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SWR Classic Notes Hochkultur in der Häkeldecke

Warum ich Livestreams für eine hervorragende Idee halte

Theres Grieger

Bloggt für SWR Classic Notes: Theres Grieger

Reden wir doch mal über Mode. Die Frauen unter uns, die sich dem Klassikpublikum zugehörig fühlen, werden es kennen: Was genau zieht man jetzt zu diesem Konzert an? Es ist spätsommerlich-frühherbstlich nett draußen, aber wenn das Konzert vorbei ist, ist es frisch. Vielleicht kommt ein Schauer. Und wie weit muss man dann in den hohen Schuhen noch laufen? Dazu noch die Grundfrage: Bin ich in diesem Outfit over- oder underdressed? Dankenswerter Weise gibt es seit einiger Zeit eine Antwort auf diese Fragen: Livestream.

Auch der SWR sieht dies so und bot auf seinem neuen Portal SWRclassic.de zum Eröffnungskonzert der ersten Saison des SWR Symphonieorchesters einen Livestream an. Natürlich ersetzt er kein Konzert, das man vor Ort erleben kann, aber andererseits befreit er auch von vielen Problemen. Und was für Vorteile ein solcher Stream nicht alles bietet: Mal abgesehen davon, dass Sie das Konzert jetzt, wenn gewünscht, auch in Jogginghose daheim genießen können, darf nun zum Beispiel auch nebenher gebügelt werden. Plus: Es fällt, wenn Sie (wie ich) nicht am Ort des Geschehens wohnen, keine weite und hektische Anreise an. Ich meine, ganz im Ernst: Es ist eine klassische Win-Win-Situation, gemütlich auf dem heimischen Sofa mit einer Kanne Tee oder einem Glas Wein (während des Konzertes! Das allein ist schon ein Gewinn!) live ein Konzert zu schauen und somit am nächsten Tag mitreden zu können. Noch deutlicher wird es für alle, die ohnehin etwas kommunikativer sind: Soziale Netzwerke lassen sich auch während der Klassik-Übertragungen prima zum Meinungsaustausch nutzen, so man nur den richtigen, gemeinsamen Hashtag #DoReMi nutzt. Da kann man die Abwesenden an der Saaloptik teilhaben lassen, spontane Blitzumfragen durchführen (natürlich total repräsentativ), über Mode diskutieren oder auch einfach mal loben.

Im Wohnzimmer genießen: Das SWR Web Concert

Im Wohnzimmer genießen: Das SWR Web Concert

Überall Liebe

Kaija Saariahos "Cinq Reflets" bildeten einen wunderbaren Auftakt zum allerersten Konzert des neuen (und doch so vertrauten) Orchesters. "Heiße, kühle Liebe" attestierte Péter Eötvös, Dirigent des Abends, dem Stück im Interview vorab, und das hörte man: Innige Liebe, die dennoch klanglich, ja schon räumlich distanziert wirkte. Nichts geht im heimischen Wohnzimmer verloren. Ganz im Gegenteil, hier zeigen sich die Vorteile eines Livestreams: Nicht nur an Pia Freund und Russell Braun ist man erheblich näher dran, sondern auch am ganzen Orchester (inklusive Dirigent).

Es folgte ein Stück, das Zerrissenheit und (seelisches wie körperliches) Leiden wie kaum ein anderes widerspiegelt: Mahlers Adagio aus der Sinfonie Nr. 10. Mit ihm folgten allerdings auch die Mutmaßungen: Möchte da jemand schnell in die Pause?

Apropos Pause: Während sich das Publikum in Stuttgart in die Schlangen stellte, um ein Sektchen schlürfen zu können, wurde dem Sofagucker (unterbrochen von Gesprächsrunden) etwas geboten: Interviews und Beiträge, die, teilweise hübsch humorig, den Blick hinter die Kulissen des Orchesters lenkten und Hintergrundinfos zu Komponisten lieferten. Sie fahren gern Fahrrad? Dann haben Sie schon mindestens eine Gemeinsamkeit mit Gustav Mahler! Was hat ein Violinkonzert mit einer Geburt zu tun? Fragen Sie . Auf dem Weg zu diesem Konzert entstanden all diese Beiträge, die auf SWRClassic nachzuschauen sind. Und falls Sie sich schon immer mal über eine 'Glücksspirale' informieren wollten: Dort finden Sie auch Beiträge zu den Instrumenten.

Mitreißender instrumentaler Unfug

Péter Eötvös' Violinkonzert "DoReMi" kündigte Denis Scheck (der Mann, der modisch über jeden Zweifel erhaben ist, was die Kombination von Krawatte und Einstecktuch angeht), absolut treffend an: Als "Kind, das auf die Erde gekommen ist, um Unfug zu treiben". Man könnte fast glauben, dass damit auch die Solistin gemeint war. Patricia Kopatchinskaja wirkte motiviert bis in schuhlosen Fußspitzen, hüpfte, riss voller Witz und Begeisterung das Publikum mit und lebte ihren Part voll aus. Wer sollte das besser beurteilen können als jemand, der die Instrumentalistin entspannt in Großaufnahme auf dem Bildschirm hat? Und ganz nebenbei erhielt der Zuschauer dabei noch eine Einführung in die Rubrik "Schlaginstrumente und Instrumentendämpfer, die man aus Reihe 12 sonst eher nicht so gut sehen kann."

Überhaupt war die zweite Hälfte der Part von Péter Eötvös: Dass ihm sein eigenes Werk besonders liegt, war absehbar, aber auch Béla Bartók beherrscht er. "Der wunderbare Mandarin" gelang sicher und kraftvoll. Ich gebe allerdings zu, zwischenzeitlich mal richtig abgelenkt gewesen zu sein: Wo war denn jetzt diese schwere Klarinettenstelle, von der Sebastian Manz im sprach…?

Bevorraten Sie sich mit Hustenbonbons!

Wir fassen zusammen: So ein Livestream ist eine hervorragende Sache, wenn man Lautsprecher am Endgerät hat. Es bietet sich nicht nur die Möglichkeit eines unverkrampft-gemütlichen, aber dennoch aktuellen Konzertabends in der Garderobe ihrer Wahl, sondern auch ein netter Online-Echtzeit-Austausch (ohne den Sitznachbarn zu stören). Außerdem ein schneller Zugang zu gekühlten Getränken. Und eventuell sogar noch Nebenbeibeschäftigungen. Für das echte Konzerthaus-Feeling fehlt dann wohl nur noch eins: Zwischen den Sätzen mal husten. Aber als ungestörter Livestream-Gucker können Sie sogar in Maximallautstärke ihr Hustenbonbon auswickeln. In der Jogginghose.