Bischöfe auf der Bischofskonferenz (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

SWR1 Sonntagmorgen Gemeinsamer Weg – wohin?

Am 1. Advent beginnt in der katholischen Kirche der „synodale Weg“. Mit dem Gesprächsprozess wollen Bischöfe und Laien gemeinsam einen Weg aus der Krise infolge des sexuellen Missbrauchs finden.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR1
Dauer

Angefangen hatte alles im September 2018 in Fulda. Da präsentierten die katholischen Bischöfe eine von ihnen in Auftrag gegebene Studie über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Deutschlands. Die Untersuchung, die nach den Standorten der Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen „MHG-Studie“ genannt wird, legte dar, dass sich in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Belege finden für bundesweit 3.677 sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch Priester, Ordensmänner oder Diakone. Die Studie wies zudem darauf hin, dass sexueller Missbrauch stets einen Missbrauch von Macht darstellt, „der durch autoritär-klerikale Strukturen der katholischen Kirche begünstigt werden kann“. Sie empfahl daher dringend eine „grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und deren Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen.“

Verbindlicher Gesprächsprozess

buntes Banner an Kirche (Foto: SWR)
Die Rolle der Frauen in der Kirche – darüber wollen katholische Laien diskutieren

Als Konsequenz aus der MHG-Studie beschlossen die katholischen Bischöfe im Frühjahr 2018 in Lingen einstimmig, zusammen mit Vertretern des Zentralkomitees der Katholiken einen gemeinsamen Ausweg aus der Krise zu suchen. Hierfür wurde die Bezeichnung „Synodaler Weg“ kreiert. Gemeint war ein verbindlicher Gesprächsprozess, bei dem vier Themenbereiche in großen Foren debattiert werden sollen: „Macht und Gewaltenteilung“, „Sexualmoral“, „Priesterliche Lebensform“ und - auf Drängen der katholischen Laien - „Die Rolle der Frauen in der Kirche“.

Angesichts des Missbrauchsskandals müsse die katholische Kirche in Deutschland ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, sagt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf im SWR1-Interview. Dazu brauche es strukturelle Veränderungen, aber auch eine neue Haltung bei allen Beteiligten. „Wir müssen zu einem neuen Miteinander finden in der Kirche, das ist der Punkt. Und da habe ich Hoffnungen …, dass es uns gelingt, nicht mehr nebeneinander oder gegeneinander zu agieren, sondern dass wir als katholische Kirche in Deutschland, Kleriker, Bischöfe und so genannte Laien, … auf einem gemeinsamen Weg gehen.“

Dauer

Brief aus Rom

Ende Juni 2019 sandte Papst Franziskus einen 19-seitigen Brief an „das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“. Grundsätzlich begrüßt darin der Pontifex, dass Klerus und Laien einen gemeinsamen Weg zur Lösung der gegenwärtigen Krise in der Kirche beschreiten wollen. Auf die vier zentralen Themenbereiche ging Franziskus jedoch nicht ein. Sein Schwerpunkt lag vielmehr in der Mahnung, sich in erster Linie an der Botschaft des Evangeliums sowie seiner Verkündigung zu orientieren, da sich in Deutschland immer weniger Menschen zur Kirche gehörend fühlen.

Kein deutscher Alleingang

Im September 2019 kam ein weiterer Brief aus dem Vatikan. Kardinal Marc Ouellet, der Vorsitzende der Bischofskongregation, teilte darin dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, mit, dass in Rom Unklarheit bezüglich der deutschen Vorgehensweise bestünde. Im Rahmen des Synodalen Weges könnten keine weitreichenden Beschlüsse gefasst werden, mahnte er, sondern man müsse zuvor den Papst konsultieren. Ziel des Prozesses sei nicht, eine deutsche Nationalkirche zu etablieren, erwidert der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf in SWR1. Aber es gehe darum, in Gemeinschaft mit der Weltkirche einen glaubwürdigen Weg zu finden und gegebenenfalls auch Inspirationen in die Weltkirche zu geben, denn es seien ja keine spezifisch deutschen Themen, die beim Synodalen Weg diskutiert würden.

Keine Einheit in der Bischofskonferenz

Im Verlauf des Herbstes wurde immer deutlicher, dass die deutschen Bischöfe nicht an einem Strang ziehen. Konservative Amtsträger legten eine Alternativaufstellung der zu debattierenden Themen vor, die zwar von der Mehrheit der Oberhirten abgelehnt wurde. Dafür aber wurde der inhaltliche Rahmen der ursprünglichen Foren verwässert. So benannte man das Forum „Sexualmoral“ in „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ um. Und aus „Priesterliche Lebensform“ wurde „Priesterliche Existenz heute“. Zudem ordnete man die Zusammensetzung der Mitglieder des Synodalen Weges neu. Von den voraussichtlich 215 Mitgliedern werden jetzt sicher 98 Priester oder Bischöfe sein. Hinzu kommen wohl 10 Ordensvertreter und vier Diakone – so dass Kirchenbedienstete mit 112 Stimmen die Mehrheit haben.

Viele offene Fragen

Offen ist die Frage, welche Verbindlichkeit die Ergebnisse des Synodalen Weges haben werden. Zudem ist unklar, was man konkret erreichen will: Soll die katholische Kirche wieder ein besseres Image bekommen? Soll die christliche Botschaft wieder mehr Menschen erreichen? Oder soll es wirkliche Reformen geben? Und wenn ja, welche? Die katholischen Laien gaben sich im Vorfeld kämpferisch. Sie forderten auf einem Treffen in Mainz im Mai, dass Frauen Zugang zu kirchlichen Ämtern bekommen, der Pflichtzölibat abgeschafft wird und vielfältige Lebensformen von der Kirche positiv anerkannt werden. Bei einer Realisierung dieser Wünsche müsste allerdings das Kirchenrecht geändert werden, und das kann nur der Vatikan. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf dämpft im SWR1-Interview die Erwartungen. „Wir tun uns keinen Gefallen, den Erfolg eines solchen Gesprächsprozesses allein davon abhängig zu machen, dass am Ende Priesterinnen da sind oder der Zölibat fällt.“ Er erwarte z.B. nicht, dass unter Papst Franziskus eine Priesterweihe von Frauen ermöglicht wird.

Klar ist somit bislang nur, dass der Synodale Weg am 1. Dezember beginnt. Hierbei wird im Dom eines jeden Bistums eine sogenannte Synodalkerze entzündet. Die erste große Plenarversammlung aller Beteiligten ist für den 30. Januar bis 2. Februar 2020 im Frankfurter Dom geplant.

STAND