Herbert Grönemeyer im Interview "Ich bin voller Hoffnung"

Ein Song auf Türkisch, die Veröffentlichung am geschichtsträchtigen 9. November und die politische Lage in Deutschland - um diese Inhalte ging es im Interview von SWR1 Moderator Patrick Neelmeier.

Veröffentlichung am 9. November – das ist natürlich ein besonderer Tag in der Geschichte Deutschlands. Da ist sehr viel passiert, von Progromnacht bis Mauerfall. Was ist denn für Sie das Ereignis, das Ihnen bei diesem Datum als Erstes in den Kopf kommt?

Der Mauerfall, denke ich. Der Mauerfall war natürlich völlig verblüffend und überraschend, wir haben uns das aber nicht ausgesucht. Das war ein Zufall, dass die Plattenveröffentlichung auf diesen Tag gefallen ist. Wir haben uns nicht gedacht, wir machen uns ganz wichtig. Sondern das war reiner Zufall, weil man immer freitags eine Platte veröffentlicht und dieser Freitag war eben der 9. November. Aber ich denke schon, der Mauerfall - das war schon ein ganz elementares Erlebnis.

Sie sind sehr engagiert, spielen Konzerte gegen Rechts und beim letzten Mal gab es ein paar Stimmen, die gesagt haben: "Das bringt doch nichts, weil die, die da kommen, hat man ja ohnehin schon". Kann vor dem Hintergrund Musik überhaupt was bewegen?

Ich glaube schon, dass Musik etwas bewegen kann. Also nicht nur Musik, aber alles im Zusammenspiel: Öffentlichkeit, Journalismus, Radio, Theater, alles was sich mit Öffentlichkeit beschäftigt, kann was bringen. Weil es die Menschen motiviert, die auch im Alltag versuchen, Stellung zu beziehen und Haltung zu bewahren. Das unterstützt ein generelles geistiges Klima. Ich glaube nicht, dass meine Lieder eine wahnsinnige Wirkung auslösen, aber ich bin ein Baustein - glaube ich - in einem riesen Gebäude, was ganz viele Leute schaffen, damit das Klima in diesem Land nicht verrutscht.

Grönemeyer 2018 (Foto: © Antoine Melis / Universal Music - Antoine Melis)
© Antoine Melis / Universal Music - Antoine Melis

Alter Grönemeyer-Gag ist ja, dass man gar nicht versteht, was er singt. Auf dem neuen Album stimmt das in einem Fall ganz klar: Doppelherz, da singen Sie türkisch. Wie sind Sie darauf gekommen, türkisch zu singen?

Weil ich mir auch vorstelle, wie das eigentlich ist jetzt in dieser ganzen nervösen Situation, wie fühlt sich das eigentlich für Menschen an, deren Familien oder sie selber auch schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben?
Ich komme aus dem Ruhrgebiet, ich bin mit Menschen aus Griechenland, aus Spanien, Italien, Polen, aus der Türkei groß geworden, die ins Ruhrgebiet kamen. Wir waren ganz verwundert, dass die überhaupt kamen. Die Debatte gab es bei uns überhaupt nicht, wo die her kamen. Ganz im Gegenteil - wir waren stolz, dass die kamen und ich finde, es kann jetzt auch nicht angehen, dass diejenigen Menschen - auch die, die jetzt aus anderen Kulturen neu zu uns kommen - jetzt plötzlich etwas schräg angeschaut werden. Das geht überhaupt nicht, dass die aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Wurzeln verunsichert werden.
Die meisten sind ja in Deutschland geboren und da dachte ich, singst du ein Lied, aber nicht so "wir sind alles Brüder" oder irgendwas. Sondern wir leben hier als Menschen, als Deutsche mit den gleichen Sehnsüchten.

Manche haben mehrere Heimaten in Deutschland. Meine Mutter kommt aus Estland - ich habe auch mehrere Heimaten in mir. Meine Mutter sprach estnisch, meine Tanten russisch. Das ist die Schönheit dieses Landes: diese Vielfalt, diese verschieden Sichtweisen und Lösungsansätze. Und es kann nicht sein, dass man jetzt anfängt, dass diese Menschen plötzlich merkwürdige Blicke bekommen, das geht nicht. Und ich dachte mir, jetzt singst du ein Lied und singst aber türkisch.
Ich hatte schon türkisch gelesen, weil ich eine Lesung hier in Berlin für Deniz Yücel machte und dann haben die gesagt: "Das machste ganz ordentlich". Dann habe ich gesagt: "Ja guck, dann sing ich mal". Ich hab auch schon arabisch gesungen, ich hab auch schon holländisch gesungen, ich sing auch französisch auf der Platte. Ich singe gerne auch mal in anderen Sprachen, weil mir das gut tut und türkisch singt sich übrigens spitze. Das ist eine wirklich toll zu singende Sprache.

Es heißt, dieses Album soll auch ein Zeichen der Hoffnung sein. Aber insgesamt finde ich schon, dass es auch einige sehr schwere Momente hat. Wie ist denn bei Ihnen das Verhältnis zwischen düsterer Realität und Hoffnung?

Ich denke, das Album ist absolut hoffnungsvoll. Ich sehe das nach wie vor so, dass der Zeitpunkt noch günstig ist, dass sich was tut, also so ist es nicht. Ich sehe das noch lange nicht als verfahren an.
Noch haben wir eine stabile Situation und uns geht es auch in Anführungsstrichen stabil. Also nicht allen Menschen und sicherlich gibt es auch Probleme, aber ich sage mal, allgemein geht es uns stabil. Und in der Zeit ist es wichtig, dass man dann auch genügend Kraft hat zu sagen, wie wollen wir - nachdem wir seit 28 Jahren wiedervereinigt sind - dass dieses Land weiter geht. Und insofern denke ich, das ist absolut hoffnungsvoll. Ich bin voller Hoffnung und weiß Gott nicht niedergeschlagen.

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