SWR1 Meilenstein: George Michael mit Listen Without Prejudice von 1990 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Photoshot)

George Michael: "Listen without Prejudice" (1990) Wie ein Künstler sich weigert, ein Star zu sein

Emotionale Texte, emotionale Musik. George Michael singt mit unglaublicher Intensität. Die Plattenfirma ist nicht begeistert – trotz eines Millionenumsatzes.

„Bitte ohne Vorurteile reinhören!“

Und was ist das jetzt für ein Ärger, der sich da mit der Plattenfirma auftut? Dazu muss man noch mal kurz zurückblicken. Denn George Michael ist sei 1987 nicht mehr nur ein Star, sondern ein Mega-Star. Jedenfalls in den USA. Denn sein Album „Faith“ aus dem Jahr 1987 war ein unfassbarer Multi-Millionen-Erfolg gewesen – und zwar ganz besonders in Amerika. Die Erwartungen an das Folge-Album sind also hoch – nicht nur bei den Fans, sondern natürlich ganz besonders bei der Plattenfirma. Die Verantwortlichen bei „Columbia Records“ wissen natürlich, dass auch ein Superstar nicht automatisch eine ähnlich erfolgreiche LP aus dem Ärmel schütteln kann. Als sie aber das fertige Produkt hören, dürfte dem ein oder anderen Boss in der Chef-Etage mulmig geworden sein. Allein der Titel muss da schon verdächtig wirken, denn der heißt frei übersetzt: „Bitte ohne Vorurteile reinhören!“. Die ungewöhnlich düstere Musik und die ungewöhnlich düsteren Texte tun das ihre...

SWR1 Meilenstein: George Michael mit Listen Without Prejudice von 1990 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Photoshot)
George Michael in den frühen 1990er picture alliance / Photoshot

Gesellschafts-Kritik, Kapitalismus-Kritik – das soll in die Charts?

Der erste Höreindruck macht klar: Es ist offenkundig, dass George Michael hier als reife Künstlerpersönlichkeit erscheinen will und NICHT als Sex-Symbol. Die erste Single-Auskopplung lässt leicht erahnen, dass es Ärger bei Columbia Records geben könnte. Denn das hier ist keine kommerzielle Musik! „Praying for Time“ ist als Eröffnungsstück das emotionale Zentrum der gesamten LP. Die Musik ist schwermütig. Und der Text ist randvoll mit heiklen Beobachtungen. Auch mit heiklen Selbst-Beobachtungen. Denn der mittlerweile schwerreiche George Michael geht hier ins Gericht mit den Reichen. Ein Personenkreis, der dazu neige, sich selbst armzurechnen, wie er textet. Er setzt noch einen oben drauf, wenn er singt:

Wir wissen nicht, ob wir genug haben, aber wir ergreifen jede Gelegenheit beim Schopfe!“.

Den Reichen stellt er in dem Lied hungrige Bettler gegenüber, die die Hände aufhalten müssen. Das allein ist schon ziemlich viel Material für einen Song, der in den Hitparaden landen soll. Aber das alles wird auch noch begleitet mit Anmerkungen zu einer Gesellschaft, die nicht mehr fähig ist, zu lieben (und der das Hassen viel leichter fällt). Und es wird sogar religiös, wenn Michael das Bild einer Gesellschaft zeichnet, der Gott den Rücken gekehrt hat, weil Er keine (Gottes-)Kinder mehr hat, zu denen Er zurückkehren könnte.

(Quelle: Youtube)

Aufstieg der Super-Models – auch Dank George Michael!

Uff, das ist harter Tobak! Gesellschafts-Kritik, Kapitalismus-Kritik. Eine gottlose, eine lieblose Welt. Pessimistischer geht es kaum. Man kann sich also die langen Gesichter bei Columbia Records vorstellen. Der Ärger wird aber noch größer: George Michael will kein Musik-Video drehen! Und das ist damals eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Die Plattenfirma bringt trotzdem einen Clip raus, in dem nur die Textzeilen eingeblendet werden. Der Streit wird noch größer, als sich der Künstler auch beim nächsten Video weigert. „Freedom ´90“ wird aber auch ohne ihn zum Kult-Video. Kult-Regisseur David Fincher sammelt die Riege der damaligen Top-Models um sich. Dass in den 90er Jahren Top-Models zu Super-Models aufsteigen – von namenlosen Gesichtern zu berühmten Celebrities werden – das hat indirekt auch mit George Michael zu tun, der kein Video drehen wollte. Hier also sieht man fünf Frauen, die den Text des Songs lippensynchron nachsingen: Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington. Sie werden fürstlich entlohnt. 15.000 Dollar pro Drehtag und Person. Auf heute umgerechnet entspricht das inflationsbereinigt 30.000 Euro. Aber wohl auch dank dieses Videos werden ihre Gagen später deutlich wachsen.

SWR1 Meilenstein: George Michael mit Listen Without Prejudice von 1990 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture-Alliance / Photoshot)
1993 auf dem Weg zum Gericht in London, in dem die Klage gegen seine Plattenfirma verhandelt wird. Picture-Alliance / Photoshot

Ärger, Ärger, nichts als Ärger!

Für Columbia Records ist das alles zu viel. Lieder mit Grabes-Stimmung (wie das todtraurige Stevie-Wonder-Cover „They Won´t Go When I Go“), verzweifelte Liebeslieder wie „Cowboys and Angels“, und nur wenig Aufmunterndes wie „Heal the Pain“ – das alles gepaart mit einem Künstler, der weder für Foto-Shootings noch für Video-Drehs zur Verfügung stehen will: Für die Bosse ist das das reinste Kassengift. Das Album, das sich über 8 Millionen Mal eigentlich prächtig verkauft, gilt als kommerzieller Misserfolg. Jedenfalls im Vergleich zum Vorgänger „Faith“. George Michael ist auch wütend. Er sagt, dass ihn die Firma nicht unterstützt habe und will raus aus dem Vertrag. Er verklagt seine Plattenfirma, die ihn aber nicht ziehen lassen will. (Genau denselben Ärger wird Prince ab 1993 bei Warner Bros. Records haben!). Der Rechtsstreit wird Jahre dauern. Michael verliert in allen Punkten. Columbia lässt ihn erst ziehen, als er von einer anderen Firma für sehr viel Geld aus dem Vertrag herausgekauft wird. „Listen without Prejudice“ trägt eigentlich noch den Zusatz „Vol. 1“. Einen zweiten Teil wird es nie geben. Teil 1 übersteht die Zeiten als melancholisches Meisterwerk.