Gloria Estefan (Foto: Imago, imago images / Scherf)

Gloria Estefan: "Cuts both ways" (1989) Von der "Miami Sound Machine" zum Solo Star

Man könnte meinen, Gloria Estefan emanzipiert sich hier von ihrer Band „Miami Sound Machine“. Aber der Welterfolg „Cuts Both Ways“ ist nur vordergründig ein Solo-Album!

Sie singt nur am Wochenende

Das Wörtchen „vordergründig“ darf man ruhig betonen. Denn die „Miami Sound Machine“ bleibt eine Herzensangelegenheit für Gloria Estefan – und zwar bis heute. Egal ob sie auf Tournee oder ins Plattenstudio geht: Die „Miami Sound Machine“ ist immer mit dabei. Und das war auch im Fall dieses offiziellen Solo-Debuts nicht anders. Die Begleit-Band auf dem Album ist dieselbe Band, mit der sie schon bis zum Jahr 1989 viele Erfolge feiert. Angefangen hatte das alles Mitte der 70er Jahre: Gloria Fajardo – so ihr eigentlicher Name – ist früh mit der Schule fertig und schreibt sich als 17-Jährige an der Uni von Miami ein. Sie hat viel musikalisches Talent – aber Musik macht sie nur am Wochenende. Werktags konzentriert sie sich auf ihr Studium: Psychologie im Haupt- und Französisch im Nebenfach. Einmal ist sie an einem Wochenende mit ihrer Cousine als Gast-Sängerin bei einer Hochzeit eingeladen. Auch eine lokale Truppe aus Miami sorgt für das Unterhaltungs-Programm: die „Miami Latin Boys“. Und bei dem Namen merkt man schon: Hier wird Latino-Musik gemacht. Ein gewisser Emilio Estefan ist der Band-Leader. Es kommt wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich, sie heiraten – und aus Gloria Fajardo wird Gloria Estefan. Sie bekommen zwei Kinder und sind zurecht stolz darauf, im Jahr 2019 bemerkenswerte 43 Jahre lang ein glückliches Paar zu sein!

Gloria und Emilio Estefan (Foto: Imago, imago images / Agencia EFE)
Gloria und Emilio Estefan (2019) Imago imago images / Agencia EFE

Fluktuation ist alles – und sorgt für Welthits am Fließband

Das mit der „Herzensangelegenheit“ kann man also wörtlich nehmen. Die „Miami Latin Boys“ sind in ihrer Heimatstadt eine ziemliche Nummer. Eine Plattenfirma wird aufmerksam. Ab 1977 gibt es einen ersten Plattenvertrag – verbunden mit einem Namenswechsel. Denn hier begegnet uns erstmals offiziell die „Miami Sound Machine“. Lead-Sängerin ist Gloria Estefan. Wie das bei Lead-Sängern oft der Fall ist: Sie sind gleichzeitig das Aushängeschild der Band. Und speziell bei dieser Gruppe gibt es eine irre Fluktuation. Fan-Seiten im Internet können über die Jahre 28 verschiedene Mitglieder ausmachen. Mit wachsendem Erfolg wird immer klarer, dass der Name ein bisschen angepasst werden muss. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre spricht alle Welt nur noch von „Gloria Estefan and Miami Sound Machine“. Es ist ihr Name, der das Publikum anzieht – denn die Band selber hat ansonsten kein prominentes Gesicht. 1988 ist jedes Mitglied mindestens einmal getauscht worden – von der Ursprungs-Besetzung ist keiner mehr da. Es ist also kein Wunder, dass nicht nur der Mensch, sondern auch der Name der Lead-Sängerin prominent in den Vordergrund gestellt wird. Und das mit Riesen-Erfolg! „Anything For You“, „Rhythm Is Gonna Get You”, “Conga”, “Can´t Stay Away From You”, “Bad Boys” – nach Jahren der Lokal-Prominenz in Miami gelingt der Durchbruch mit einer ganzen Serie von Welthits.

Miami Sound Machine - Gloria Estefan (Foto: Imago, imago images / ZUMA Press)
Gloria Estefan mit Marcos Avila, Kiki Garcia und Emilio Estefan (Miami Sound Machine) Imago imago images / ZUMA Press

Volltreffer – und Ladenhüter zugleich

Es ist also klar, dass in der Karriere von Gloria Estefan ein weiterer Meilenstein folgen muss – und er folgt im Jahr 1989 mit dem offiziellen Solo-Album „Cuts Both Ways“. Und wie gesagt: Es ist ein Pseudo-Solo-Album. Die Musiker, die sie hier begleiten, sind genau die Kollegen, mit denen sie die ganze Zeit zusammengearbeitet hat – auch wenn keiner aus der Anfangsformation der 70er Jahre mehr dabei ist. Ausnahme ist Ehemann Emilio, der jetzt aber auch als Produzent mitmacht (und er ist so gut in seinem Job, dass er über die Jahrzehnte hinweg 19 Grammys kassieren wird). Trotzdem ist der Begriff „solo“ gar nicht mal so falsch. Denn Gloria Estefan kann nicht nur singen – sie kann auch texten und komponieren. Das kann sie so gut, dass sie hier – auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Ruhms – einen Welthit nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt (nur die Single „Get On Your Feet“ stammt nicht aus ihrer Feder). Dieses Können wird später auch geehrt – denn sie ist offizielles Mitglied in der „Songwriters Hall of Fame“. Hier nun vertraut sie auf die Erfolgsrezepte der vergangenen Jahre: Flotte Pop-Songs, die mit Latino-Rhythmen garniert sind; Seite an Seite mit starken Balladen, die allesamt unglaubliche Ohrwurm-Qualitäten haben. Beobachter in den USA sind allerdings verblüfft; denn „Oye mi canto“, das zu den vielen Welthits dieses Albums gehört, ausgerechnet dieses Lied floppt in der amerikanischen Heimat! Die Single ist ein Ladenhüter.
Gloria Estefan dürfte das kaum stören, denn die LP wird mit ihrem Mix aus fröhlichem Latino-Pop und traurig-gefühlvollen Balladen zum Meilenstein ihrer Karriere – und zum Millionen-Hit. – Wenige Jahre später übertrifft sie diesen kommerziellen Erfolg noch einmal deutlich; dann mit ihrem dritten Solo-Album „Mi Tierra“. Weil diese Liebes-Erklärung an Kuba rein spanischsprachig ist, verkauft es sich besonders gut in den Teilen der Erde, in denen spanisch gesprochen wird – und das ist ja bekanntlich ein ziemlich großer Teil der Erde…

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