Boston Band 1994 (Foto: Imago, Mary Evans)

Boston: "Boston" (1976) Die unglaubliche Geburt eines Rockklassikers

Ein Maschinenbau-Ingenieur träumt von der großen Musiker-Karriere – und bastelt sich im Hobby-Keller ein Tonstudio zusammen. Kein anderer Klassiker der Rockmusik-Geschichte hat eine so dermaßen verrückte Entstehungsgeschichte!

Tom Scholz von der Band Boston (Foto: Imago, ZUMA Press)
Imago ZUMA Press

Ein Musiker studiert Maschinenbau

„Boston“. Wenn man den Namen der Rock-Band „Boston“ hört, muss man eigentlich Tom Scholz sagen. Denn dieser Tom Scholz ist der geistige Vater dieser verrückten Geschichte. Und das mit dem „verrückt“ darf man ruhig betonen. Auch wenn in seiner Jugend erstmal alles ganz normal anfängt. Scholz bekommt Klavier-Unterricht. Und er liebt Klassische Musik über alles. Er schwärmt besonders für Beethoven, Chopin, Rachmaninow, Ravel und Tschaikowsky. Wie es auf der Homepage von Boston heißt, würde man den Einfluss dieser Komponisten besonders in den späteren Balladen deutlich hören. Scholz ist begabt. So begabt, dass er aber nicht etwa Musik studiert, sondern Maschinenbau. Und das auch noch an einer der berühmtesten Unis der Welt – am Bostoner M.I.T. – Dort zu studieren, ist kein Zuckerschlecken. Da wird bis weit nach Mitternacht gebüffelt. Scholz findet trotzdem noch die Zeit, bei einer Band mitzumachen, die sich „Freehold“ nennt. Zwei der Jungs dort werden später bei „Boston“ mitmachen. Scholz selber ist bei „Freehold“ am Bass, an der Gitarre und am Synthesizer zu hören. Manchmal auch am Schlagzeug. Manchmal als Backgroundsänger.

Boston Stadt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Boston Stadt Picture Alliance

Ein Ein-Mann-Projekt nimmt Gestalt an

Als Scholz mit der Uni fertig ist, bekommt er einen Job bei „Polaroid“. „Es war toll“, schreibt er auf der Boston-Homepage. „Plötzlich hatte ich irre viel Zeit, weil ich nur bis 17 Uhr arbeiten musste!“. Und was macht Scholz während seiner Zeit bei Polaroid? Er komponiert! Und das Geld, das er verdient, verschwindet buchstäblich in der Versenkung. Denn zu Hause baut er seinen Hobby-Keller zum Tonstudio aus. Er will alle Songs, die er komponiert hat, aufnehmen. Und das macht er auch – allerdings solo. Mit Ausnahme des Schlagzeugs spielt er jedes Instrument alleine ein. Er ist wie besessen. Die Demo-Tapes sind so gut, dass eine Plattenfirma anbeißt: Epic (das ist die Firma, bei der später Michael Jacksons „Thriller“ erscheinen wird). Die will aber vor Vertrags-Abschluss erstmal hören, ob Scholz das alles auch mit Band live aufführen kann. Der Verdacht besteht, dass da irgendein Verrückter möglicherweise alleine rumhantiert und so tut, als ob es da eine Band gebe. Das ist nah dran an der Wahrheit. Also trommelt er nochmal Leute von früher zusammen. Sie üben die Songs von Scholz ein – und bekommen den Vertrag bei Epic!

Eine Plattenfirma wird hinters Licht geführt

Die Sache wird immer absurder. Die Plattenbosse bestellen mit dem Vertrag gleich sechs Alben (was damals völlig normal war). Den Sound wollen sie genau in dem Klanggewand haben wie auf dem Demo-Tape – nur bitte in einem professionellen Studio aufgenommen. Der passende Produzent wird gleich mitgeliefert. Die Aufnahmen sollen in Kalifornien stattfinden. Der gute Tom, der seit Jahren wie ein Maulwurf in seinem Keller aufgenommen hat, denkt aber gar nicht daran, irgendwohin zu fliegen. Der Produzent entpuppt sich als Menschenkenner und hat einen Vorschlag. Als Alibi soll ein Teil der Band in Kalifornien ein Lied aufnehmen, um die Plattenbosse in Sicherheit zu wiegen – nur ein Lied! – und der komplette Rest wird dann eben weiter im Bostoner Hobby-Keller aufgenommen. Der Standard dort ist mittlerweile kaum noch von einem Profi-Studio zu unterscheiden. Und ein neuer Name soll her. Der Produzent schlägt nicht unbedingt kreativ „Boston“ für die Bostoner Truppe vor – was auch angenommen wird.

Im Grunde genommen ein Märchen, das wahr geworden ist

Irgendwann sind aus den Demo-Tapes Profi-Tapes geworden, ohne dass der „Betrug“ auffällt. Die Bosse bei Epic wundern sich, warum das Album so flott fertig ist. Sie ahnen nicht, dass hier die Kopfgeburt eines einzigen Mannes über Jahre Gestalt angenommen hat – zu einem Bruchteil der üblichen Kosten. Als das Debut-Album „Boston“ erscheint, ist der Erfolg unfassbar. Er ist vom Fleck weg da. Gitarren-Rock, der mitreißt (Scholz hatte erst mit 21 angefangen, Gitarre zu lernen! Er ist mittlerweile 29!), ein Gesang vom Kollegen Brad Delp, der unverwechselbar ist, und Songs, die einfach geradeaus sind. Tom Scholz gesteht später in einem Interview, dass es schwierig war, seinem Alltagsjob noch weiter nachzugehen. „More than a feeling“ – sein Song! – sei im Radio gelaufen – und da habe er gewusst, dass er wohl doch Musiker werden könne. Volle 14 Tage bleibt er seinem Job bei Polaroid noch treu. In diesen zwei Wochen verkauft sich das Debut 200.000 Mal.  Ein paar Wochen später ist die Million geknackt – ein Jahr darauf sind schon mehr als sechs Millionen Exemplare über den Ladentisch gegangen. Es ist das bis dahin erfolgreichste Debut einer US-Band. Und es ist im Grunde das Märchen eines jungen Mannes, der im stillen Kämmerlein eine Idee hat – und diese Idee mit aller Hartnäckigkeit verfolgt.