Biker im Wald. (Foto: SWR)

SWR1 Sonntagmorgen Der Wald allein ist nicht genug

Der Wald wird immer stärker zur Kulisse von sogenannten Fun acts wie zum Beispiel Klettern im Hochseilgarten, spektakuläre Hängeseilbrücken wie etwa die Geierlay im Hunsrück oder Sommerrodelbahnen auf Schienen. Naturschützer, aber auch Seelsorger befürchten, dass wir erst am Beginn einer rasanten Entwicklung stehen, die uns vom Wald entfremdet.

Zwar suchen immer mehr Menschen Erholung in der Natur, doch die allein reicht vielen offenbar nicht mehr aus. Ein Beispiel ist das Skigebiet Grünten im Allgäu, das für den Sommertourismus ausgebaut werden soll. Geplant ist unter anderem eine neue Gondelbahn und eine Walderlebnisbahnen, in der die Besucher an Gurten hängen und ein paar Kilometer steil bergab sausen.

Natur als Event

Die alte Grüntenhütte soll durch eine größere Berggaststätte mit Streichelzoo ersetzt werden. Der Deutsche Alpenverein kritisiert die Pläne. Er befürchtet, dass der Wald und die Bergwelt zur reinen Kulisse werden. Im Hunsrück, wo vor vier Jahren mit der Geierlay die längste Hängeseilbrücke Deutschlands eingeweiht wurde, bekommen die Verantwortlichen inzwischen die Schattenseiten dieser Art von Tourismus zu spüren: Tag für Tag wälzt sich eine Blechlawine durch die Naturlandschaft.

Geierlay Hängeseilbrücke (Foto: SWR)

Georg Toporowsky, katholischer Seelsorger im Nationalpark Eifel, macht immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen den Blick für die Natur verloren haben. Er findet es erschreckend, wie Menschen mit Wald und Natur umgehen, kreuz und quer über die Wiesen laufen oder Abfall einfach fallen lassen. Es sei schwierig, Menschen dafür zu sensibilisieren, dieses Stück Natur erst mal in der eigenen Schönheit zu belassen und nicht gleich nutzen zu wollen.

Den Blick für die Natur nicht verlieren

Er will den Menschen deshalb ein ganz anderes Walderlebnis ermöglichen: spirituelle Wanderungen durch den Nationalpark Eifel. Es geht darum, die Sinne zu schärfen, für die leisen Töne des Waldes und die kleinen Dinge am Wegesrand, um Entschleunigung, Achtsamkeit und Stille. Zu seinen Führungen kommen Manager und Hausfrauen, Banker und Therapeuten. Manche haben einen geliebten Menschen verloren, andere stehen kurz vor einem Burnout. 

Im Wald die eigene Spiritualität vertieft

Georg Toporowsky hat von Natur- und Waldführern gelernt, dabei auch seine eigene Spiritualität und Theologie vertieft.  Der Seelsorger bedauert, dass das Thema Umwelt in den beiden großen Kirchen heute allenfalls eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Sein Wunsch ist es, die Ökologie als Zweig von Theologie und von Spiritualität wieder erfahrbar zu machen.

Dauer

Die Japaner sind da schon weiter: das sogenannte Waldbaden, das Shirin Yoku, ist dort ein großer Trend. Japanische Forscher betonen die Heilkraft des Waldes. Der Philosoph und Theologe Dr. Christoph Quarch befürchtet allerdings, dass auch beim Waldbaden die Natur wieder zu einer Art Konsumartikel gemacht wird, wenn auch auf eine andere Art. Das sei einfach charakteristisch für unsere Zeit. „Wir fragen nicht mehr danach, wie wir uns vom Wald inspirieren lassen können, welche seelische Beziehung wir zu ihm aufbauen können. Es geht vor allem darum, wie wir uns den Wald so aufbereiten können, dass wir Spaß haben, dass wir etwas davon haben, dass wir ihn vermarkten können.“

Dauer

Der Wald - ein lebendiger Organismus

Früher seien die Menschen mit einer inneren Haltung der Demut in die Wälder gegangen und hätten erwartet, dem Heiligen zu begegnen. Er selbst sitzt regelmäßig im Wald und denkt über ihn nach. Wälder sind lebendige Organismen, sagt er. „Es sind eine Unmenge von Lebewesen, die sich in den Wäldern versammeln – Pflanzen, Tiere, Kleinstorganismen – die alle auf wunderbare Weise miteinander interagieren, die ein großes ökologisches System bilden, das sich am Leben hält und das darüber hinaus sogar solche Qualitäten wie Schönheit erzeugt.“ Von dieser großen Symphonie des Lebens können die Menschen seiner Meinung nach sehr viel lernen.

Die gesamte Sendung zum Nachhören in unserem Podcast

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6:00 Uhr
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SWR1
Moderatorin Silke Arning (Foto: SWR)

Moderatorin am Sonntagmorgen Silke Arning

Moderatorin am Sonntagmorgen

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