COSBY, STILLS, NASH, YOUNG -CONCERT AT MADISON SQUARE GARDEN (Foto: Imago, ZUMA Press)

Crosby, Stills, Nash & Young: "Déjà Vu" (1970) Folk-Rock-Meisterwerk der frühen 70er Jahre

Sieben Monate Studiozeit und 800 Stunden Arbeit (angeblich) – am Ende bleiben auf dem Album aber netto nur 36 Minuten Musik. Die gehören allerdings zum Besten, was der Folk-Rock je hervorgebracht hat.

Vom Trio zum Quartett

Kurzes Augenreiben in der Musikwelt des Jahres 1969: Da hatten sich die Fans über eine sogenannte „Supergroup“ gefreut, die als Trio unterwegs war. Da hieß die Truppe noch „Crosby, Stills and Nash“ (gerne als CSN abgekürzt). Die gleichnamige Debut-LP ist ein Riesen-Erfolg in den amerikanischen Plattenläden. Aber dann findet im selben Jahr ein gewisses Festival mit dem Namen „Woodstock“ statt. Und siehe da: Auf einmal wird diese Supergroup noch „superer“. Denn auf der Bühne präsentiert sich Zuwachs aus Kanada: Neil Young.

Neil Young (links) mit Steven Stills (1970) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Neil Young (links) mit Steven Stills (1970) Picture Alliance

Der Kanadier lebte schon seit einiger Zeit in Los Angeles. Als weiteres Ex-Mitglied von „Buffalo Springs“ war der Schritt zum früheren Band-Genossen Stills nicht weit.

Nur nochmal zur Erinnerung: Als Supergroup gelten in der Pop- und Rockmusik solche Bands, die sich aus Mitgliedern zusammensetzen, die schon einen gewissen Star-Ruhm erlebt haben. Dieses relativ neue Trio hier, das sich da so schnell zum Quartett erweitert hat, besteht a) aus David Crosby (bei den „Byrds“ zu Ruhm und Geld gekommen); b) aus Stephen Stills, der hatte zuvor bei „Buffalo Springfield“ einen der berühmtesten Songs der 60er Jahre komponiert. „For what it´s worth“ erkennt man im Radio schon nach der ersten Sekunde. Und c) ist da noch der Brite Graham Nash, der zuvor bei den „Hollies“ war. Nash gilt bei dieser Ansammlung von ziemlich ausgeprägten Egos als das ausgleichende Element. Er sorgt für Schlichtung, wenn es mal wieder nötig ist – und die ist oft nötig! Denn auch zu viert wird die Sache nicht leichter.

Streit, Drogen und ein tödlicher Auto-Unfall

Jetzt also im Quartett. Allein schon die Tatsache, beim Woodstock-Festival mit dabei gewesen zu sein, sorgt dafür, dass das Quartett schon sehr, sehr früh Legendenstatus erlangt. Die Folk-Musik und die politisch angehauchten Texte sprechen der amerikanischen Jugend damals aus der Seele. Die vier müssen schnell den Fahrtwind ausnutzen und auf dem fahrenden Zug bleiben. Heißt: Wer so angesagt ist, muss auch schnell eine neue LP in die Läden bringen. Aber das mit dem „schnell“ erweist sich als kompliziert. Sehr kompliziert sogar. David Crosby – damals 28 Jahre jung – ist am Boden zerstört. Seine Freundin Christine Hinton war gerade bei einem Auto-Unfall ums Leben gekommen – nur wenige Tage nachdem die beiden gemeinsam von Los Angeles nach San Francisco gezogen waren.

COSBY, STILLS, NASH, YOUNG -CONCERT AT MADISON SQUARE GARDEN (Foto: Imago, ZUMA Press)
Wider versöhnt: Cosby, Stills, Nash und Young bei einem Konzert im Maddison Square Garden 2006 Imago ZUMA Press

Crosby tröstet sich mit Drogen und Alkohol – und wird ein Leben lang an den gesundheitlichen Folgen zu tragen haben (berühmt ist seine Lebertransplantation Anfang der 90er Jahre, deren Kosten Phil Collins übernommen hatte!). – Neil Young streitet sich lieber als konzentriert im Studio zu arbeiten – und ist entsprechend nur bei der Hälfte der Songs dabei. Graham Nash ist wie immer der Schlichter. Und Stephen Stills will nicht schon wieder alle Instrumente alleine einspielen. Das hatte er schon beim Vorgänger-Album gemacht.

Ein rätselhaftes Titelbild – wer sind die zwei anderen?

Man merkt schon dass es knirscht. Bei den größten Meisterwerken der Rock- und Popmusik war es oft so, dass im Hintergrund die größten Tragödien zugange waren. Die Aufnahmesessions werden unerträglich lang. Was im Juli 1969 beginnt, endet erst im Januar 1970. Stephen Stills schätzt, dass insgesamt wohl 800 Stunden an Netto-Arbeitszeit in das Album einfließen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Laufzeit der LP gerade mal 36 Minuten beträgt. Ein Grund für die lange Dauer ist die sogenannte Mehrspur-Technik, bei der die unterschiedlichsten Aufnahmen am Ende zu einem einzigen Stück zusammengefügt werden. Erst wird ein Instrument einzeln aufgenommen, dann das nächste, dann das übernächste.

David Crosby, Steven Stills und Graham Nash 1980 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
David Crosby, Steven Stills und Graham Nash (1980) Picture Alliance

Beim Endprodukt hört man zwar die berühmten Vokal-Harmonien von CSNY. Aber nicht alle Stimmen mussten für diesen wunderschönen Gesang gleichzeitig im Studio sein. Auch das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie gut CSNY live funktioniert haben. Bei den Live-Konzerten mussten aber immer wieder zusätzliche Musiker engagiert werden. Bei diesem Album sind Extra-Musiker so zentral, dass sie fast schon offizielle Bandmitglieder sind. Das erklärt auch das rätselhafte Titelbild von „Deja vu“. Denn dort sind nicht etwa vier Personen abgebildet, sondern sechs! Die anderen beiden sind Bassist Greg Reeves und Schlagzeuger Dallas Taylor.

Ehre, wem Ehre gebührt

Die mühevolle Arbeit lohnt sich. „Deja vu“ gilt heute als eines der großen Meisterwerke der Rock- und Popmusik. In allen möglichen „Best of“-Listen taucht diese LP auf.

Mit bis heute über 7 Millionen verkauften Exemplaren ist sie auch die kommerziell erfolgreichste der Truppe – auch als Solo-Künstler hat keines der Mitglieder jemals eine andere LP mit ähnlichen Zahlen veröffentlichen können. Und sie machen danach ja alle auch weiter Musik; sei es als CSN oder als CSNY. Mal sind sie solo unterwegs, mal bei anderen Band-Projekten. Crosby, Stills, Nash und Young haben Kult-Status. Und diesen Status konnten sie ihr Leben lang aufrechterhalten.