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Der bewegte Mensch Verkehrsgeschichten

Der Mensch war schon immer unterwegs, Zu Fuß, zu Pferd, mit dem Boot oder Schiff. Durch die Industrialisierung des Verkehrs, durch Züge oder Flugzeuge sind auch weite Reisen in relativ kurzer Zeit möglich. Stößt die Beschleunigung der Mobilität an eine Grenze?

Wenn die Welt an einem vorbeirast...

Die beschleunigte Gesellschaft

Die Eisenbahn beschleunigte den Verkehr und verkürzte den Abstand zwischen entfernten Orten. Bereits Philosophen des frühen 19. Jahrhunderts sahen darin eine "Vernichtung von Raum und Zeit". Während Goethe sich noch über eine flotte 20-stündige Reise über den alpinen Brennerpass freute, sitzen wir heute im Zug und ärgern uns über technische Störungen, die den ICE 5 Minuten zu spät ankommen lassen. Obwohl Einstein meinte, man müsse die Lichtgeschwindigkeit mit der Masse multiplizieren, um die Welt zu erklären, so wissen wir heute: Beschleunigung ist vor allen Dingen subjektiv.

Kein Platz für Bahnhöfe

Dampflok 50 2988

Mit der Dampflok wurde Mensch mobiler als je zuvor

Als die Eisenbahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug begann, musste sie sich in Europa in Kulturlandschaften und in Städte einfügen, die über Jahrhunderte gewachsen waren. Das Tempo von Fußgängern, Pferden und Kutschen bestimmte die Struktur. Für Gleise und Bahnhöfe war in den engen Altstädten kein Platz. Sie entstanden außerhalb der Stadtmauern und die neuen Bahnhofsviertel hatten schnell einen schlechten Ruf.

Ganz anders im Westen der USA. Hier machten die Eisenbahnen den riesigen Raum für die aus Europa eingewanderten Siedler überhaupt erst zugänglich. Die Gleise verbanden keine existierenden Städte, sondern schufen welche. Wenn eine Ortschaft auf dem Weg lag, war es gut, aber wenn nicht, dann wurde einfach eine neue Stadt gegründet. Die Eisenbahngesellschaften durften einen Streifen Land von bis zu sechs Meilen Breite entlang ihrer neuen Gleise verkaufen. Damit haben sie die Bauarbeiten finanziert.

Rennwagen

Erste Automobil-Wettfahrt der Geschichte im Juli 1894.

Vernichtung von Raum und Zeit

In Großbritannien gab es die berühmten Turnpikes, also Mautstraßen, die als Schneisen geschlagen wurden, dass die Oberflächengüte sehr gut war, und auf diesen Mautstraßen gab es ausgesprochen schnelle und wohl durchorganisierte Kutschensysteme, in denen z.B. alle 15 Meilen die Pferde gewechselt wurden, bei denen schon Durchschnittsgeschwindigkeiten von 10 Meilen pro Stunde gefahren wurden, bei denen sich die Entfernungen gerade von London zu den Seebädern und zu den nordenglischen und schottischen Städten außerordentlich verkürzten. In diesem vorindustriellen modernisierten Mobilitätssystem wurde z.B. auch schon nachts gefahren, man fuhr nach Fahrplänen und die Geschwindigkeit stieg außerordentlich an – also längst vor der Eisenbahn gab es schon eine Modernisierung dieses älteren Transportsystems.

Ein neues Pferd, bitte!

Allerdings nur für wenige Privilegierte. Vor allem ein mehr an Geschwindigkeit verschlang schon lange vor dem Beginn des Ölzeitalters enorme Mengen an Energie. Und Energie war knapp und teuer. Ein Pferd, das eben ein PS Leistung für 15 Meilen hatte, also 0,7 KW, wenn sie sechsspännig fahren, sind das ungefähr wenn man Leistungsverluste abzieht, dreieinhalb KW ungefähr. Mit dreieinhalb KW ein schnelles Transportsystem zu organisieren, das ist eine ziemliche Herausforderung gewesen. Und trotzdem haben diese Pferde, die die Kutschen ziehen mussten und in Etappen abgelöst wurden, immenses Grasland gebraucht und Haferland, um das Transportsystem zu versorgen. D.h. Transport war in Agrargesellschaften, in denen kein Energieüberschuss bestand, absoluter Luxus. In Großbritannien war es so, dass dieses Luxustransportsystem, das pferdebasierte Transportsystem, nur funktionierte, weil es immense Importe von Getreide und Bauholz gab.

Schicker Flitzer

Vom Schiff zur Kutsche zur Eisenbahn zum Flugzeug – die Geschichte der Mobilität ist auch eine Geschichte der Beschleunigung. Wer sich die Fahrt in einem der neuen, immer schnelleren Verkehrsmittel leisten konnte, gewann an sozialem Status.

Die Schnellkutschen oder Schnellposten waren sehr viel teurer als die langsamen. Allein schon die Namen von Kutschen wie Quick Silver oder Boston Flyer weisen darauf hin, dass da Geschwindigkeit auch gleichzeitig mit Prestige verbunden ist. Schnellzüge sind über 150 Jahre in einem kulturellen Fokus gewesen bis zum TGV. Oder bis zum Jumbojet, möchte man sagen.

Die Beschleunigung der Mobilität

Die Beschleunigung der Mobilität

Keine Stadt der Welt ist heute mehr als zwei Reisetage von jeder beliebigen anderen entfernt. Im Zeitalter von Segelschiff und Postkutsche brauchte man Monate, mit Dampfschiff und Eisenbahn noch immer Wochen, um die entferntesten Orte zu erreichen. Die Verkehrsmittel werden immer schneller und der Mensch versucht auch mental mitzukommen. Bei hohem Tempo kommt seine Seele nicht mehr hinterher. Als Sprichwort wird dies gerne manchen sogenannten Naturvölkern zugeschrieben.

Bleibt die Seele auf der Strecke?

Der Bremer Kulturhistoriker Dieter Richter hat sich darüber Gedanken gemacht – und festgestellt, dass von der schnelllebigen Zeit schon die Rede war, als sich die Menschen noch im Fahrradtempo fortbewegten.
Offenbar ist Geschwindigkeit eine Frage der Wahrnehmung. Und unsere Wahrnehmung ist stark von unseren Gewohnheiten geprägt. Als Beschleunigung wird deshalb alles erlebt, was ein höheres Tempo hat als man zuvor gewohnt war.

Modelleisenbahn

Modelleisenbahn

Was die Zeitgenossen an der Eisenbahn stark bemerkten, war die extreme Glätte des Fahrwegs. Man hatte das Gefühl, wie ein Geschoss abgeschossen zu werden und die Metapher des Fliegens wurde immer wieder angewendet gegenüber der sehr viel raueren Straße. Die Reisenden hatten das Gefühl, dass die Eisenbahn eigentlich gar nicht zur Reise animiert, sondern dass es die Menschen wie Pakete verschickt, dass sie den Raum zwar erschließt, aber die Zeit vernichtet.

Vom Zugfahrer zum Anführer

Unterwegs auf der deutschen Autobahn. Entgegen landläufiger Überzeugung ist sie keine Idee der Nationalsozialisten. Die Planung des Netzes vierspuriger Straßen war schon in den 20er-Jahren erfolgt. Und es war Konrad Adenauer, der 1932 als Bürgermeister von Köln den ersten Autobahnabschnitt für den Verkehr freigeben konnte. Die Streckenführung sollte ein besonders schönes Fahrerlebnis ermöglichen. Straßenbauingenieure hatten sich dafür mit Raumplanern zusammengetan. Das Ergebnis ließ die zeitgenössische Wochenschau jubeln.

Autobahn

Mehr Spuren für die Autobahn (Archiv)

Die Inhaber der wenigen zugelassenen Kraftfahrzeuge hatten die sauber betonierten Fahrbahnen für sich allein. Gut gefedert rollten sie im Schnellzugtempo dahin, behielten dabei aber die volle Kontrolle über ihre Fahrt.
Das Auto war von Anfang an mehr als ein Transportmittel. Es war ein Prestigeobjekt, es war ein Faszinosum, es war etwas, das man vorzeigen konnte, mit dem man auch dunklere Lüste ausleben konnte wie Geschwindigkeitssucht und Rasen. Wenn wir heute auf der Autobahn mit 130, 150 Stundenkilometern fahren, dann liegen wir im Geschwindigkeitsbereich, der beim Zehnfachen unserer Normalität liegt.

Rein ins Panorama

Wir haben gelernt, mit diesen Geschwindigkeiten umzugehen, wir haben gelernt, nach hinten zu gucken und Rundumblick zu erwerben, und wir sind stolz auf diese Fähigkeiten. Das Auto ermöglicht einen Genuss, man fährt nicht mehr an der Landschaft vorbei, sondern man schaut und fährt in die Landschaft hinein und man kann eigentlich erst wieder vernünftig reisen, indem man dieses neue Transportmittel benutzt.

Mercedes

So soll er aussehen, der neue Schumacher-Rennwagen 2011

Die Autoreise verheißt Freiheit und Abenteuer – und das nicht nur für den Fahrer, sondern auch für Mitfahrer, bekannte wie unbekannte. Mit dem erhobenen Daumen am Straßenrand ist ab dem Ende der 60er-Jahre eine ganze Generation aus der Provinz ausgebrochen.

Deutschlandweiter Uhrenvergleich

Die Beschleunigung hat einen Preis. Die Reisenden müssen sich in das enge Korsett der Fahr- und Flugpläne einfügen. Eine weltweit gültige Normalzeit gab es vor der Eisenbahn überhaupt nicht, jeder Ort hatte seine eigene Zeit. Erst die Notwendigkeiten eines koordinierten Zugnetzes erforderten die Vereinheitlichung. In Deutschland war es 1893 soweit. Erst seit diesem Zeitpunkt ist ganz Deutschland eine einheitliche Zeitzone.

Laptop mit geöffneter Reisebuchungs-Seite steht auf einem Tisch. Aus dem Monitor kommt ein Flugzeug geflogen.

Mobilität hat ihren Preis

Nicht nur im Privaten hat sich die Reisedauer verkürzt und die Geschwindigkeit enorm erhöht. Auch im Beruf ist der Kurztermin per Flugzeug oder ICE zur Regel geworden. Das hat nicht nur für die Klimabilanz fatale Folgen. Geschäftsreisen kosten auch viel Geld und Zeit. Kein Wunder, dass schon lange nach Alternativen gesucht wird. Doch Bildtelefonie, Skype und Videokonferenzen konnten das persönliche Treffen bisher nicht wirklich ersetzen.

Da sein und Dasein

Wer Troja, den Louvre oder die altägyptischen Pyramiden sehen will, kann das heute mit wenigen Mausklicks tun. Immer mehr Sehenswürdigkeiten werden digital erfasst und als virtuelle Welt auf den Computerbildschirm gezaubert. Couch-Potatoes nehmen das Angebot gerne wahr, die Zahl der Reisen und der Reisenden hat das aber keineswegs reduziert. Damit wird auch in Zukunft nicht gerechnet.