Coldplay Chris Martin (Foto: picture alliance / Everett Colle -)

Live-Breitseite von Coldplay "Alles so schön bunt hier…"

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"Wer lang hat, lässt lang hängen." Das hat Oma bereits gewusst. Im Fall von Coldplay stimmt es. Die gehen in diesem Monat gleich mit zwei unabhängig voneinander erscheinenden Live-Alben an den Start. Am 21. Dezember steht das Album "Live in Tokyo 2017" im Regal. In seiner Ausstattung verblasst es allerdings hinter dem, was die Jungs bereits am 7. Dezember veröffentlicht haben: "Coldplay Live in Buenos Aires – Live in Sao Paulo – A Head Full Of Dreams". Was dahinter steckt, ist bunt, umwerfend und ein leuchtendes Farbenfest in drei Aufzügen.

"Coldplay Live in Buenos Aires – Live in Sao Paulo – A Head Full Of Dreams" - Puuuh! Klobig auszusprechen. Opulent aber in der Aufmachung. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Live-Rundumschlag der Band. Aufgenommen wurde das ganze während ihrer letzten "A Head Full Of Dreams"-Welttournee. Als komplette CD-Box sind zwei Live-CDs an Bord, plus einer Live-DVD. Als Bonus gibt es mit einer weiteren DVD die Band-Dokumentation "A Head Full Of Dreams". So viel Ausstattung, das verdient dann auch einen sperrigen Titel. Geschenkt!

Gigantismus zum Hören!

Auf ihrer siebten Konzerttour haben Coldplay das Motto klotzen statt kleckern ausgegeben. Nie war es so bunt, nie war es so lang - und groß. Mehr als 5,3 Millionen Fans haben die Konzerte der "A Head Full Of Dreams"-Tour weltweit besucht. Das ist umgerechnet die Einwohnerzahl Norwegens. Knapp 20 Monate tourte die Band um den Erdball und spielte mehr als 120 Konzerte. Die Live-Aufnahmen entstanden bei den letzten Konzerten der Tour in Südamerika. Das ist taktisch klug gewählt. Die Band ist bis aufs letzte eingespielt. Dazu schwingt die Vorfreude mit, einen Berg an Arbeit geschafft zu haben. Coldplay spielen sich dabei souverän durch ihr Werk der letzten 20 Jahre. Von "Yellow" vom ersten Album "Parachutes", bis zu ihrem ersten Welthit "Clocks", oder den späteren Stadionhymnen "Viva La Vida" und dem epischen "A Sky Full Of Stars" – wo Coldplay draufsteht, ist auch Coldplay drin! Punkt. Dabei können die Jungs auch nach 20 Jahren Bandgeschichte eine Premiere feiern: Die beiden Live-CDs bilden zum ersten Mal in der Bandgeschichte ein komplettes Konzert ab. Hörenswert!

Mund auf, Ohren – naja…

Den Eindruck einer Band in Breitwand lassen Coldplay auch beim Anschauen der Konzert-DVD zurück. Wer die Tour verpasst hat, wird sich beim Betrachten der Bilder nachträglich in den Hintern beißen. Das ist ganz großes Kino, das vor Farben nur so strotzt. Egal, ob Farbfontänen am Bühnenrand explodieren, Chris Martin auf einem Steg durch die Menge sprintet oder die Musiker inmitten der wohnblockgroßen Bühne zusammenstehen und ungezwungen jammen. Es ist ein Fest der Farben und der Musik, die jedem Holi-Fest die Stirn bieten. Schön auch die stillen Konzertmomente. Zum Beispiel wenn Chris Martin auf dem Steg liegend den Song "Fix You" singt. Dabei wird er sprichwörtlich getragen von zehntausenden Stimmen, die mit ihm singen. Ihn letztendlich tragen und aufrichten, bis der Song im zweiten Teil sprichwörtlich explodiert. Sehr bewegend und sehenswert! Abzüge gibt es lediglich beim Sound. Der hängt angesichts der bunten Bilderflut teils ein wenig blutleer hinterher. Für wahre Fans ist das zu verschmerzen.

Die Dokumentation

Du gründest eine Band. Greifst nach den Sternen – und füllst später ganze Stadien. Ein Traum! Und: Alles wird von Anfang an mit der Kamera dokumentiert. Coldplay ist dieses Kunststück gelungen. Dank Mat Whitecross. Der vielfach ausgezeichnete britische Filmemacher kennt die Band von Anfang an – und dokumentiert deren Geschichte in dem Film "A Head Full Of Dreams". Whitecross hat die Band bei den ersten Proben begleitet. Er war dabei, als sich die ersten internationalen Erfolge einstellten – und: Whitecross hielt auch drauf, als die Band fast auseinander fiel. Er dokumentierte 20 Jahre Coldplay mit all den Höhen und Tiefen. Er zeigt zum Beispiel einen jungen Chris Martin, der damals mit Pubertätspickeln und Zahnspangen-Lächeln orakelt: "I just gonna go on to be such a huge band."

Chris Martin Coldplay (Foto: picture alliance / Everett Colle -)
Chris Martin unsicher - "Is that shit?". Aus der Doku "A Head Full Of Dreams" picture alliance / Everett Colle -

Später ist Whitecross dabei, als Sänger Chris Martin im Studio steht. Zweifelnd. Unsicher. Er singt eine Textzeile, blickt fragend in die Runde. Pause. Dann fragt er: "Is that shit?" Von diesem nachdenklichen, zerbrechlichen Moment geht der Film über in die gigantischen Impressionen der aktuellen Konzerte. Die wirken wie ein buntes Spektakel, das Coldplay in den Farben gleich mehrerer Regenbögen abbrennen. Beeindruckend: Mat Whitecross gelingt es mit seinen Einstellungen, das bekannte Coldplay-Feeling bei Konzerten aufkommen zu lassen. Dieses "für einen Abend haben wir alle uns unglaublich lieb!"

Fazit: Von ganz unten nach ganz oben mit Coldplay. Sehenswert!

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