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Ausgehungerte Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, unzählige Tote und eine humanitäre Luftbrücke. Vor 50 Jahren endete der Kampf um die Unabhängigkeit von Biafra.

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Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR1

Das Wort „Biafra“ sagt eigentlich nur noch den Älteren etwas. Biafra stand damals wie wenig anderes für das Elend des afrikanischen Kontinents, für Krieg und Chaos, für Hunger und Verzweiflung. Die wahren Hintergründe im Südosten Nigerias wussten wenige genau, aber jeder kannte in den Endsechzigern die Bilder aufgedunsener Hungerbäuche der Biafrakinder. Und nicht selten mussten die dann auch moralisch herhalten, wenn die satten Kinder Europas ihren Teller nicht leer essen wollten.

Abriss des Konflikts

Die Landkarte Afrikas, wie wir sie heute kennen, wurde im Wesentlichen in den 1880er Jahren gezeichnet. Das erledigten die Kolonialmächte in Berlin. Sie zogen meist schnurgerade Grenzen, um den Machtinteressen zum Beispiel Großbritanniens, Frankreichs, Belgiens und Portugals gerecht zu werden. Auf die Interessen und Lebensräume der einheimischen Ethnien wurde dabei nicht geachtet.

Landkarte der Republik Biafra 1967 - 70 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Landkarte der Republik Biafra 1967 - 70 Picture Alliance

So manche Staatsgrenze durchschneidet bis heute Stammesgebiete und macht einen Teil der Menschen, die sich eigentlich zusammengehörig fühlen, zum Bürger des Einen, den andern Teil zu Bürgern des andern Staates. Die Staatsgrenzen, wie sie die Berliner Konferenz festgelegt hatte, wurden überwiegend auch dann nicht angetastet, als die Staaten Afrikas beginnend mit Ghana 1957 nach und nach unabhängig wurden.

Nigeria in Westafrika ist ein großer Staat mit rund 250 Bevölkerungsgruppen. Im Norden leben eher Muslime, im Süden mehr Christen. Die fühlten sich benachteiligt, da in der Zentralregierung in Lagos die Muslime überwogen. So putschte Anfang 1966 eine Gruppe von Offizieren, die überwiegend aus römisch-katholischen Igbo bestand, gegen die Zentralregierung. Ein Gegenputsch ließ nicht lange auf sich warten, in dessen Folge es zu Massakern an rund 30.000 Igbo kam. Die Igbo flohen in ihre Ursprungsregion, den Südosten, und erklärten diesen für unabhängig.

Nigeria schlägt zurück

Die nigerianische Zentralregierung in Lagos hatte selbstredend kein Interesse, den Südosten des Staatsgebiets zu verlieren, zumal es dort reiche Ölvorkommen gibt. Und so wurde ab Juli 1967 die abtrünnige Provinz Biafra mit Waffen bekämpft. Der Krieg dauerte zweieinhalb Jahre. Erst im Januar 1970 kapitulierte Biafras Regierung.

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Kriegsführung und Berichterstattung

Nigeria war Biafra militärisch deutlich überlegen. Aber die Zentralregierung setzte auch den Hunger als Waffe ein. Biafra wurde blockiert, von Land- und Seewegen abgeschnitten. Biafras Regierung wiederum beauftragte eine Schweizer PR-Agentur, in westlichen Ländern ein Bild hungernder und verfolgter Christen zu Zeichnen. Die Kampagne löste tatsächlich viel Hilfsbereitschaft aus.

Biafra, Medico-International, Verladung von Medikamenten (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Verladung von Medikamenten für hungernde Menschen Picture Alliance

Über eine Luftbrücke von den Westafrika vorgelagerten Inseln São Tomé und Fernando Póo aus wurde nachts Biafras Bevölkerung mit Hilfsgütern versorgt – ein gefährliches Unterfangen, bei dem viele Menschen ihr Leben verloren. Es gab nur eine provisorische Landebahn, innerhalb von 20 Minuten mussten die Maschinen entladen werden, als Beleuchtung gab es nur Talglichter, erzählt Hannelore Hensle, die damals als kirchliche Katastrophenhelferin die Luftbrücke mit organisierte. Für sie ist es in Ordnung, dass die Hungerbilder im großen Stil verbreitet wurden. Anders wäre die Spendenbereitschaft nicht so hoch gewesen, so Hensle.

Die Berichterstattung durch den neutralen journalistischen Blick war übrigens so gut wie nicht möglich. Es gab kaum technische Infrastruktur, der Reporter wurde im Wortsinn zum Träger seiner Botschaft. Und wenn Reporter nicht ein- oder ausreisen konnten, gab es eben auch keine unbefangenen Berichte.

Biafra bleibt aktuell

Die Taktik von Machthabern, militärische Gegner auszuhungern und zu blockieren, wird heute noch immer vielfach praktiziert. Jüngstes Beispiel ist Syrien, bei dem humanitäre Hilfe nur noch über zwei statt bislang vier Grenzübergänge möglich ist. Oliver Müller von Caritas International räumt ein, dass Hilfsorganisationen nie ganz neutral sein können, denn sie greifen mit ihrer Hilfe immer in eine Gesellschaft ein.

Helfer müssten sich stets über die Folgen ihres Tuns Gedanken machen. Wichtig sei, allen Menschen in Not zu helfen; Organisationen, die in Kriegsgebieten arbeiteten, müssten stets darauf achten, nie mit Waffenlieferungen in Verbindung gebracht zu werden, so Müller.

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