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Big Brother im Büro Überwachung am Arbeitsplatz

Der vermessene Mensch (10)

Das systematische Überwachen des Arbeitsplatzes ist in den Vereinigten Staaten, anders als in Deutschland, legal. In Deutschland sind Kameras nur aus Sicherheitsgründen erlaubt – etwa an Tankstellen. Oder wenn es einen konkreten Hinweis auf Korruption gibt.

Videoüberwachung an Bahnhöfen

Wie viel Überwachung ist legitim?

Korruption - Genau damit hatte der einstige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn eine massenhafte Überwachung der Bahnmitarbeiter begründet. Diese war 2009 publik geworden. 173.000 Mitarbeiter sind überwacht worden und wurden somit unter Generalverdacht gestellt. Sollten etwa drei Viertel der Belegschaft der Korruption verdächtig sein?
Die Deutsche Bahn hatte Bankkonten, Privatkontakte und weitere persönliche Informationen eingeholt und ausgewertet.

Auch der E-Mail-Verkehr der Belegschaft wurde überwacht. Sie hatte Stammdaten ihrer Mitarbeiter - Anschriften, Telefonnummern und Bankverbindungen – mit anderen Datenbanken abgeglichen. Etwa mit den Daten von Zulieferern oder Journalisten. Als das Ausmaß der Affäre deutlich wird, tritt Mehdorn zurück. Deutsche Bahn zahlte wegen Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz ein Bußgeld in Millionenhöhe.

Filmen mit Minikameras

Ebenso war die Empörung in Deutschland groß, als herauskam, dass die Telekom ihre eigenen Mitarbeiter bespitzelt hatte, um herauszufinden, wer mit Journalisten telefoniert hat, oder als bekannt wurde, dass bei Lidl Verkäuferinnen mit Minikameras gefilmt wurden, dass private Gespräche protokolliert wurden. Bei Lidl wurde genau aufgezeichnet, wer wann wie oft zur Toilette ging.

Überwachungskamera

Minikameras am Arbeitsplatz

Durch die Überwachung, so Lidl, wolle man die Zahl der Diebstähle in den Filialen reduzieren. Doch nicht nur Discounter bespitzeln ihre Angestellten. Dabei wissen die Beschäftigten den Verband des deutschen Einzelhandels auf ihrer Seite.

In Deutschland gibt es die Schufa-Auskunft. Auch Vermieter und Makler verlangen sie von Miet-Interessenten. Die Schufa geht auf die 1920er Jahre zurück. Sie speichert Namen, Geburtstag, Geburtsort und Adresse. In ihren Dateien steht aber auch Informationen über Bankkonten, Kredite, Handy- und Leasingverträge, unbezahlte Rechnungen, Mahnungen oder Insolvenzen. Eine Schufa-Auskunft umfasst also schon viele persönliche Informationen, trotzdem erfahren Vermieter nicht so viel über ihre Mieter wie beispielsweise in den USA.

Schufa im Vergleich

Personen Piktogramm wird mit einer Lupe näher betrachtet

Die Schufa geht auf die 1920er Jahre zurück

Über Vorfälle, die verjährt sind, darf die Schufa keine Auskunft geben. Auch Angaben über den Kontostand, das Vermögen und den Familienstand sind tabu. In Deutschland werden Mieter nicht gefragt, ob sie eine kranke Tante unterstützen und ob das neue Auto bereits abbezahlt ist, wie viel die Hausratsversicherung kostet und die Zusatzversicherung für den Zahnarzt. In den USA müssen Mieter, die sich für eine Wohnung interessieren, all dies offen legen, ihre Kontoauszüge mitbringen. Und eine Kreditauskunft geben.

Angst vor Überwachung Demo

Protest gegen Abhörmaßnahmen und Überwachung

Diese Kreditauskunft entscheidet nicht nur, ob man eine Wohnung bekommt oder nicht. Sondern auch, ob man Arbeit bekommt.

Und wenn jemand Arbeit hat - warum lassen sich die Arbeitnehmer in den USA bespitzeln, warum lassen sie sich filmen, belauschen, orten? Wie ist es möglich, dass sich eine ganze Nation, die doch sonst die Freiheit so hochhält, sich abhören lässt? Warum haben Arbeitgeber in den USA so wenig Vertrauen zu ihren Angestellten, dass sie sie ausspähen?

Keine Kraft und Zeit

Arbeitgeber in den Vereinigten Staaten mögen keine Regeln und keine Gewerkschaften, sie kämpfen gegen alles, was ihre Macht, ihre Autorität einschränken könnte, bis zum bitteren Ende. sagt der Arbeitsrechtler Lewis Maltby. Und was die Angestellten betrifft: Arbeiter und Angestellte arbeiten hart und haben Angst, entlassen zu werden, sie denken daran, wie sie ihre Rechnungen zahlen sollen, wie sie für ihre Kinder sorgen können. Sie haben nicht die Kraft und nicht die Zeit, viel Aufhebens um so etwas zu machen.

Kameras am Arbeitsplatz

Kameras am Arbeitsplatz

James Ryder hat seinen grauen Bart gestutzt, seine Stoppelhaare Millimeter kurz geschnitten. Er war Soldat bei den Marines und Polizist in New York. Mit vierzig ging er in Rente. Er wollte sich nicht zur Ruhe setzten, sondern weiterarbeiten. Im Sicherheitsbereich: Er ging zur Firma IP Video in Bay Shore, New York. Die Firma stellt das Equipment zur Verfügung, mit dem ein Arbeitgeber seine Beschäftigten überwachen kann: Kameras, Mikrofone. Selbstbewusst zeigt James Ryder den großen Raum, in dem er Überwachungskameras installiert hat, Monitore, Computer.

Überwachen der Umkleidekabinen legal

James Ryder von IP Video, der Firma, die das Equipment zum Ausspähen liefert, kann nur Gutes am Abhören von Handys, an Überwachungskameras finden. IP Video bietet noch einen weiteren Service an. Wenn vom Kunden gewünscht, können alle Daten aufbewahrt werden. Jahrelang. Im Übrigen, so James Ryder, empfehle er seinen Kunden stets die Arbeitnehmer darüber zu informieren, wenn Kameras installiert werden. Leider würden sich nicht alle Arbeitgeber an diese Empfehlung halten.

Videoaufnahme in einer Umkleidekabine

Klage gegen das Filmen in Umkleidekabinen

So ist es in großen amerikanischen Hotelketten möglich, dass Hotelangestellte abends in ihren Umkleidekabinen gefilmt werden. Die Angestellte einer solchen Hotelkette klagte und ließ sich dann auf einen Vergleich ein. Sie darf weder über das, was darin ausgemacht wurde, sprechen, noch den Namen des Hotels nennen. Der gute Ruf sollte nicht beschädigt werden. Lewis Maltby wiederum, der Arbeitsrechtler aus Princeton, hat eine junge Frau beraten, die an der Universität arbeitet. Sie wollte sich nicht in Unterwäsche filmen lassen: Sie zog sich abends in ihrem Büro um, bevor sie ins Fitnessstudio ging. Sie hatte die Tür auch abgeschlossen. Aber dann fand sie heraus, dass sie beinahe täglich beim Umziehen gefilmt worden war. Sie klagte. Und verlor!

Es gibt nur einen einzigen Raum auf dem in den USA nicht gefilmt werden darf: die Toilette. Umkleideräume aber sind keine Toiletten. Lewis Maltby ist zufrieden mit seiner Arbeitsstelle am Nationalen Institut für Arbeitsrecht. Er weiß: Hier belauscht ihn niemand. Es würde ihn davor grauen, anderswo arbeiten zu müssen.