Bitte warten...

Residenzkünstler der Schwetzinger SWR Festspiele 2019 Andreas Ottensamer

Diese mysteriöse Klangfarbe.
Der Klarinettist Andreas Ottensamer zwischen Mozart, Weber und der Mannheimer Schule.

Andreas Ottensamer

Klarinettist Andreas Ottensamer


Nicht aus jedem Wiener wird ein Musiker, aber alle Musiker lieben Wien. Es war einmal, da galt diese alte Musikhauptstadt sogar, wie es der Musikkritiker Eduard Hanslick trefflich formuliert hat, als ein "Stapelplatz für musikalische Wunderkinder". Ist Andreas Ottensamer eines von ihnen? Wer dem jungen Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker live begegnet, ihm auf Twitter folgt oder seine vielen, fröhlichen Promofilme auf Youtube besichtigt, der möchte das sofort glauben: Wie das sorgenlose Glückskind aus Volkmann-Leanders Märchen wirkt dieser smarte, allezeit gut gelaunte Überflieger; wie einer, dem alles in den Schoß fällt und den die Götter lieben.

Eine gute Fee hatte ihm sein Instrument quasi mit in die Wiege gelegt: Der Vater, Ernst Ottensamer, war der langjährige Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker. Der ältere Bruder, Daniel, folgte dem Beispiel des Vaters. Andreas seinerseits, drei Jahre jünger, lernte zuerst Klavier und Violoncello, nach dem Vorbild der Mutter Cecilia Ottensamer, die als Celloprofessorin am Wiener Konservatorium lehrte. Erst im Alter von zwölf Jahren stieg er um zur Klarinette, und zwar, nachdem Bruder und Vater ihn spaßeshalber bei der Hausmusik einmal einen leeren Ton hatten "mitspielen" lassen – nämlich das "g", immer wenn es vorkam, im Mozartschen Kegelstatt-Trio. Dies sei der Initialfunke gewesen, sagt Ottensamer.

Andreas Ottensamer wurde 1989 in Wien geboren. Mit vier Jahren
erhielt er ersten Klavierunterricht.
Er studierte zunächst Violoncello und ab 2003 Klarinette bei Johann Hindler an der Universität
für Musik und darstellende Kunst
Wien. Ein liberal arts-Studium an der Harvard University unterbrach
er, um 2009 der Orchesterakademie
der Berliner Philharmoniker beizutreten. Seit 2011 ist er Soloklarinettist
der Berliner Philharmoniker.
Er ist ein gefragter Solist und Kammermusikpartner.

Zwölf ist allerdings ein Alter, in dem, wie der Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez herausfand, das Durchschnittswunderkind den ersten Bühnenauftritt seit zwei Jahren hinter sich hat und die Chance, dass daraus noch etwas ernsthaft Professionelles werden könne, eigentlich schon vertan ist. Trotzdem zog auch der jüngste Ottensamer neun Jahre später mit Vater und Bruder gleich: Im Juli 2010 trat er seine erste Festanstellung als Soloklarinettist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin an. Ein halbes Jahr später wechselte Andreas Ottensamer zu den Berliner Philharmonikern. Wie war diese schwindelerregend schnelle Entwicklung möglich? Eben doch: Ein Wunder? Nun, es gab einige logische Zwischenschritte, praktische Erfahrungen, Wettbewerbe und Meisterkurse. Ottensamer spielte als Substitut im Orchester seines Vaters, er reiste mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester, riss aus nach Harvard, um ein liberal arts-Studium anzufangen, bewarb sich erfolgreich um ein Stipendium der Philharmonischen Orchesterakademie. Er selbst kann sich über all das nicht wundern, im Gegenteil. Er kann sich, ganz einfach, ein Leben ohne Musik nicht vorstellen: "Das ist es, was man intus hat. Wir waren immer umgeben von der Musik. Das ist der große Vorteil, wenn man in einem musikalischen Umfeld aufwächst und die Musik schon als Kleinkind unbewusst aufsaugt." Und die Klarinette erwies sich nun einmal wenn nicht als die erste, so doch stärkste Liebe seines Lebens: "Mit der Klarinette ging sehr schnell sehr viel vorwärts. Die Tongebung, die singenden Linien, der frei schwingende Ton, das alles ist sehr faszinierend. Und dann ist da diese mysteriöse Klangfarbe, bei der man manchmal im Orchester erst kaum weiß, welches Instrument nun gerade eigentlich spielt. Das ist immer wieder ein Gänsehautmoment für mich."

Chamäleonartig wandelbare Klarinettenklangfarbe

Für das Mysterium der chamäleonartig wandelbaren Klarinettenklangfarben gibt es vielerlei Namen. Kein anderes Instrument kann so verschieden klingen, je nach Register. Die Vorläufer der Klarinette, kaum wesentlich älter als sie, gehörten noch zum fahrenden Volk. Der "quäkende Ton des Chalumets" oder vielmehr die »heulende Sinfonie der Schalmeien", so bemerkte Johann Mattheson noch anno 1713 in seinem Buch Das Neu-Eröffnete Orchestre seien nicht passend für die Kammer, sie gehörten nach draußen, an die frische Luft: "Sie sollten sich nur auf dem Wasser zum Ständchen, und zwar von weitem hören lassen." Wenig später, im Musicalischen Lexikon von Johann Gottfried Walther Koch, liest sich das schon deutlich freundlicher: "Clarinetto ist ein zu Anfang dieses Seculi von einem Nürnberger erfundenes … Blaßinstrument; klinget von Ferne einer Trompete ziemlich ähnlich …" Mit dem Fortschritt der Bauweise einerseits, dem vorrevolutionären Stilwandel um 1750 andererseits wendete sich dann das Blatt. Die Klarinette wurde zum Instrument der Stunde. Der Komponist, Organist und Journalist Christian Daniel Friedrich Schubart beschreibt in seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, verfasst während seiner zehnjährigen Festungshaft, den Klarinettenklang als "ein in Liebe zerflossenes Gefühl – so ganz der Ton des empfindsamen Herzens." Schließlich, Hector Berlioz, in seinem Grand Traité d’Instrumentation et d’Orchestration Modernes: "Von allen Blasinstrumenten ist sie es, welche den Ton am besten entstehen, anschwellen, abnehmen und verhallen lassen kann. Daher ihre köstliche Fähigkeit, ferne Klänge, Echos, Nachklänge der Echos und Dämmerungstöne zu erzeugen." Zu den damals bereits ausdifferenzierten nationalen Systemen bemerkt Berlioz: "Die französischen Klarinetten haben einen flachen, näselnden Ton, während die deutschen sich der menschlichen Gesangsstimme nähern."

Andreas Ottensamer

Andreas Ottensamer

Andreas Ottensamer spielt Wiener Klarinette, seine Instrumente sind eigens für ihn gebaut worden, sie wurden ihm gewissermaßen vom Instrumentenbauer auf den Leib geschneidert, denn: "Man ist ja selbst auch ein Klangkörper.« Die Bohrung der Wiener Klarinette ist noch ein bisschen weiter als die der deutschen, der Ton noch etwas runder, wärmer, seelenvoller, sie ist aber auch anspruchsvoller, braucht noch mehr Stütze, mehr Luft und Kraft. Sie hat wesentlichen Anteil am charakteristischen Klangbild der Wiener Philharmoniker. Aber auch, was die Berliner Philharmoniker anbelangt, setzt Ottensamer damit eine Tradition fort. Auch sein Soloklarinetten-Kollege Wenzel Fuchs, seit 1993, seit Abbados Anfängen beim Orchester, kam aus Österreich nach Berlin, auch dessen Vorgänger. Bei dieser Gelegenheit darf nicht verschwiegen werden, dass das auch für seine Launen berühmte Berliner Elite-Orchester den jungen Überflieger zunächst einmal nach seiner Probezeit nicht hatte übernehmen wollen, woran sein Mentor Fuchs absolut keinen Anteil hatte. Das muss ein Schock gewesen sein für Ottensamer. Erinnerungen an den hochnotpeinlichen Fall Sabine Meyer kamen auf, in dem ebenfalls Hybris, Eitelkeit und Neid eine Rolle gespielt hatten. In einer zweiten Abstimmung haben sich die Philharmoniker dann doch für ihn entschieden, zum Glück fürs Orchester. Und Schwamm drüber.

Künstlerische Symbiose

Seither prägt sein Klarinettenton, kraftvoll und wandelbar, seine flexibel aus dem dreifachen Piano süß aufblühenden Phrasen, die Holzbläsersektion der Philharmoniker. Mit den Kollegen von nebenan, der Soloflöte von Emmanuel Pahud und der Solooboe von Albrecht Mayer, hat er zu einer künstlerischen Symbiose gefunden, die ihresgleichen sucht und sich schon in einem gemeinsamen Projekt niederschlug: Für seine jüngste CD mit in Vergessenheit geratenen Konzerten und Virtuosenstücken der Mannheimer Schule hat Ottensamer die beiden als Partner gewinnen können.

Auch sonst ist Andreas Ottensamer ehrgeizig und viel unterwegs, teils als Kammermusiker, mit alten Freunden, teils als Solist, wahlweise auf dem exquisiten kleinen Bürgenstock-Festival am Vierwaldstätter See, das er seit 2013 gemeinsam mit José Gallardo leitet, oder auf Einladung bei anderen Festivals. Was aus dem weltweit einmaligen Klarinettentrio The Clarinotts werden wird, das er gemeinsam mit Ernst und Daniel Ottensamer gegründet hatte, ist seit dem überraschenden Herztod des Vaters in der Schwebe. Die Wiener Virtuosen, die Andreas Ottensamer als Residenzkünstler nach Schwetzingen bringen wird, sind ebenfalls eine Gründung seines Vaters. Das exklusiv zusammengesetzte Kammermusikensemble mit Kollegen der ersten Pulte der Wiener Philharmoniker wird ihn dabei unterstützen, nicht etwa das übliche Klarinettenrepertoire zu repräsentieren, sondern auch selten gespielte Preziosen: Orchesterwerke der Mannheimer Schule.

von Eleonore Büning