondern als bitterer Zynismus gewertet. Tennant gesteht im BBC-Interview, dass da unbewusst wohl manches eingeflossen sei. Das merke man bei Liedern wie „Rent“ oder „Shopping“ eindeutig, die ja in ihren Texten klare Statements abgeben. Beim einen Lied geht es um Wohnungsnot – beim anderen um die Privatisierungs-Wut der freien britischen Thatcher-Marktwirtschaft. Bei einem ganz bestimmten Lied könne aber nicht mehr von „unbewusst“ die Rede sein: `King´s Cross` ist für mich immer noch einer der besten Songs, die wir je geschrieben haben“, sagt Tennant. Das Lied erzählt von Menschen, die im kaum noch vorhandenen Sozialstaat einfach unten durchfallen.

Man merkt: Es gibt viele Gründe, warum die Pet Shop Boys nicht nur Publikums-, sondern auch Kritiker-Lieblinge sind. So viel Aussage in so viel tanzbaren Elektro-Pop hineinzupacken – das ist hohe Kunst. „Actually“ wird damit sogar kommerziell noch erfolgreicher als der Vorgänger. Tennant sagt dazu lapidar: „Wir hatten gutes Songmaterial – und wir hatten das Selbstvertrauen, unserem Instinkt zu folgen“. - Wer neugierig ist und viel Zeit hat: Die Interview-Zitate haben wir einem BBC-Radio-Feature vom September 2019 entnommen. Das Feature mit fast 2 Stunden Länge ist noch den ganzen Oktober 2019 lang online nachzuhören. Den Link findet man, wenn man als Stichworte eingibt: Pet Shop Boys Documentary The Parlophone Years.