Paul McCartney (Foto: Pressestelle, EMI)

Paul McCartney: "Pipes of Peace" (1983) Krieg und Frieden? Von „Tug of War“ zu den „Pipes of Peace“

Eigentlich plant Paul McCartney im Jahr 1981 ein Doppel-Album: „Tug of War“. Was nicht draufkommt, landet 1983 dann auf dem Nachfolger „Pipes of Peace“.

Resteverwertung? Also, bitte – wer wird denn sowas behaupten!

So eine Frage ist natürlich legitim: Wenn ein Weltstar ein Album abliefert, das zum Welthit wird und während der Aufnahme-Sessions Lieder schreibt, die es nicht auf die fertige LP schaffen – dafür dann aber auf den Nachfolger; ist das dann Resteverwertung? Immerhin gibt es bei jedem Album einen Auswahlprozess. Was kommt drauf? Was bleibt weg? Die Frage ist ein bisschen gemein – ganz besonders im Fall von Paul McCartney. Denn der gilt Anfang der 80er Jahre nicht unbedingt als Kritiker-Liebling. Eher gilt er als Vielschreiber, der seit dem Ende der Beatles von einem Projekt zum nächsten eilt. Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist aber schnell gegeben. Die Produktionskosten für ein Doppel-Album wären schlicht zu teuer geworden – die Doppel-LP, so sie denn in die

Läden gekommen wäre, hätte auch ein wirtschaftliches Risiko bedeutet: Nicht jedes Mammut-Werk ist gleichbedeutend mit einem Kassenschlager. Und so wird auf der Homepage von Paul McCartney auch noch eine weitere Antwort gegeben für diese Veröffentlichung aus dem Jahr 1983 (eine zugegebenermaßen recht blumige Erklärung) – Zitat: „Pipes of Peace continued Paul´s rich vein of songwriting-form“. Frei übersetzt: Die Songs sind einfach weiter nur so aus ihm rausgesprudelt - in gleichbleibender Qualität.

Paul Mccartney 1984 (Foto: Imago, imago images / Mary Evans)
Paul McCartney spielt Paul 1984 im Film "Broad Street". Imago imago images / Mary Evans

Ein Kino-Film sorgt für Verzögerungen

Naja, die „vein“, die man auch als „Goldader“ übersetzen darf, stottert ein bisschen. Denn auch wenn fast die Hälfte der LP schon 1981 quasi in der Schublade vor sich hinschlummert, dauert es fast zwei weitere Jahre, bis das Album endlich im Kasten ist. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Aber diese Zeit ist geprägt von zahlreichen Unterbrechungen. Mal nimmt Paul in London auf – mal in der Karibik. Sie wissen schon: Das berühmte „AIR Studio“ auf Montserrat, wo auch „The Police“ einige LPs aufgenommen hatten und wo auch die „Dire Straits“ noch für ihre „Brothers in Arms“ hinkommen werden. – Es gibt noch eine weitere Unterbrechung, die fast ein komplettes Jahr dauert: Paul McCartney dreht einen Spielfilm mit ihm selbst in der Hauptrolle (und als Drehbuchautor!). Der Film „Broad Street“ geht aber sang- und klanglos an den Kinokassen unter. In Deutschland wird er erst gar nicht gezeigt, sondern landet stattdessen unbemerkt als „Direct-to-Video“-Neuerscheinung in den Videotheken. „Broad Street“ verschwindet in der Versenkung und ward nie mehr gesehen.

John Salthouse, Tracey Ullman & Paul McCartney im Film "Broad Street" (Foto: Imago, imago images / Mary Evans)
John Salthouse, Tracey Ullman & Paul McCartney spielten im Film "Broad Street" mit. Imago imago images / Mary Evans

Solo? Beatles? Wings? – Irgendwie von allem etwas!

Nach Drehschluss geht es musikalisch also wieder in die Vollen. Und apropos „voll“: Bei Paul McCartney ist es als Ex-Beatle natürlich so, dass alle kommen, wenn er jemanden um musikalische Mithilfe bittet. Man kann davon ausgehen, dass irgendein Promi immer zur Stelle ist für ein nettes kleines Duett. In diesem Fall ist es Michael Jackson. „Say, Say, Say“ wird selbstverständlich zum Welthit und Klassiker der 80er-Jahre. Jackson ist allerdings noch für ein zweites Duett auf der LP zu haben, was ein bisschen unbemerkt bleibt. Das hat einfach nur damit zu tun, dass „The Man“ nie als Single ausgekoppelt wurde. Hört man das Album zum ersten Mal am Stück, ist man überrascht, die Stimme von Michael Jackson noch ein zweites Mal zu hören. – McCartneys Solo-Alben sind damals im Grunde genommen nie reine Solo-LPs. Die Zeit mit den „Wings“ liegt nicht allzu lange zurück. Dort waren sowohl Danny Laine als auch Linda McCartney Mitglied – und diese beiden machen auch hier wieder fleißig mit, was „Pipes of Peace“ irgendwie auch zu einem halben „Wings“-Album macht. Allerdings sind auch Ringo Starr sowie Produzenten-Legende George Martin und Ton-Ingenieur Geoff Emerick mit von der Partie – was wiederum dafür sorgt, dass diese LP irgendwie auch eine „halbe“ Beatles-LP ist! – Noch ein kurzer Blick auf die Überschrift hier zu unserem Meilenstein-Artikel. Denn irgendwie muss man diese beiden LPs ja als Schwestern im Geiste betrachten. „Pipes of Peace“ verstehen deutschsprachige Ohren ja noch sehr gut – da sind wir bei den Friedenspfeifen. Aber gibt es hier wirklich mit Blick auf das Vorgänger-Album einen Weg vom Krieg zum Frieden? „Tug of War“ klingt ja für deutsche Ohren sehr kriegerisch. Vergessen Sie´s! Hier liegt kein Kriegsbeil begraben. „Tug of War“ heißt übersetzt nichts anderes als „Tauziehen“!