Brian Ferry, Sänger von Roxy Music (Foto: Imago, xAngelxMarchinix)

Roxy Music: "Flesh and Blood" (1980) „Flesh and Blood" - das schmeckt wie ein gekühlter Cocktail

Musik, Covergestaltung und Frontmann Bryan Ferry: Kaum eine andere Band wird so oft als „stilbildend" bezeichnet. Das vorletzte Studio-Album „Flesh and Blood" ist als stylisches Hochglanz-Produkt das beste Beispiel dafür.

Von der Avantgarde hin zu Trendsettern

Man kann ja Bryan Ferry und seiner Band Roxy Music vorwerfen was man will: Sexismus auf den Platten-Covern, übertrieben stylishes Aussehen, unterkühlt wirkende Musik. Aber das sind auch Vorwürfe, die man sich erstmal erarbeiten muss. Immerhin starten die Briten Anfang der 70er Jahre als Avantgarde-Künstler. Und wer sich mal den Spaß gemacht hat, die nach der Band benannte Debut-LP „Roxy Music" aus dem Jahr 1971 anzuhören, wird da kaum etwas von dem erkennen, was später so weltberühmt werden soll. Denn das Debut klingt nunmal nach Avantgarde - und höflich formuliert ist das damals Musik, die Ecken und Kanten hat. Weniger höflich formuliert darf man aber auch ruhig sagen: „anstrengend!".

Brian Ferry in Deutschland, ca. 1985 (Foto: Imago, United Archives)
Brian Ferry, Sänger von Roxy Music in Deutschland (1985) Imago United Archives

Ein Gequäke, das dissonant und atonal daherkommt. Das kunstsinnige britische Publikum der frühen 70er Jahre findet damals aber durchaus Geschmack an dem Album - es landet auf Platz 10 der UK-Charts.

Geschmackssicher oder doch eher geschmacklos?

Auch die Kritik ist begeistert von Roxy Music, denn diese Mischung aus experimentellen Klängen und melodiösem Pop ist neu damals. Der Einsatz von akustischen und elektrischen Instrumenten, garniert mit dem Gesang von Bryan Ferry, der grundsätzlich im Anzug oder sogar Smoking auf der Bühne erscheint - das alles versehen mit einem Hauch Jazz-Club-Atmosphäre: das kommt an! Roxy Music sind von Anfang an ein Produkt, das sich unterscheiden will. Die Truppe schafft es, ein Image zu erarbeiten, für das Werbeagenturen normalerweise teure Kampagnen ersinnen würden. Wer eine Platte von Roxy Music kauft, gibt damit auch ein Statement ab: Hier hat jemand zugegriffen, der Geschmack beweist. Weiß, männlich, erfolgreich - besonders beim anderen Geschlecht. So viel zum Image. Zum Möchtegern-Image.

Sex sells

Da Geschmack ja nunmal etwas ist, über das sich hervorragend NICHT streiten lässt, bekommt auch Bryan Ferry speziell einiges an Kritik ab. Weil die Band nie auf dem Front-Cover ihrer Plattenhüllen zu sehen ist, sondern grundsätzlich nur von leichtbekleideten Models dort vertreten wird, ist der Vorwurf des Sexismus schnell da. Als dann auch noch bekannt wird, dass sich Ferry regelmäßig auch privat mit den abgelichteten Damen tummelt, hört der Spaß auf.

Die Frau als Sex-Objekt, um eine Platte zu verkaufen - diese Form der Covergestaltung reicht bis zum vorletzten Roxy-Music-Album „Flesh and Blood". Zur Ehrenrettung darf gesagt werden: Das nächste Album-Cover - das berühmte Fantasy-Gemälde von „Avalon", wird zwar auch wieder von einer Frau geschmückt, die ist aber von hinten als eine Art Ritter gar nicht als solche zu erkennen. Sie heißt Lucy Helmore und wird Bryan Ferry heiraten - vier Kinder werden der Ehe entspringen.

Wirklich eine „Bankrotterklärung voller Brillanz"?

Aber nochmal zurück zu unserem Meilenstein-Album „Flesh and Blood": Sieht man mal vom Cover ab (hier sind auf der Vorderseite zwei leichtbekleidete junge Frauen abgebildet, die sich als Speerwerferinnen gerieren - eine dritte ist zu sehen, wenn man das Vinyl-Album ganz aufklappt) - die Musik ist Roxy Music in Reinkultur. Die Beats mal angenehm, mal mitreißend. E-Gitarren unterlegt von einem Synthesizer-Klangbett. Und immer wieder Melodien, die man nicht vergisst. Wäre Musik ein Getränk - wir hätten es hier mit einem eisgekühlten Cocktail zu tun.

Brian Ferry Moskau 2011 (Foto: Imago, ITAR-TASS)
Brian Ferry in Moskau (2011) Imago ITAR-TASS

Hören Sie sich mal so einen Song wie „My Only Love" an: es prickelt ein bisschen und Beat und Melodie wirken angenehm anregend. Ein Kunstwerk eben. Der „Musik-Express" veröffentlicht mehr als drei Jahrzehnte nach Veröffentlichung des Albums eine rückblickende Kritik und bringt all dies auf den Punkt - wenn auch auf einen zwiespältigen Punkt. Der Autor wundert sich über den Coversong „In the Midnight Hour" („Bankrott-Erklärung oder kreativer Schachzug?"), meint den „vielleicht schönsten Refrain in (Brian) Ferrys Karriere" bei „Oh Yeah!" herauszuhören, nennt Roxy Music insgesamt ein bisschen „orientierungslos" bei diesem Album, um dann aber zum Schluss zu kommen, dass es dennoch „voller Brillanz" stecke. Natürlich tut es das. Sonst wäre es ja kein SWR1-Meilenstein-Album!