Sänger Herbert Grönemeyer während eines Auftritts in der TV-Sendung "Na siehste" in München 1988 (Foto: Imago, imago images / Bernd Müller)

Herbert Grönemeyer: "4630 Bochum" (1984) Der Durchbruch für Grönemeyer und die Lieblings-LP der Deutschen

Herbert Grönemeyer muss zu Beginn seiner Karriere ein paar Misserfolge verkraften. Dass „4630 Bochum“ zum Sensations-Erfolg wird, kann 1984 kein Mensch ahnen.

Filmszene aus 'Das Boot' mit Jürgen Prochnow (links) und Herbert Grönemeyer (rechts), 1981 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Keystone)
Erstmals fällt Herbert Grönemeyer in der Kult-Fernseh-Serie „Das Boot“ auf. picture alliance/Keystone

Aller Anfang ist schwer

Man muss sich das kurz nochmal vor Augen halten. Denn auch ein Herbert Grönemeyer fällt nicht einfach so als Star vom Himmel. 1984 ist der Mann zwar bekannt – dem Massenpublikum fällt er in der Kult-Fernseh-Serie „Das Boot“ auf – aber berühmt ist er nicht. Er ist einer unter vielen. Die Öffentlichkeit ist sich nicht ganz im Klaren darüber, ob man es hier jetzt mit einem schauspielernden Sänger oder einem singenden Schauspieler zu tun hat. Mit zunehmender Popularität muss er regelmäßig erklären, dass er beides sei.

Am berühmten Schauspielhaus in Bochum war er erst für die Musik zuständig – um dann dort auch irgendwie als Schauspieler zu landen. Die Öffentlichkeit ist verblüfft, denn u.a. war es Theater-Legende Peter Zadek, der Grönemeyer für Rollen besetzt, obwohl dieser nie eine Schauspiel-Schule besucht hatte (und sein Musikstudium sogar abgebrochen hatte!). – Grönemeyer ist also jemand, der mit seinem Können aufgefallen war. Und das sorgt dafür, dass er schon 1978 einen Plattenvertrag in der Hand hat.

Aber was heute nicht so bekannt ist: Sowohl LP Nummer eins, als auch Nummer zwei, drei und vier sind kommerziell so dermaßen erfolglos, dass ihn die Plattenfirma Intercord rausschmeißt. LP Nummer vier („Gemischte Gefühle“) kann immerhin mit einem Lied aufwarten, das später zu einem Kultklassiker wird: „Musik, nur wenn sie laut ist“.

Herbert Grönemeyer 1984 in Berlin (Foto: Imago, imago images / BRIGANI-ART)
Imago imago images / BRIGANI-ART

Ein Mann vom Theater wird zur Stimme der Arbeiter-Schicht

Grönemeyer gibt aber nicht auf, und ruckzuck hat er einen neuen Vertrag. Diesmal beim Major-Label EMI, das an seine Fähigkeiten glaubt. Schnell ist er nach dem letzten Misserfolg in einem Kölner EMI-Studio, wo er Album Nummer fünf aufnehmen wird. Mit gerade mal 38 Minuten Laufzeit ist es nicht besonders lang. Aber das Erdbeben, das diese LP in der deutschen Musik-Szene auslösen wird, wird noch sehr lange anhalten. Und der Erfolg ist fast vom Fleck weg da!

Im August 1984 kommt „Bochum“ raus. Vier Wochen später ist die LP schon die Nummer Eins in den Alben-Charts. Aber wie erklärt man diesen Erfolg? Die Musik ist zwar mitreißend (wie bei „Männer“), sie ist pathetisch (wie beim Titelstück „Bochum“), und sie ist gefühlvoll (wie bei „Flugzeuge im Bauch“). Das alleine hätte möglicherweise schon ein Erfolgsgarant sein können – aber es sind die Texte, die in Kombination mit der Musik für Furore sorgen.

Grönemeyer kommt zwar nicht unbedingt aus dem Arbeiter-Milieu (sein Vater ist Bergbau-Ingenieur), aber er ist geprägt von der Ruhrpott-Stadt Bochum, in der er aufwächst. Dass er ausgerechnet im Eröffnungs-Stück der LP dieser Stadt eine musikalische Liebes-Erklärung macht (und vermeintlich reichen Schnöseln eine Abfuhr erteilt, wenn er dort singt: „Wer wohnt schon in Düsseldorf?“), das ist ein deutliches Zeichen – und im Grunde genommen ist es eine kleine Sensation. Die Arbeiterschicht hat plötzliche eine Stimme – und diese Stimme gehört zu Herbert Grönemeyer. Dass das Titelstück der LP zur inoffiziellen Hymne des Fußball-Vereins VfL Bochum wird, ist da fast schon ein Muss.

Wer bricht den Rekord von Grönemeyer?

Aber auch die anderen Lieder schlagen ein, wie eine Bombe. „Männer“ sorgt für Diskussionen, Interpretationen, Zeitungs-Artikel landauf, landab. „Alkohol“ spricht vielen Menschen aus der Seele, weil dort jemand grundehrlich davon erzählt, unbemerkt in eine Sucht reingerutscht zu sein. Und dass sich das Gefühl der Schmetterlinge im Bauch ins Gegenteil verkehren kann, um sich dann wie „Flugzeuge im Bauch“ anzufühlen – das ist eine Sprachschöpfung von Grönemeyer, die buchstäblich zum geflügelten Wort geworden ist. Das Amerika-kritische Lied „Amerika“ spricht ebenfalls vielen Menschen aus der Seele, denn die Angst vor einem Atomkrieg ist in den 80er -Jahren allgegenwärtig. – Dieses Album ist ein millionenschweres Wunder.

„Bochum“ wird – in Verkaufszahlen ausgedrückt – zur Lieblings-LP der Deutschen. Bis dahin war hierzulande keine andere LP so oft über den Ladentisch gegangen wie diese hier. Und damit stellt Grönemeyer Leute in den Schatten wie die Beatles, Michael Jackson, Abba oder Pink Floyd. 2,75 Millionen Exemplare waren ein Rekord, den keiner der genannten Superstars in Deutschland geschafft hatte. – Es dauert zwar sechs Jahre, bis dieser Rekord gebrochen wird (Phil Collins setzt 1990 hierzulande drei Millionen Stück seiner LP „...But Seriously“ ab), aber trotzdem: Dieser deutschsprachige Massen-Erfolg in einem sonst international geprägten Umfeld ist buchstäblich einmalig. „Bochum“ ist auch weiterhin eine der meistverkauften LPs überhaupt. Aktuell rangiert sie auf Platz drei der ewigen Verkaufs-Bestenliste in Deutschland (mit Phil Collins auf der 2).

Rockmusiker Herbert Grönemeyer 2002 bei der Veröffentlichung seiner CD "Mensch" (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Der Rekordbrecher Herbert Grönemeyer 2002 bei der Veröffentlichung seiner CD "Mensch". Picture Alliance

Erst 18 Jahre nach Herbert Grönemeyer schafft es wieder eine deutschsprachige LP, diesen Ur-Altrekord zu knacken (und ganz nebenbei auch noch Phil Collins einzuholen!). Und zwar ist es diesmal – ACHTUNG JETZT! – ein gewisser Herbert Grönemeyer, der für ungeahnte Absatzzahlen sorgt. Kein Witz! Im Jahr 2002 ist es Grönemeyers LP „Mensch“, die die Menschen hierzulande zutiefst berührt. Dort verarbeitet Grönemeyer den Tod von Ehefrau und Bruder, die beide kurz hintereinander an den Folgen von Krebs gestorben waren. – Der Mann spricht aus dem Leben – von den großen und kleinen Tragödien; von Alltag, Liebe und Tod. Seine Fans sagen: „Er ist einer von uns“. Besser kann man den Erfolg dieses Künstlers nicht auf den Punkt bringen. Bis heute spielt er in ausverkauften Stadien. Eine so dermaßen lange und erfolgreiche Karriere ist selten. Sehr selten sogar – und ein Ende ist immer noch nicht abzusehen.