Al Stewart: "Year of the Cat" (1976) Geschichtenerzähler mit Gitarre

Das "Jahr der Katze", das auch das "Jahr des Hasen" ist, wird zum größten Erfolg des schottischen Liedermachers. 

Wer bei schottischer Musik als erstes an Dudelsäcke denkt, liegt zwar nicht falsch, die haben durchaus eine besondere Bedeutung für die schottische Kultur, aber die Musikwelt hat dem Land tatsächlich sehr viel mehr zu verdanken. Viele bekannte Musiker haben schottische Wurzeln: die Simple Minds, Travis, Texas, Nazareth, die Bay City Rollers, Franz Ferdinand… und natürlich Al Stewart. 

Mit Alan Parsons auf die Erfolgsspur 

Als Al Stewart 16 Jahre alt ist, bricht er die Schule ab, um sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. In London wohnt er in einer WG mit Paul Simon. Dort lernt er auch die Beatles kennen. Obwohl er bereits mit seinem zweiten Album "Love Chronicles" die Auszeichnung der Musikzeitschrift Melody Maker als "bestes Folkalbum" erhält, bleibt der große kommerzielle Erfolg erst einmal aus. 

Das ändert sich 1975 mit seinem Album "Modern Times", mit dem er es auf Platz 30 in den US-Albumcharts schafft. Mit "Year of the Cat" gelingt Al Stewart dann sowohl in den USA als auch Europa der Durchbruch. Er erhält Gold- und Platinauszeichnungen. Produziert wurden die Alben von niemand geringerem als Alan Parsons. Er ist es, der Al Stewarts musikalische Perlen zum Glänzen bringt. 

Al Stewart (Foto: Imago, BRIGANI-ART)
Al Stewart Imago BRIGANI-ART

Bei den Aufnahmen zum Song "On the border" brachte Alan Parsons die Idee ein, eine spanische Gitarre zu integrieren. Allerdings hatten sie keinen Musiker im Studio, der die Gitarre wie gewünscht hätte spielen können – dachten sie. Peter White, der eigentlich als Klavierspieler engagiert war, griff plötzlich zur Gitarre und überraschte alle mit seinem Talent, das offenbar nicht nur Tasten sondern auch Saiten einschloss. Innerhalb kürzester Zeit spielte er die für den Song charakteristischen Gitarrenklänge ein. 

Das Jahr der Katze – eine schwere Geburt 

Es gibt Hits, die entstehen spontan in einem Rutsch. Bei "Year of the Cat" steckt dagegen viel Arbeit drin. Geschrieben hat Al Stewart den Song zusammen mit Keyboarder Peter Wood, von ihm stammt das legendäre Klavierriff am Anfang. Mit dem Text war es nicht so einfach. Die Musik für das Album hatte er sogar bereits komplett aufgenommen, noch bevor er einen einzigen Songtitel hatte. 

In einer ersten Textversion hieß "Year of the Cat" noch "Foot of the Stage" und drehte sich um den tragischen Suizid des Englischen Comedian Tony Hancock. Von dem hatte Al Stewarts Plattenfirma in Amerika allerdings noch nie gehört und er selbst hatte Zweifel, ob er die traurige Geschichte wirklich für sich verwenden sollte. Also verwarf er die Idee und schrieb weitere Texte. Einmal hieß das Lied "Horse of the Year" und drehte sich um Prinzessin Anne, die einzige Tochter von Queen Elizabeth II und Prinz Phillip. Auch diese Version kam bei seiner Plattenfirma allerdings nicht an. Al Stewart war fast schon verzweifelt. Da hatte er diese wunderbare Musik und einfach keinen passenden Text dazu. 

Al Stewart (Foto: Imago, Bernd Müller)
Al Stewart Imago Bernd Müller

Wie so oft in solchen Momenten, half der Zufall nach: Stewarts damalige Freundin besaß ein Buch über vietnamesische Astrologie, das eines Tages offen auf dem Tisch lag mit dem Kapitel – Sie ahnen es – "Year of the Cat". Gut, dass es ein Buch über vietnamesische Tierkreiszeichen war. Vietnam ist nämlich das einzige asiatische Land mit der Katze als Tierkreiszeichen. In der chinesischen Variante gibt es statt der Katze den Hasen und "Year of the rabbit" hätte sich aber wohl kaum so gut singen lassen. 

Von dem Songtitel war Al Stewart begeistert, allerdings empfand er es als lächerlich ein Lied über Katzen zu schreiben. Wieder kam der Zufall ins Spiel, als er im Fernsehen den Film-Klassiker "Casablanca" mit Humphrey Bogart und Peter Lorre sah. Beide werden im Liedtext erwähnt und Al Stewart strickt den Text erneut um, in eine Geschichte über einen Mann, der im Jahr der Katze einer schönen Frau begegnet. Mit diesem Text und der Musik landet er einen der größten Erfolge seiner Karriere. 

Songschreiber mit Tiefgang 

"I think of songs as cinema, really. It's aural cinema. I want to show you a movie when I'm playing a song."

Al Stewart

Al Stewart liebt es Geschichten zu erzählen. Ein Lied ist für ihn wie ein Film, der im Kopf entsteht. Viele seiner Lieder basieren auf historischen oder politischen Ereignissen. Das Lied "Lord Grenville" beispielsweise dreht sich um den englischen Seefahrer Sir Richard Grenville, in "Flying Sorcery" geht es um die berühmte britische Pilotin Amy Johnson. Die geschichtlichen Bezüge zu diesen beiden und vielen weiteren Liedern hat Al Stewart zum Nachlesen auf seine Webseite gestellt. 

Wie das so ist als Musiker auf Tour: auch Al Stewart lebt viel in Hotels. Seine Erfahrungen hat er im Lied "Broadway Hotel" verarbeitet. Ein Song über das Hotelleben, speziell über reiche Menschen, die zwar in einem Haus wohnen könnten, stattdessen aber lieber ein Hotelzimmer bewohnen (Udo Lindenberg lässt grüßen). 

Auch in einem Hotelzimmer entstand sein Song "If it doesn’t come naturally, leave it". Al Stewart suchte damals, wie oben bereits erwähnt, verzweifelt nach einem Text für "Year of the Cat". Er kämpfte mit einer Schreibblockade und es wollte ihm einfach nichts Passendes einfallen. Also schrieb er sich selbst eine Nachricht, in der er sich sagte, dass alles was Erzwungen ist, sowieso nicht richtig sei und man es am besten bleiben lassen solle, wenn es nicht von sich aus käme. Als er nach einem Spaziergang in sein Hotelzimmer zurückkam und die Notiz las, merkte er, dass die Zeile eigentlich wie ein perfekter Songtitel klang und begann direkt das Lied dazu zu schreiben. 

Die Fliege an der Wand 

Al Stewart ist ein ruhiger Typ, man könnte auch sagen ein bisschen ein scheuer Künstler. Die große Aufmerksamkeit ist nicht seins. Obwohl "Year of the Cat" in Amerika ein großer Hit war, blieb er selbst eher unbekannt. Auf dem Albumcover war vorne kein Foto von ihm. Er wollte das so und genoss es, frei überall hingehen zu können, ohne groß erkannt zu werden. Als Songschreiber muss man nicht im Mittelpunkt stehen, hat er mal gesagt, man ist eher "die Fliege an der Wand". Allerdings: ein bisschen ärgert es ihn dann doch, wenn er von manchen als One Hit Wonder gesehen und auf das eine Lied reduziert wird. "Das ist eben der Fluch, wenn man einen großen Hit hat". 

Unermüdlich unterwegs 

Auch mit fast Mitte 70 (am 5. September wird er 74 Jahre alt) hat sich Al Stewart seine frische und neugierige Art erhalten. Seine Stimme klingt so hell wie eh und je und er liebt es nach wie vor auf Tour zu sein und seine Musik zu spielen. Im Oktober ist er in England unterwegs, ab November tourt er wieder durch die USA. Und auch für 2020 hat er schon Pläne: im April spielt er 8 Tage lang auf einem Kreuzfahrtschiff. 

Und falls er doch mal Erholung von der Musik braucht, widmet er sich seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Wein. Mit bis zu 3.000 Flaschen besitzt Al Stewart einen der erlesensten Weinkeller Kaliforniens.