Bitte warten...

Der vermessene Mensch (2) Die Selbst-Vermesser

Am Tag läuft der Schrittzähler, in der Nacht das Stirnband zur Schlafanalyse. Den Alltag messbar machen, danach strebt die Quantified Self-Bewegung, in der Menschen große Datenmengen über sich selbst auswerten. Ihre Ziele sind vielfältig: Einige wollen ihre Fitness verbessern, andere psychische Krankheiten kontrollieren, dritte versuchen ihre Freundschaften zu optimieren und wieder andere haben mit der echten Verschmelzung von Mensch und Maschine begonnen: Die ersten Cyborgs sind bereits unter uns.

Gesund oder krank?

Gesund oder krank?

Gary Wolfs "The Quantified Self" Bewegung

Gary Wolf, ein US-Amerikanischer Journalist, prägte diesen Begriff im Jahr 2007. Seitdem treibt er die weltweite Bewegung von Kalifornien aus voran. Die Anhänger haben vor allem eines im Sinne: Eine Selbstoptimierung ihrer Fitness, Gesundheit, Gefühle und ihres täglichen Lebens. Dabei ist der Drang der Menschen, sich selber zu erkunden schon alt. Nur die Möglichkeiten zur Selbstüberwachung haben sich vervielfältigt. Thomas Mann und Gerolamo Cardano (16. Jahrhundert) sind historische Beispiele einer Selbstanalyse. Beide führten Tagebuch über Schlaf, Einnahme von Medikamenten, Körperfunktionen.

Apps zur Selbstergründung

Pulsmesser

Pulsmesser

Aber nicht nur Fitness und Gesundheit sind Ziel der Selbstvermesser. Apps können auch der Selbstergründung des Alltags dienen. So kann etwa nachvollzogen werden, welche Literatur man liest oder wohin man zu welchem Zeitpunkt gereist ist oder sich bewegt hat. Auch dies hätte man früher etwa in einem Tagebuch festgehalten. Es geht also nicht nur um die Selbstoptimierung, sondern auch um eine Selbstergründung. Für Gary Wolf zählt dabei, dass man keine vorgefertigten Fragen beantwortet, indem man sich beobachtet, sondern dass sich aus den vielfältigen technischen Möglichkeiten eigene Fragen ergeben, denen man auf den Grund geht. Das alles unter dem Motto Gary Wolfs: What did you do? How did you do it? And what did you learn? (Was hast Du getan? Wie hast du das getan? Was hast du daraus gelernt?)

Activity-Tracker

Schrittzähler

Jeder Schritt zählt

Zur Selbstergründung ein Protokoll zu führen ist heute nicht mehr notwendig. Sogenannte Activity-Tracker zeichnen allerlei Daten auf - für jedes Zielobjekt gibt es passende Geräte. Sportgeräte können über Leistungsmessung ein persönliches Profil des Sportlers anlegen, um ihn so optimal zu trainieren. Ein Pulsmesser zeigt die beste Leistungsfähigkeit an, Alkoholmesser messen den Pegel in der Atemluft - und sind klein genug, um in einer Tasche mit in Bar genommen zu werden. Und es gibt einen Gürtel, der, um die Hüften gelegt, die Körperhaltung korrigiert und vibriert, wenn man sich zu weit nach vorne oder nach hinten beugt. Dies ist nur eine kurze Auswahl an Analysegeräten. Aus den Daten, die sich aus den ständigen Messungen ergeben, können Grafiken generiert werden, aus denen einiges abgelesen werden kann. Die Ergebnisse sollen helfen, bewusster gesund zu leben, beispielsweise sich mehr zu bewegen oder mehr zu trinken. Die Deutsche Diabetes Stiftung sieht etwa in Schrittzählern keine Spielerei. Während sie pro Tag 10.000 Schritte empfiehlt, kommt während eines normalen Bürotags gerade mal die Hälfte zusammen.

Smartphones - unsere neuen Ärzte

digital

Smartphones merken, wo wir uns aufhalten, was wir tun und wer wir sind

Möglich ist das alles durch die moderne Technologie - allem voran dient das Smartphone als Analysegerät. Es gibt auch völlig neue Verknüpfungsmöglichkeiten unterschiedlicher Verlaufskurven - so können Blutdruck, Stimmung, Sex, Schlaf, Arbeit, Sport und viele andere Dinge mit einander in Verbindung gesetzt und beobachtet werden. Zusammenhänge, die sonst verborgen blieben, können so entdeckt werden. Zum einen ist das eine große Hilfe für die Medizin - denn Arzt und Patient können so effizienter zusammenarbeiten. Zugleich kann es aber auch bedeuten, dass Patienten sich von ihrem Arzt abkoppeln - und auf eigene Faust versuchen, ihre Krankheiten zu diagnostizieren und kurieren. Hierin sieht der Internetsoziologe Stephan Humer die Krux: Weil wir eben gewöhnt sind, dass Computer, Rechner, Automaten uns objektive, vermeintlich objektive Ergebnisse ausspucken. Und wenn ich eben einen EKG-Ausdruck habe, dann wirkt der unbestechlich. [...] aber die Gefahr ist eben aufgrund der Technik, weil sie günstig ist, weil sie verfügbar ist, weil sie einfach zu bedienen ist, weil sie so voll umfänglich messen kann, dass unterm Strich ein vermeintlich unbestechliches Ergebnis steht. Wenn ein falsches Messergebnis vorliegt, kann man nur schwer dagegen argumentieren, auch als Arzt.

Cyborgs

Cyborg

Nicht mehr nur Science-Fiction: Cyborgs

Die meisten Menschen statten sich noch mit sogenannten Wearables aus, also mit Geräten, die man am Körper trägt, die aber mit Sensoren ausgestattet sind. Beispiele dafür sind etwa die Brille mit Videofunktion, eine intelligente Armbanduhr oder der Golfhandschuh, der den Schlag analysiert. In der Tränenflüssigkeit von Diabetikern messen Kontaktlinsen mit winzigen Mikroprozessoren den Blutzuckergehalt. Andere Kontaktlinsen spielen Inhalte aus dem Internet direkt auf die Netzhaut: Das Auge selbst wird so zum Bildschirm. Die Berührungsangst mit der Technik sinkt. Immerhin 20 Prozent der Deutschen wären bereit, sich ein Implantat einpflanzen zu lassen, das wichtige Körperfunktionen überwacht, so hat es der IT-Branchenverband Bitkom ermittelt. Der Cyborg-Verein in Berlin, der "Cyborgs e.V., Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik" hat bei einzelnen Versuchspersonen bereits solche Chips implantiert, etwa ein Magnet, der elektromagnetische Schwingungen für den Träger spürbar macht.

Der Datenmarkt

Ein Mann im Anzug hält seine Hand offen nach vorne. Über der Hand schweben animierte Datenwolken, Personendaten, so wie Computer und Smartphone, die Daten senden.

Über neue Tracking-Methoden werden Daten für einen Massenmarkt zugänglich

Die höhere Alarmbereitschaft, auf sich und den Körper zu achten, eröffnet einen neuen, riesigen Markt. Zum einen für die Pharmaindustrie, die so ihre Medikamente an den Mann bringen kann. Außerdem profitiert die IT-Branche vom Verkauf der zahllosen Apps und Analysegeräte. Während im Jahr 2010 noch 10.000 Apps auf dem Markt waren, sind es im Jahr 2013 bereits 100.000. Diverse Smartphones können mit neuen Prozessoren selbst Zusatzgeräte zum Tracken ersetzen. Aber das eigentliche Potenzial für die Wirtschaft liegt in der erzeugten Datenflut. Zum einen benötigen die Daten eine professionelle Auswertung und Aufbereitung, denn aus den erzeugten Rohdaten selbst ist es schwierig, relevante Information herauszulesen. Hier sind Abonnements denkbar, mit denen Anbieter regelmäßig die ausgewerteten Ergebnisse liefern - womöglich gleich mit praktischen Tipps zu Besserung oder zu Medikamenten. Zum anderen sind es die Daten selbst, die als Produkt äußerst gewinnbringend sein können.

Nie mehr allein

Symbolbild mit lauter Smartphones, die miteinander durch ein Liniennetz verbunden sind

Wo landen die Daten am Ende?

Kritik kommt deshalb von Datenschützern: Viele Selbstvermesser speichern ihre persönlichen Mess-Profile auf den entsprechenden Seiten im Internet. Die Netzwerke, in die die User ihre Daten einspeisen um sich auszutauschen sollen bei der Problemlösung helfen. Allerdings sind die Daten dort keineswegs sicher. Einige Plattformen, auf denen User ihre Daten analysieren konnten, wurden bereits verkauft - so ging die App Waze, ein sogenanntes "soziales Navigationssystem", mit dem die Nutzer ihre Autofahrten protokollierten für 1.3 Milliarden Dollar an Google, die Daten fließen mittlerweile in den Kartendienst Google Maps ein. In einem anderen Fall fanden Kunden der Firma FitBit ihre vertraulichen Aufzeichnungen plötzlich über die öffentliche Google-Suche wieder - für jeden auffindbar. Als Zukunftsszenario ist denkbar, dass Arbeitgeber oder Versicherungen von den Daten profitieren. Versicherungen untersuchen bereits jetzt, ob Nutzer von Aktivitäts-Trackern seltener zum Arzt gehen. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass diese Menschen weniger Gesundheitskosten verursachen, käme das einer Absatzgarantie für die Produkte gleich, glaubt Fitbit-Manager Woody Scal.

Der Stärkste überlebt

Eine Frau sitzt traurig im Dunkeln

Was folgt aus der Bewegung der Selbstbeobachtung?

Möglicherweise wird sich der Quantified Self-Bereich zu einem bislang fehlenden Baustein in den Gesundheitssystemen entwickeln. Diese sind weltweit hoffnungslos überlastet. Fast die Hälfte der Erwachsenen in den USA leidet unter chronischen Krankheiten oder Beschwerden wie Diabetes, Bluthochdruck oder Asthma. Aber dort wie hier gibt es gerade in entlegenen Gebieten immer weniger verfügbare Ärzte und Pflegepersonal. Und die Zahl der alten Menschen wächst unaufhaltsam. Sich selbst zu überprüfen und die Kontrolle über die eigene Gesundheit zu übernehmen, diese neue Möglichkeit wird möglicherweise ohnehin bald zu einer Notwendigkeit. Für die Gesellschaft allerdings wäre das gefährlich, meint der Internetsoziologe Stephan Humer. Zunächst würden Krankenkassen und Arbeitgeber lediglich mit Vergünstigungen locken – und so Freiwillige belohnen. Letztlich würde damit aber ein dauerhafter Druck auf alle aufgebaut: Wenn wir jetzt alle dazu übergehen, uns noch mehr zu optimieren, zwingt das natürlich auch andere, die das noch nicht machen, da nachziehen zu müssen. Und das ist natürlich ein großes Problem, weil sie auch immer Leute haben, die das gar nicht können. Wir haben dann durch diese Individualisierung ein Survival of the fittest im wahrsten Sinne. [...] Und das sind schon Herausforderungen, die man als Gesellschaft diskutieren muss, weil es ja nicht so sein kann, dass entscheidende Institutionen einfach mal ein Kräfteverhältnis maßgeblich ändern, und wir dann entweder Gewinner oder Verlierer sind - und dazwischen gibt es nichts.