Frankie Goes to Hollywood bei einem Auftritt 1986 (Foto: Imago, teutopress)

Frankie Goes to Hollywood: "Welcome to the Pleasuredome" (1984) Pompöser Paukenschlag in der Musikwelt

„Relax“, „Two Tribes“, „The Power of Love”. Frankie Goes to Hollywood (kurz FGTH) liefern auf ihrer Debut-LP gleich mehrere Klassiker für die Ewigkeit ab. Ihre bewusst gesetzten homo-erotischen Akzente sorgen für Skandale – Skandale, die ziemlich verkaufsfördernd sind.

No Sex, please. We´re British!”

„Willkommen im Tempel der Lust“ - wer sich so einen Titel für seine Debut-LP ausdenkt, muss sich seiner Sache schon ganz sicher sein. Dort, wo im Jahr 1984 „Skandal“ drauf steht, ist ganz sicher auch ein Skandal drin. Und als damals eine unbekannte Band aus Liverpool mit der ersten Vorab-Single „Relax“ weltweit die Charts stürmt, ist der gewünschte Effekt auch ganz schnell da. Sex-Ratgeber gab es damals vielleicht in den Bücher-Charts, aber nicht unbedingt in den Musik-Hitparaden. Wobei die Sex-Tipps von Sänger Holly Johnson ziemlich knapp gehalten waren. Frei übersetzt: In Sachen Orgasmus möge man doch zwecks Genuss-Verlängerung bitte eine gewisse Spannung aufrechterhalten.

Frankie Goes to Hollywood bei einem Auftritt 1986 (Foto: Imago, teutopress)
Frankie Goes to Hollywood bei einem Auftritt (1986) Imago teutopress

Bloß nicht zu früh entspannen! „Relax, don´t do it when you wanna come!“ – wie soll man auf so eine Liedzeile reagieren? Die BBC reagiert schnell und humorlos – sie schmeißt die Single kurzerhand aus dem Programm. Das dazugehörige Video macht die Aufregung nur noch größer, denn bekanntlich gilt ja im Vereinigten Königreich: „No Sex, please. We´re British!“. Hier bekommen Fans von MTV und anderen Musik-Fernsehsendern aber einen bizarren Sado-Maso-Schwulen-Club zu sehen, in dem auch noch die ein oder andere Kopulation unter Männern angedeutet wird. Dieser Club deutet auf den „Pleasuredome“, den „Tempel der Lust“ voraus, der da bald als LP-Titel zu bestaunen sein wird. Aber diese allzu offen ausgetragene Sinnenfreude der besonderen Art ist jetzt nicht nur vielen Radiostationen, sondern eben auch Fernsehstationen ein Dorn im Auge – auch hier fliegt das Video prompt raus.

„Duran Duran dürfen uns die Stiefel lecken!“

Das mit den Verboten ist ja so eine Sache. Irgendwie machen sie das, was da verboten wird, nur noch reizvoller. „Relax“ wird wohl gerade wegen dieser diversen Zensurversuche nur noch erfolgreicher. Und zwar so erfolgreich, dass die BBC nach nur wenigen Wochen ihren Bann ganz schnell wieder aufgibt.

Die Nummer landet so oder so auf Platz Eins der UK-Charts – und sie gehört bis heute zu den erfolgreichsten Singles der britischen Charts überhaupt. Das skurrile Video bleibt aber bei dem ein oder anderen Fernsehsender erstmal im Giftschrank. Die Band muss also schnell ein neues, deutlich harmloseres Video auf den Markt bringen. Eines, das nicht mit homo-erotischen Andeutungen angereichert ist.

Was das Management der Newcomer-Band hier angestellt hatte, war bewusste Provokation. Dafür genügte schon ein bewusst schwules Image. Das war neu damals – und das trauen sich ansonsten nur die Kollegen von „Bronski Beat“. Die sind im selben Jahr 1984 mit ihrem „Smalltown Boy“ aber nicht auf Provokation aus, sondern wollen auf die Diskriminierung von Schwulen aufmerksam machen.

Bronski Beat in Köln, ca. 1990 (Foto: Imago, Horst Galuschka)
Die britische Band Bronski Beat macht seit den 80ern auf die Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam. Hier zu sehen vor einem Konzertplakat in Köln (1990) Imago Horst Galuschka

Was für ein Gegensatz zu FGTH! Die bewerben ihre Single in diversen Musikzeitschriften mit frivolen Parolen wie (übersetzt ins Deutsche): „Alle netten Jungs stehen auf Seemänner!“. Und die Kollegen von „Duran Duran“ werden in diesen Anzeigen mal eben so in die Tonne gekloppt („Die dürfen uns die Stiefel lecken!“).

Ist das jetzt die Band oder doch eher der Produzent?

Von Anfang an müssen sich FGTH eine Frage gefallen lassen: „Könnt Ihr überhaupt Musik machen?“. Die Frage ist ziemlich gemein, aber diese Frage hat natürlich einen Grund. Denn als kurz nach der Single endlich die LP rauskommt, stellen Kritikerohren fest: Das hier ist über alle Maßen fett produziert! „Welcome to the Pleasuredome“ zeigt eindeutig die Handschrift eines legendären Produzenten: Trevor Horn. Und dieser Trevor Horn gilt heute als der "Erfinder der 80er-Jahre-Musik".

Trevor Horn bei den Progressive Music Awards 2016 (Foto: Imago, Matrix)
Trevor Horn bei den Progressive Music Awards 2016 Imago Matrix

Sein Name steht für üppige Arrangements, donnernde Klangeffekte, satte Sound-Spielereien. Die sind oft so fett in allen möglichen Songs eingebaut, dass das ursprüngliche musikalische Grundgerüst kaum noch zu erkennen ist. Versuchen Sie mal, bei FGTH eine Gitarre oder ein Klavier herauszuhören. Das schafft man nur, wenn man sich konzentriert. Und daher kommt gleich zu Beginn der Karriere immer wieder der Vorwurf, dass die Band ja eigentlich nicht aus gestandenen Musikern bestehen würde.

Der Vorwurf wird umso lauter, als bekannt wird, dass auf der Debut-LP gleich mehrere Lieder dabei sind, bei denen außer der Stimme von Holly Johnson nicht ein einziges weiteres Mitglied seiner Band zu hören ist. Wirklich keines! Es sind Studio-Musiker, die da an den Instrumenten werkeln. Der Rest besteht aus Trevor Horns Klangtüfteleien.

Eigentlich müsste er tot sein!

Der Vorwurf ist trotzdem hart. Trevor Horn wird auf die Band aufmerksam, als diese noch gar keinen Plattenvertrag hat. Dennoch hatten es FGTH in den frühen 80ern geschafft, sowohl einen Live-Fernseh- als auch einen Live-Radio-Auftritt hinzulegen. Das Songmaterial, das Horn da hört, überzeugt ihn so sehr, dass er den Liverpoolern einen Plattenvertrag anbietet. Die sind eigentlich 1983 schon so gut wie hoffnungslos zerstritten und einer der Gründe ist der, dass sie keinen Plattenvertrag haben.

Natürlich sagen sie so schnell wie möglich zu. Als sie dann aus dem Nichts zu Superstars werden, ist Streit aber immer noch vorhanden. Weil jetzt aber Geld reinkommt, bleibt die Band erstmal bestehen. Wobei das mit dem Geld so ´ne Sache ist. Es müsste eigentlich viel, viel mehr auf dem Konto der Band-Mitglieder landen. Weil die aber in ihrer Verzweiflung einfach blind unterschrieben hatten, stellt sich im Nachhinein heraus, dass sie vertraglich im Grunde genommen über den Tisch gezogen und mit lächerlichen fünf Prozent der Einnahmen abgespeist werden. Auch die Autorenrechte liegen bei der Plattenfirma.

Sänger Holly Johnson, der einer der Haupt-Autoren der Truppe ist, wird nach LP Nummer zwei („Liverpool“ aus dem Jahr 1986) vor Gericht ziehen. Streit in der Gruppe, Streit mit der Plattenfirma. Wo soll das hinführen? Natürlich zur Trennung. 1987 lösen sich FGTH auf. Holly Johnson wird eine erfolgreiche Solo-Karriere starten.

Holly Johnson zu Gast bei SWR1 (Foto: SWR, SWR1 - Foto: Jochen Enderlin)
Holly Johnson zu Gast im SWR1-Studio (2014) SWR1 - Foto: Jochen Enderlin

Den Prozess gegen die Plattenfirma gewinnt er. Sein Leben gewinnt er auch. 1991 erfährt Johnson, dass er HIV-positiv ist. Die Ärzte prognostizierten ihm nicht mehr lange zu leben, doch es kam anders. Er gilt weltweit als medizinisches Wunder und stellt sich allen möglichen Forschungsprojekten zur Verfügung. Als Musiker konnte man ihn übrigens zuletzt im Dezember 2019 sehen – live bei unserer SWR1-Hitparade in Stuttgart.

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