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Verkehr der Zukunft Klimafreundliche Mobilität

Brauchen wir energieeffizientere Autos, oder muss Mobilität neu organisiert werden? Von Elektroautos über Carsharing bis hin zur Kombination aus Fahrrad und Bahn - Wie sieht klimafreundliche Mobilität in Zukunft aus?

Mit Hunderten Millionen Euro fördert die Bundesregierung die Entwicklung elektrischer Fahrzeuge. In den Hochglanzbroschüren hört es sich bereits an, als würde Mobilität bald automatisch klimafreundlich – ohne jede Verhaltensänderung. Doch weniger als 10.000 elektrisch angetriebene Autos sind in Deutschland zugelassen, dazu kommen rund 50.000 Hybridfahrzeuge, in denen neben dem klassischen Verbrennungs- auch noch ein kleiner Elektromotor steckt. Zusammen machen sie 0,1 Prozent aller Autos aus – 99,9 Prozent fahren weiterhin mit Benzin oder Diesel. Oder mit Erdgas.

Wie soll auf diese Weise das Klima endlich entlastet werden?

Denn emissionsfrei ist auch ein Elektroauto keineswegs. Schließlich muss es mit der stählernen Karosserie und all seinen technischen Komponenten zunächst einmal hergestellt, zum Kunden transportiert und am Ende der Lebensdauer auch wieder entsorgt werden.

Auto tankt Strom

Auto tankt Strom

Bei jedem Auto fällt dabei bereits ein Viertel der im gesamten Lebenszyklus erzeugten Klimagase an. Beim Elektroantrieb kommt noch die Herstellung und Entsorgung des schweren Akku-Packs hinzu. Dabei entsteht ein weiteres Viertel der Gesamtemissionen. Bevor es den ersten Kilometer gefahren ist, hat ein Elektroauto also schon für die Hälfte der Klimagase gesorgt, die es bis zum Ende seiner Lebenszeit ausstoßen wird. Die andere Hälfte der Klimagase entsteht beim Aufladen der Akkus.

Knapp 600 Gramm CO2 pusten Deutschlands Kraftwerke für jede erzeugte Kilowattstunde in die Luft. Zwar kann man auch Ökostrom mit einem deutlich niedrigeren CO2-Ausstoß kaufen. Im Einzelfall mag sich das gut anfühlen, die Klimawirkung des gesamten Verkehrs ändert sich damit jedoch nicht. Denn selbst bei Umsetzung aller Ziele der Energiewende wird erneuerbare Energie auch 2030 nur die Hälfte des deutschen Strommixes ausmachen.

Gibt mehr Gas

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt sind inzwischen rund 500.000 Erdgasautos in Deutschland unterwegs, zehnmal so viele wie mit Elektroantrieb. Doch auch mit Erdgasautos wird der Verkehr nicht wirklich umweltfreundlich. Zwar erzeugen sie bei gleicher Fahrleistung ein Drittel weniger Treibhausgas als Autos mit Benzin-, Diesel- oder Elektroantrieb. Doch auch das ist noch viel zu viel.

Elektroautos mit Ladestation vor Gebäude

Energiespeicher auf vier Rädern

Um die von der Bundesregierung selbst gesetzten Klimaziele zu erreichen, müssen die Emissionen des Verkehrs bis 2050 um sagenhafte 80 Prozent sinken. Ein Paradigmenwechsel ist dafür nötig, kein simpler Wechsel des Treibstoffs. Während der Verbrauch fossiler Energie für die Heizung von Wohn- und Bürogebäuden in Deutschland dank besserer Isolierung deutlich sinkt, steigt er im Verkehr seit Jahrzehnten an und liegt derzeit bei rund 190 Millionen Tonnen im Jahr. 150 Millionen, also fast 80 Prozent davon, entfallen auf die Straße. Auch weltweit sorgen PKW, LKW, Motorräder und Busse für drei Viertel aller Klimagasemissionen des Verkehrs. Schon kleine Verbesserungen an Motoren, Fahrzeugen und Auslastung führen hier zu weit größeren Einspareffekten als sie im Eisenbahn-, Schiffs- und Luftverkehr möglich sind.

Ein Leben ohne Auto ist möglich

Die Zeiten, in denen der Autoschlüssel in der Hosentasche allzeit verfügbare unbegrenzte Mobilität bedeutete, sind vorbei. In Zukunft werden wir je nach Zeit und Weg aus einer ganzen Palette verschiedener Verkehrsmittel auswählen müssen – Bus und Bahn, Taxi, Flugzeug, Fahrrad – oder wir gehen zu Fuß.

Innenansicht eines Elektroautos mit Lenkrad

Wer kann ohne Auto leben?

Ein Auto werden wir nicht mehr besitzen, sondern nur noch für einen bestimmten, zeitlich begrenzten Zweck nutzen – als Mietwagen oder im Rahmen von Carsharing. In den meisten Fällen werden wir uns für den Weg von A nach B nicht nur auf ein einziges, sondern auf eine möglichst sinnvolle Kombination verschiedener Fortbewegungsmittel stützen. Fachleute sprechen dabei von einer intermodalen Verkehrskette.

Eine Lösung für alles gibt es nicht

Wer schon bisher kein Auto hatte, kennt das. Doch eingefleischte Autofahrer – und sie stellen die große Mehrheit in unserer Gesellschaft – müssen sich ihr Mobilitätsverhalten überhaupt erst einmal bewusst machen. Das Auto prägt unsere Gewohnheiten ebenso wie unsere Städte und Landschaften. Wir leben in einer durch und durch automobilen Gesellschaft. Selbst in der Bauordnung schlägt sich das nieder. Wenn man ein Haus baut in einem Neubaugebiet, muss da auch eine Straße hinführen. Läden gibt es in den Neubausiedlungen oft nicht, selbst zum Brötchenholen muss man ins Auto steigen. Und wer erst mal losgefahren ist, steuert dann auch gar nicht erst das nächstgelegene kleine Städtchen an, in dem ein Parkplatz nur schwer zu finden ist. Stattdessen landet er im Einkaufsparadies auf der grünen Wiese. Ein Teufelskreis schließt sich.

Große amerikanische Unfreiheit

Oldtimer Imperial Crown

Imperial Crown aus dem Jahr 1960

Selbst in den meisten deutschen Kleinstädten gibt es öffentliche Verkehrsmittel, und wenn es auch nur der selbstorganisierte Bürgerbus ist, der zweimal am Tag an der nächsten Hauptstraße hält. Komplett aufgeschmissen ist man ohne Auto in den USA, und dort vor allem auf dem Land und in den ausgedehnten Vororten der Städte im mittleren Westen.

Das Auto als Universallösung aller Mobilitätsbedürfnisse hat dennoch ausgedient. Davon sind keineswegs nur Soziologen überzeugt. Auch die Automobilindustrie hat aufmerksam registriert, dass junge Leute immer seltener ein eigenes Auto auf Platz eins ihrer persönlichen Wunschliste setzen. Sie machen zwar einen Führerschein, nutzen ein Auto dann aber nur noch, wenn es einen klaren Vorteil gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln hat. Kaufen müssen sie es dafür nicht, stattdessen wird immer mehr gemietet und geteilt – oder auf Neudeutsch: geshart.

Teilen macht Sinn

Carsharing gibt es schon seit 25 Jahren. Lange Zeit war es ein Nischenangebot für Autogegner, die sich aus politischen Gründen gegen ein eigenes Fahrzeug entschieden und nur im Notfall auf ein Auto zurückgreifen wollten, zum Beispiel für den Möbelkauf oder den Wochenendausflug aufs Land. Das hat sich gründlich geändert. Inzwischen experimentiert auch die Automobilindustrie mit Carsharing-Modellen. Sie heißen Drive-Now bei BMW, Car2Go bei Daimler oder Quickcar bei Volkswagen.

Mann geht auf ein Auto mit den Aufdruck Carsharing zu

Carsharing in Deutschland

Schon vor über 10 Jahren hatte VW den ersten serienmäßigen Viersitzer mit einem Verbrauch von unter drei Litern auf 100 Kilometer auf den Markt gebracht. Es geht sogar noch sparsamer. 2011 stellten die Wolfsburger auf der Automesse in Katar ein zigarrenförmiges Leichtbauvehikel mit zwei Sitzen vor. Es verbraucht nur noch einen Liter auf 100 Kilometer und stößt 24 Gramm CO2 pro Kilometer aus, ein Fünftel des gegenwärtigen Durchschnitts aller verkauften VW-Fahrzeuge. – Der Wagen kommt damit dem Ziel der Bundesregierung für den durchschnittlichen Klimagasausstoß im Jahr 2050 schon sehr nahe.

Geht doch

Mit derartigen Fahrzeugen beweisen die Ingenieure, dass Mobilität auch mit wesentlich weniger Umweltschaden möglich ist. Auf den tatsächlichen Gesamtverbrauch des Verkehrs haben sie bislang allerdings keinen Einfluss. Dafür sind die Verkaufszahlen viel zu klein. Eine kurzfristige Reduktion erhoffen sich die Konstrukteure von der intelligenten Steuerung des Fahrverhaltens. Mit Assistenzsystemen und Autopiloten lassen sich nach der Einschätzung von Experten bis zu 15 Prozent Sprit einsparen.
Neben wesentlich effizienteren Fahrzeugen ist dafür vor allem ein massenhafter Umstieg auf sparsamere öffentliche Verkehrsmittel nötig.

Reisebusse schlagen Zug und Auto bei Ökobilanz

Bus schlägt Auto in der Klimabilanz

In der durchschnittlich ausgelasteten Eisenbahn verursacht jeder Reisende nur die Hälfte der Klimagase, die in einem mit zwei Personen besetzten Auto entstehen. Noch umweltfreundlicher ist der Reisebus. Pro Passagier entsteht nur ein Viertel der Treibhausgase, die ein mit zwei Personen besetztes Auto verursacht.


Die Verkehrswende ist überfällig

Nirgendwo ist der intermodale Verkehr heute so gut organisiert wie in den Metropolen Ostasiens. Hongkong hatte schon vor der Jahrtausendwende eine einheitliche Chipkarte für die Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel eingeführt. Automatisch wird damit der jeweils günstigste tarifliche Fahrpreis errechnet und abgebucht. Und in Tokio sind U- und S-Bahnen so eng getaktet, schnell und gut mit dem Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszugnetz verknüpft, dass es im ganzen Land praktisch kein Ziel mehr gibt, dass sich im Auto schneller als mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen ließe.

664 Romance Car in Odakyu, einer Station in Tokio

Romance Car in Odakyu, einer Station in Tokio

In Tokio oder Osaka ist kaum noch jemand so verrückt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Das ist langsam, ineffizient und ziemlich uncool. Man geht davon aus, dass wir auch in Deutschland nicht mehr sehr weit von einem derartigen Imagewandel entfernt sind – und damit vom Beginn der Verkehrswende.