"Die Halle" in Reichenbach an der Fils "Wir machen die Provinz nicht mehr öde"

Kneipenatmosphäre und ein Dutzend junge Menschen, die bei einem Bier den Tag ausklingen lassen oder Skat spielen. Das ist "Die Halle" in Reichenbach an der Fils im Landkreis Esslingen unter der Woche. Am Wochenende geht's dann bei Partys, Konzerten und Kulturveranstaltungen deutlich lauter zu: Reggae, Hip-Hop, Rock und Blues. Musikalisch wird hier vieles geboten. Aber auch Debatten, wie zum Beispiel vor jeder Wahl: Da werden die Kandidaten eingeladen, um mit den meist jungen Menschen auf Augenhöhe über ihre Politik zu sprechen.

Die Halle Reichenbach (Foto: SWR, Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan)
Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan

Hinter "Die Halle" steckt ein Verein, den es schon seit über 30 Jahren gibt und der für Action in der Provinz sorgt.

Sebastian Strauss ist 35 Jahre alt und erzählt von den 160 Mitgliedern des Vereins und den rund 15 Aktiven, die den harten Kern bilden. Sie stemmen 80 Veranstaltungen im Jahr mit rund 10.000 Gästen, schätzt Strauss. Dabei hat der Veranstaltungsort einen ganz eigenen Charme, sagt Matthias Wagner, der auch zum Vorstand gehört.

Die Halle Reichenbach (Foto: SWR, Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan)
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Die Aktiven treffen sich nicht nur, wenn "Die Halle" offiziell geöffnet hat. Es gibt viele Sitzungen und Organisationstreffen. Und außerdem müssen die Ehrenamtlichen oft anpacken. Im Sommer wird der Ort häufig für ein paar Wochen geschlossen, damit renoviert werden kann. Das sei zwar harte Arbeit, aber gleichzeitig auch wichtiges Vereinsleben, so Sebastian Strauss.

Jubiläum mit eigener Band

Das Gebäude, ein früheres Wirtshaus, gehört der Gemeinde Reichenbach. Sie verlangt vom Verein keine Miete. Aber der Verein muss sich um die Instandhaltung kümmern und sich dabei komplett selbst finanzieren sowie zwei Mitarbeiter bezahlen. Die kümmern sich professionell um den Betrieb und die Veranstaltungen. Ein Highlight für Matthias Wagner war der 30. Geburtstag der "Halle": Dazu gründeten die Mitglieder die "Halle-Band" und traten mit ihren Coversongs auf, die sie einstudiert hatten. "Es war dann einfach eine wundervolle Erfahrung zu sehen, wie die Freunde im Publikum stehen und alle eine wunderschöne Zeit haben, mit dem, was man selbst gemacht hat. Auch wenn es vielleicht nicht gerade das professionellste Konzert war, das "Die Halle" je gesehen hat", erzählt der 29jährige und lacht dabei. Wenn sich der Vorstand zurückerinnert, wer alles so aufgetreten ist, fallen auch Namen wie Banana-Fishbones, 5 Sterne Deluxe und H-Blockx. Aber oft stehen auch Nachwuchsbands auf der Bühne. Und das Wichtigste sei ohnehin der Spaß bei allem, was die Macherinnen und Macher auf die Beine stellen, betont Strauss.

Die Halle Reichenbach (Foto: SWR, Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan)
Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan

Ein Beispiel seien die Reggae-Partys, die es dort schon lange Zeit gebe und inzwischen einen gewissen Kultstatus hätten. 1983 wurde "Die Halle" gegründet und hat schon einen Umzug hinter sich. Denn das frühere Gebäude musste wegen des Ausbaus der Bundesstraße 10 weichen. Später fand sich dann das alte Wirtshaus, das zum neuen Standort wurde.

"Die Halle" als zweites Zuhause

Für Reichenbach und die Region spielt "Die Halle" inzwischen eine wichtige Rolle. Der 21jährige Marius Fessler kam mit 16 zum ersten Mal in "Die Halle".

Dabei kommen auch viele seiner Freunde und Bekannten hierher und selbst die, die zum Beispiel zum Studieren weggezogen sind, treffen sich an Weihnachten alle wieder in der "Halle", so Fessler weiter.

Einen kleinen Tiefschlag musste "Die Halle" Ende 2018 erleben. Unbekannte waren in das Gebäude eingebrochen und hatten nicht nur großen Sachschaden angerichtet, sondern auch die Tresore geknackt. "Ganz schlimm und ein harter Schlag" sei das gewesen, erinnert sich Sebastian Strauss. Denn "Die Halle" sei eben für viele ein zweites Zuhause. Deshalb empfinden die Vereinsmacher diesen Einbruch wie einen Einbruch in den eigenen vier Wänden: "Ein saublödes Gefühl, das da entsteht".

Großes Engagement und treue Besucher

Die Halle Reichenbach (Foto: SWR, Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan)
Cengiz Tarhan - Cengiz Tarhan

Das Engagement und den Spaß, mit denen die vielen Ehrenamtlichen zusammen mit den beiden Angestellten der "Halle" Leben einhauchen, merkt man nicht nur ihnen selbst an. Auch wenn man mit den Besuchern spricht, erzählen so einige, dass sie schon seit ihrer Jugend hierherkommen. So sagt eine junge Frau, dass sie während ihrer Schulzeit zum Teil fünfmal die Woche hier war. Inzwischen und im Arbeitsleben angekommen, bleibe aber der Dienstag immer eine feste Tradition beim Skatspiel. Ein Bekannter bringt es so auf den Punkt: "Als ich 16 war, war die Halle eher der Jugendhaus-Ersatz und jetzt ist es meine Stammkneipe".

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