Tom Jones, Jazz Open 2017 (Foto: Veranstalter -)

Tom Jones: "Reload" (1999) Ein fast 60-Jähriger "Oldie" und sein irres Oldie-Comeback

Tom Jones hat Ende der 80er Jahre bemerkenswerten Erfolg mit einem bemerkenswerten Cover. Was damals nur eine einzige Single ist, wird dann 1999 als LP-Konzept zum ungeahnten Massen-Erfolg.

Ein "Matador"-Musical sorgt für neue Bekanntheit 

Aber nochmal kurz zurückgeblickt. Denn der Weg zu "Reload" im Jahr 1999 ist lang. Sehr lang sogar. Dass er 1988 mit den Sound-Tüftlern von "The Art of Noise" und dem Prince-Coversong "Kiss" einen Welthit landet, war überhaupt nicht vorherzusehen. Überhaupt hatte Tom Jones damals schon lange keinen Hit mehr. Eigentlich war er mehr oder weniger aus den Charts herausgeflogen – und das schon seit eineinhalb Jahrzehnten. Der Mann lebt von seinem Legendenstatus. In Las-Vegas-Shows gibt er seine Klassiker wie "It´s Not Unusual", "Delilah" und "Thunderball" zum Besten.

Tom Jones, Pressefoto Tour 2019 (Foto: dontshow - Foto: Elke Briers)
Tom Jones dontshow - Foto: Elke Briers

Beim jüngeren Publikum ist er eher unbekannt. Ausgerechnet ein geplantes Musical mit dem Namen "Matador" beschert ihm 1987 einen überraschenden Hit in der britischen Heimat. Das Musical existiert zwar noch nicht als Bühnenproduktion – aber die Musik ist immerhin schon da – und Jones übernimmt einen Gesangspart. Der Schmachtfetzen daraus – "The Boy From Nowhere" – der sorgt als Nummer-2-Hit in den UK-Charts für neue Popularität des altbekannten Namens. Die ein oder andere Tom-Jones-Las-Vegas-Show wird folglich gern nochmal im Fernsehen gezeigt. Weil Mitglieder von "The Art of Noise" sehen, dass Jones in Las Vegas auch "Kiss" von Prince covert, bitten sie ihn um ein weiteres Cover dieses Songs – diesmal dann im sehr speziellen Klang-Gewand von "The Art of Noise". 

"Frage den Original-Künstler nie nach seiner Meinung!" 

In einem Interview gesteht Tom Jones Jahre später, dass er beim ersten Hören der fertigen Version begeistert war: "Also, wenn das kein Hit ist, dann schmeiß ich alles hin", sagt er den Betreibern von "Songfacts.com". Und er habe Recht gehabt. Die Single sei ja zum Riesen-Hit geworden. Er habe Prince höflich dafür gedankt, dass er den Song covern durfte. (Prince hatte übrigens genau wie Tom Jones auch an einem 7. Juni Geburtstag). Aber eines habe er tunlichst vermieden: Er habe aus Angst vor Kritik nicht nachgehakt, was Prince denn eigentlich von dieser sehr speziellen Version gehalten habe.

PA (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Tom Jones auf der Bühne bei einem Auftritt im Jahr 1999 in London. Picture Alliance

Und überhaupt würde er grundsätzlich bei Cover-Songs genau wegen dieser Angst nie nachhaken, was die Original-Künstler denn von seinen Versionen halten würden. – Das wäre auch ein bisschen viel verlangt. Denn ein Jahrzehnt später erinnert er sich an die Kooperation mit "The Art of Noise" und liefert bei "Reload" jede Menge Coverversionen. Diese im Grunde genommen völlig unwahrscheinliche Zusammenarbeit von damals – eine Zusammenarbeit, die man sich kaum hätte vorstellen können! – genau diese Form des Teamworks strebt Tom Jones noch einmal an. Diesmal aber nicht bloß für eine einzige Single, sondern gleich für eine ganze LP. Also nochmal seine im besten Sinne des Wortes "theatralische" Bombast-Stimme aus einem völlig anderen Zeitalter ins Hier und Jetzt bringen, um sie dann in moderne Pop-Songs einzubetten. Das Erfolgs-Rezept: Jones geht als fast 60er-Jähriger Oldie zu den angesagtesten jungen Künstlern und Produzenten, und haucht damit dem ein oder anderen Oldie viel neues Leben ein. Und genau das macht "Reload" zum Meilenstein in der Karriere des Tom Jones. Die LP verkauft sich damals 4 Millionen Mal und wird damit zum erfolgreichsten Album seiner langen Karriere überhaupt!  

Mit fast 80 immer noch auf Tour 

Da Journalisten damals verblüfft sind vom Erfolg dieser gar nicht so neuen Idee, Alt und Jung zu mischen, haken sie natürlich nach bei Tom Jones, was denn das Erfolgsrezept sei. Und immer und immer wieder betont Jones vollmundig: "Du musst mit der Zeit gehen, sonst bist Du weg vom Fenster!". Als wenn das so leicht wäre! Aber er hat schon irgendwie Recht. Denn er ist bei den angesagtesten Leuten der damaligen Zeit. Der deutsch-türkische Produzent "Mousse T." zaubert "Sex Bomb" für ihn aus dem Hut. Und auch alle anderen Namen sind damals extrem angesagt. Aber wiederholen kann Tom Jones diesen Erfolg nicht – von wegen: "mit der Zeit gehen!". Und was außerdem bemerkenswert an diesem irren Comeback-Album ist: Viele der damaligen Stars sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden.

Tom Jones JazzOpen (Foto: SWR, SWR1 - Foto: Willi Kuper)
Am 15. Juli war Sir Tom Jones im Rahmen der JazzOpen auf dem Schlossplatz zu Gast. Foto: Willi Kuper SWR1 - Foto: Willi Kuper

Von den "Cardigans", den "Stereophonics", Natalie Imbruglia, Simply Red, Zucchero, den "Pretenders" oder "Portishead" hört man aktuell nur wenig. Teils, weil sich die Bands aufgelöst haben, teils weil ihnen einfach keine Hits mehr gelungen sind. Zugegeben: Auch Tom Jones hat in den zwei Jahrzehnten nach "Reload" nicht mehr die allergrößten Chart-Erfolge gehabt – aber er ist auch mit 79 Jahren weiterhin munter auf Tour; ganz ähnlich wie viele seiner damaligen Kollegen. "Von der Bildfläche verschwunden" ist also vielleicht ein bisschen zu streng formuliert: Aus den Charts verschwunden – aber nicht von den Bühnen dieser Welt…