P!nk: "Hurts 2B Human" Autsch, Mensch!

"Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft!" So heißt es bei Shakespeares Hamlet. Und: Es ist Blödsinn. Mensch zu sein ist nicht edel. Kriege, Klimawandel oder der digitale Selbstoptimierungswahn: Mensch sein, kann zuweilen schmerzhaft sein. Edel ist, wer dabei nicht zuschaut, sondern seine eigenen Schlüsse zieht. So wie P!nk mit ihrem achten Album Hurts 2B Human.

P!nk (Foto: dpa/ picture alliance - dpa/ picture alliance)
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Das P!nk Prinzip

Vorab: Wer bei den 13 Songs eine Generalabrechnung mit aktuellen, weltpolitischen Themen  erwartet, liegt daneben. Bis auf einige Ausnahmen in ihrer Karriere (z.B. Dear Mr. President) hat P!nk den politischen Zeigefinger selten gehoben. Im Gegenteil. Ihr Kapital ist, den Finger auf den wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu richten: Sich selbst! Das ist nicht egoistisch. Nein. P!nk kehrt zunächst vor der eigenen Haustür. Das macht sie angreifbar – und: Einzigartig. Bei ihr schwingt keine aufgesetzte Gefühlsduselei mit. Vielmehr sind es gelebte Erfahrungen, die ihre Songs mit jeder Silbe tragen und authentisch bis ins Mark machen. Mogelpackung geht anders!

Angst, Zweifel - und Monster im Wandschrank…

Im Song "Happy" geht’s z.B. um die Widersprüchlichkeit des Glücks. P!nk singt: "Ich stoppe mich, beim Versuch, mir Mut zuzureden. Vielleicht habe ich einfach nur Angst vor'm glücklich sein?" Von Zweifel getragen ist auch der Song "Love me anyway". Diese Breitwand-Ballade bekommt ihren bewegenden Charme durch das Duett mit US-Country Star Chris Stapleton. Im Fokus steht die Frage: Kannst Du mich lieben, auch wenn ich Fehler habe? In der Art, wie dieser Song gesungen wird, besteht kein Zweifel daran: Ja! Weltklasse! Gänsehaut gibts auch im Song "Circle Game". P!nk singt z.B. davon, wie sie als Kind immer Angst vor den Monstern im Wandschrank hatte. Ihr Papa musste die Monster verjagen. Heute geht es ihrer Tochter ähnlich. Nur ist P!nk jetzt in der Rolle, in der sie Schutz geben muss. Der Kreislauf des Lebens schließt sich, und die Rollen sind getauscht. Bloß: Auch als Erwachsener fürchtet man sich manchmal vor Monstern. Wer hilft da?

Trotz, F-Wörter, Ende…

Weitab vom Zweifel ist dagegen der kernige Eröffnungssong des Albums: "Hustle". In gewohnt rotziger Manier stellt P!nk klar, das sie sich in einer Beziehung nicht vorführen lässt. Getragen wird der Song von einem kernigen Shuffle, der sofort in die Beine fährt. Ähnlich verhält es sich auch bei "(Hey why) Miss you sometime". Hier ist die Beziehung mittlerweile in die Brüche gegangen. Das wird in viele P!nk typische "F-Wörter" gekleidet, nur um am Ende zu sagen: "…aber manchmal vermisse ich dich trotzdem." Irrungen, Wirrungen. Frei nach Fontane. Die gibts auch in dem Song "90 Days". Das ist ein Duett mit dem amerikanischen Singer/Songwriter Wrabel. Hier sind sich beide einig: Die Beziehung ist am Ende. Aber einen ersten Schritt über den Abgrund wagt keiner.

Schmerz, Gestank und Krach…

Das Gefühlschaos auf diesem Album ist Programm – und deshalb passt der Titel Hurts 2B Human zu 100 %. P!nk stellt wieder unter Beweis: Sie ist keine dieser Glitzer-Girls, die sich hinter banalem, Satin umflorten rosa Wolken Pop verbergen. Bei ihr muss es wehtun, darf es stinken und krachen. Das ist Teil ihrer Geschichte: Die Eltern trennen sich früh. Sie rutscht in den Drogensumpf, stirbt fast an einer Überdosis. Sie gibt sich nicht auf, sondern boxt sich hoch: Aus einem Provinzkaff Pennsylvanias an die Spitze des Rock-Pop Business. Auf diesem Weg liegen ihre Geschichten. Die erzählt sie ohne Netz und doppelten Boden. Dabei schafft sie etwas sehr wertvolles: Sie verliert nie die Achtung vor sich selbst.

Fazit

Hurts 2B Human ist ein Album, das bestätigt: Ja, Mensch sein tut weh. Wem es aber öfter gelingt, "Ja" zu sich selbst zu sagen, dem würde P!nk garantiert ein Bier ausgeben. DAS ist "Edel durch Vernunft", lieber Herr Shakespeare.

Cheers!

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