Fleetwood Mac Konzert  (Foto: Imago, imago images / ZUMA Press)

Fleetwood Mac: "Tango in the Night" (1987) Wie aus einem geplantem Solo-Album ein Band-Album wird

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„Tango in the Night“ ist ein Klassiker, der leicht und mühelos daherzukommen scheint. Die 18 Monate alptraumhaften Studio-Stress merkt man dem Album nicht an.

Die Hassliebe treibt sie immer wieder zusammen

Wir sind mitten in den 80er Jahren. Fleetwood Mac sind gestandene Superstars. Und wie sich das für gestandene Superstars gehört, wissen die Band-Mitglieder genau, was das heißt: zerrüttete Ehen, Drogen-Probleme, und ein ständiges hin und her zwischen halbherzigen Band-Auflösungen und Solo-Projekten. Mega-Erfolg und persönliche Katastrophen waren mit dem 70er-Jahre-Klassiker „Rumours“ einhergegangen. Das Album gehört bis heute zu den Top Ten der meistverkauften aller Zeiten. Im Anschluss gibt es zwar weiterhin Fleetwood Mac LP´s. Aber die seelischen Verletzungen machen es grundsätzlich schwer, gemeinsam im Studio zu arbeiten. Die meisten Mitglieder versuchen sich zeitgleich an Solo-Alben. Natürlich mit unterschiedlichem Erfolg. Aber die Hassliebe untereinander sorgt grundsätzlich dafür, dass der- oder diejenige gerne nach musikalischer Unterstützung bei den Band-Kollegen sucht.

War ja klar: Knatsch, Suff und Drogen sind mit an Bord

Gitarrist Lindsey Buckingham ist also 1985 alleine im Studio für ein Solo-Projekt, das nicht so recht in die Gänge kommen will. Im selben Gebäude kommen ein paar vereinzelte Fleetwood Mac Mitglieder ebenfalls zu Studio-Sessions zusammen. Immerhin liegt das letzte Album („Tusk“) schon drei Jahre zurück. Produzent Richard Dashut erinnert sich in einem Interview auf „Salon.com“ an diese schizophrene Situation: „Es war vollkommen verrückt und hätte niemals so funktionieren können!“. Also kommen dann doch alle Bandmitglieder in einen Raum, um mit vereinten Kräften etwas Neues zu schaffen. Wie üblich bei der Band, gibt es viel Knatsch. Sängerin Stevie Nicks wird während der kommenden 18 Monate Studio-Arbeit nur an insgesamt zwei Wochen anwesend sein. Denn sie ist entweder auf Solo-Tour oder wegen ihrer Kokain- und Alkohol-Abhängigkeit in einer Entzugsklinik. (Der Song „Welcome to the Room…Sara“ auf der B-Seite erzählt von ihrem Klinik-Aufenthalt!). Ihre Stimme ist auf dem Album kaum zu hören, weil ihr anzumerken ist, dass sie im angetrunkenen Zustand singt. Die Stimme wird wieder entfernt. Lindsey Buckingham, auf den die Entstehung von „Tango in the Night“ eigentlich zurückgeht, schmeißt nach dem ganzen Irrsinn hin und verlässt die Band für ein ganzes Jahrzehnt. Co-Produzent Greg Droman ist nach eineinhalb Jahren pausenloser Arbeit nur noch ein Wrack.

Fleetwood Mac Gitarrist Lindsey Buckingham (Foto: Imago, imago images / ZUMA Press)
Gitarrist, Lindsey Buckingham (2008) Imago imago images / ZUMA Press

Alptraumhafte Atmosphäre sorgt für ein traumhaftes Album

„Damals hatten Studios keine Fenster“, erzählt er auf der Internetseite „Salon.com“. „Wir wussten irgendwann überhaupt nicht mehr, ob Tag oder Nacht war. Zuerst dachte ich, ich hätte einfach nur mit dem Stress zu kämpfen. Aber das waren Panikattacken! Als das Album endlich fertig war, wollte ich es mir überhaupt nicht anhören. Und als dann „Big Love“ im Radio lief, habe ich das Radio sofort ausgemacht“. - So ist das eben, wenn man mit Vollblut-Künstlern zu tun hat. Die sind nur selten mit dem zufrieden, was sie anfertigen. Und wenn man meint, sie seien fertig, schmeißen sie alles hin und fangen nochmal komplett von vorne an. So war das auch bei vielen Songs auf „Tango in the Night“. Kein Wunder, dass 18 Monate ins Land ziehen, bis die LP endlich fertig ist. Es ist entsprechend aber auch kein Wunder, dass hier ein Meilenstein entstanden ist. Fleetwood Mac sind in den 80ern angekommen. Das Album glänzt mit einem faszinierenden Sound, der sowohl von Synthesizern als auch Akustik-Instrumenten geprägt ist – durchwirkt vom typisch knackigen Schlagzeug. Lückenfüller sind fast keine zu finden, obwohl die B-Seite etwas schwächer als die A-Seite ist. Von den 12 Songs werden 6 als Single ausgekoppelt – und es hätten durchaus auch mehr sein können. Die meisten werden zu 80er-Jahre-Klassikern. Es ist Popmusik im besten Sinne. Ohrwürmer, deren anstrengenden Entstehungsprozess man überhaupt nicht erahnen kann. Ein zeitloses Album, dessen Cover-Artwork auch irgendwie zeitlos daherkommt: Es ist buchstäblich ein Gemälde, das ganz bewusst an Henri Rousseaus berühmtes Bild „Der Traum“ angelehnt ist. Und was auch schön ist: Die Nacht- und Traum-Atmosphäre, die Titel und Cover versprechen, die ist auch in vielen Songs deutlich hörbar.

Und heute?

Fleetwood Mac gibt es immer noch. Ein Teil des klassischen Line-Ups ist auch immer noch dabei. Die Band spielt weiter vor ausverkauften Häusern und feiert seit 2018 ihr 50-jähriges (!) Bestehen (das erste Album war 1968 erschienen). Im Sommer 2019 sind sie auf großer Australien-/Nord-Amerika-Tournee – unter dem Motto: „Celebrating half a century of music!“. Es gibt zwei neue ständige Mitglieder: Mike Campbell (einer der „Heartbreakers“ von „Tom Petty and the Heartbreakers“) und Neil Finn (früher einer der beiden kreativen Köpfe von „Crowded House“). Dem Vernehmen nach läuft alles rund. Aber wie es hinter den Kulissen aussieht, weiß man natürlich nicht. Die Band war schon immer für Streitigkeiten bekannt. Man sollte also versuchen, irgendwo ein Konzert-Ticket zu ergattern – solange es noch geht.

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