Johnny Cash 2010 (Foto: Universal Music)

Johnny Cash: "American III Solitary Man" (2000) Alt und krank zu sein, ist eine schwere Bürde

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Johnny Cash erzählt davon in erschütternd kargen Tönen - beim „American“-Label, das sonst nur Hip Hop oder Heavy Metal veröffentlicht hatte.

Johnny Cash in den 80igern (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Copyright: KPA)
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„American“ meint einfach nur das Plattenlabel

Wenn man zum ersten Mal einen Blick auf die späten Alben von Johnny Cash wirft, fällt einem der Ausdruck „American“ auf. Insgesamt 6 LPs tragen dieses Wörtchen im Titel. Sie sind sogar durchnummeriert. Man könnte bei diesem ersten Blick meinen, dass da eine amerikanische Legende patriotische Töne annimmt. Aber das ist weit gefehlt.

Tatsächlich hat Johnny Cash am Ende seiner über fünf Jahrzehnte langen Karriere einen neuen Plattenvertrag in der Tasche; und diesen Vertrag unterzeichnet er bei einem Label, das einfach nur „American“ heißt. Und dieses Label hat es in sich! Chef dort ist ein gewisser Rick Rubin, der schon allein rein äußerlich mit Rausche-Bart und hünenhafter Gestalt wie ein Guru wirkt. Und dieser Musik-Guru ist es, der eine außergewöhnliche kleine Firma leitet. Er führt seine Plattenfirma mit zwei völlig unterschiedlichen Genres zum Erfolg: Hip Hop und Heavy Metal. Bei ihm unterzeichnen Leute wie AC/DC, Metallica und Rage Against the Machine auf der einen Seite – und auf der anderen Seite Hip Hopper wie LL Cool J, die Beastie Boys und Run DMC. Aber wie passt jetzt eine Country-Legende wie Johnny Cash in dieses merkwürdige Sammelsurium hinein?

„Die Auferstehung des Johnny Cash“

Nun ja, eigentlich passt er gar nicht hinein. Und das ist der Gag an der Sache. Dieser schillernde Produzent und Label-Boss Rick Rubin sieht Johnny Cash Anfang der 90er bei einem Bob-Dylan-Tribute-Konzert. Und er sieht einen Cash, der buchstäblich am Ende ist.

Johnny Cash im Jahr 2000 (Foto: Imago, imago images / ZUMA Press)
2000 war Johnny Cash am Boden. Imago imago images / ZUMA Press

Der große Country-Star, der kaum noch Platten verkauft, zeigt deutliche „Gebrauchs-Spuren“: Cash war jahrzehntelang drogenabhängig – gezeichnet vom Karussell aus Entziehungskuren und Rückfällen. Lungenentzündung, Herzprobleme, Knochenbrüche und ein nach über 30 Jahren nicht-verlängerter Plattenvertrag – das alles war deutlich im Gesicht des Musikers abzulesen.

Und wie sich die Wege von Rick Rubin und Johnny Cash kreuzen, gehört zu den großen Wundern der Musik-Geschichte. Nachzulesen in der Biografie: „Die Auferstehung des Johnny Cash – Seine späten Jahre und die American Recordings“. Rubin will die Country-Legende unbedingt bei seinem Label haben. Und er sorgt damit für späten und sehr neuen Ruhm des Künstlers. Denn was diese beiden dann musikalisch anstellen, ist außergewöhnlich.

Die Stimme eines fast gebrochenen Mannes

Cash hat freie Hand bei seinen „American Recordings“. Es sind Alben, die durch ihr sehr karges Arrangement auffallen. Oft ist nur der Sänger mit seiner Gitarre zu hören. Wenn Gastmusiker dabei sind, halten sie sich dezent zurück.

Das, was man heute landläufig als „Akustik“-Album bezeichnet – das war damals sowohl für Johnny Cash als auch das weltweite Publikum ein eher ungewohntes Klangbild. Auch dass sich Cash bei seinem Songmaterial weit über die Grenzen der Country-Musik hinaus bedient, ist völlig ungewohnt – und es ist ein enormer Erfolg.

Oft sind es Coverversionen, die das Publikum verblüffen. Versionen von Songs, die in diesem neuen Gewand völlig neu klingen. Auch Johnny Cash klingt völlig neu.

Beim dritten Album dieser Reihe – eben unserem Meilenstein! – erklingt die Stimme eines Mannes, der viel durchgemacht hat. Den Begriff „Grabesstimme“ kann man hier fast schon wörtlich nehmen. Lieder wie der U2-Song „One“ oder das Tom-Petty-Cover „I Won´t Back Down“ (bei dem Tom Petty übrigens mitsingt) sind fast schon schockierend. Es ist ein Seelen-Striptease, bei dem der Künstler völlig entblößt ist. Das hier ist grundehrliche Musik. Sie ist eine Art Schwanengesang eines Mannes, der nur noch wenige Jahre zu leben hat. Wie krass sich seine Stimme verändert hat, kann man übrigens auf dem Album deutlich hören. Denn merkwürdigerweise sind auch drei Lieder drauf, die in völlig anderen Jahrzehnten aufgenommen wurden: Songs Nr. 9 („Field of Diamonds“), 11 („Country Trash“) und 14 („I´m Leavin´ Now“) präsentieren einen ganz anderen Johnny Cash.

Johnny Cash und seine Frau June Carter Cash in den 80ern (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Copyright: KPA)
Johnny Cash und seine Frau June Carter Cash in den 80igern picture-alliance / Copyright: KPA

Er bekommt für dieses Album im Jahr 2001 einen Grammy. Den Grammy für „die beste männliche Gesangs-Darbietung“.  2003 stirbt Johnny Cash im Alter von 71 Jahren – nur vier Monate nach dem Tod seiner Frau June Carter. Der Schaffensdrang am Ende seines Lebens war so groß, dass posthum noch weitere Alben veröffentlicht werden. Seine „American Recordings“ enden mit LP Nummer 6: „Ain´t No Grave“.

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