Bitte warten...

Radio Akademie: Der vermessene Mensch Das IQ-Prinzip

Wie sinnvoll sind Intelligenztests?

Der IQ, der "berühmt-berüchtigte" Intelligenzquotient, soll die Problemlösefähigkeit eines Menschen auf einen objektiven Punktwert bringen. Er macht das Testergebnis einer Person mit dem anderer Personen statistisch vergleichbar. Hat damit jeder Mensch einen eigenen, festen Intelligenz-Quotienten? Und ist das Messen kognitiver Leistungen dem menschlichen Geist wirklich angemessen?

Erreicht jemand 90 bis 110 Punkte, hat er eine durchschnittliche Intelligenz. Unter 90 Punkten beginnt der Intelligenzmangel. Ab 130 Punkten geht es in Richtung Genie. Drei Viertel aller Menschen mit überdurchschnittlichen IQ-Werten sollen statistisch gesehen auch im Beruf sehr erfolgreich sein. Nur jeder und jede Fünfte mit unterdurchschnittlichen IQ-Werten schafft es dagegen, nach oben zu kommen. Für den Schulerfolg sollen in etwa die gleichen Zahlen gelten.


Allerdings bleiben bei dieser Rechnung all die außen vor, die durchschnittlich intelligent sind. Und sie bedeutet auch, dass jeder und jede fünfte überdurchschnittlich Intelligente nur geringen Berufserfolg hat. Und dass jeder und jede Fünfte mit schwächeren Werten in der Arbeit aufblüht.

Bedeutet Intelligenz Erfolg?

Detlef H. Rost ist Psychologie-Professor an der Universität Marburg und beschäftigt sich schon seit mehr als drei Jahrzehnten mit der menschlichen Intelligenz. Auf jeden Fall soll der Intelligenztest seiner Meinung nach ökonomisch nützlich sein. Deutsche Unternehmen, meint Detlef Rost, könnten Milliardensummen sparen, wenn sie mithilfe des IQ-Tests bessere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen würden. Eine ambitiöse Rechnung. Aber sie zeigt, um was es beim Intelligenztest immer auch geht: um den größtmöglichen Erfolg, der sich mit der Ressource "Intelligenz" in der Gesellschaft erzielen lässt.

Unterschiedliche Intelligenzarten

Die einzelnen Aufgaben eines Intelligenztests prüfen jeweils unterschiedliche Fähigkeiten: Wie gut kann jemand mit Wörtern umgehen, sich erinnern, Zahlenreihen ergänzen oder sich etwas räumlich vorstellen? Jeder Test mixt solche Aufgaben auf eigene Weise und setzt so andere Schwerpunkte. Der amerikanische Psychologe Howard Gardner ist grundsätzlich davon überzeugt, dass Intelligenztests immer nur feststellen können, wie gut und wie schlecht jemand in einzelnen Fähigkeiten ist.

Intelligenz lasse sich nicht auf eine allgemeine Problemlösefähigkeit reduzieren, sondern bestehe aus unterschiedlichen Fähigkeiten. Ein Mensch sei eben mathematisch begabt, ein zweiter sprachlich, ein dritter technisch-handwerklich und ein vierter musikalisch. Immer wieder haben Forscherinnen und Forscher versucht, Intelligenz in mehr oder weniger große Einzelfaktoren aufzuteilen, die relativ unabhängig voneinander existieren. Der überzeugte IQ-Forscher Detlef Rost antwortet darauf, dass IQ-Tests natürlich unterschiedliche Fähigkeiten sehr differenziert messen könnten.

Geschwindigkeit des Arbeitsgedächtnisses

Andere Forscher konnten zeigen, dass jemand Intelligenzaufgaben umso besser löst, je leichter sein oder ihr Gehirn Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis abruft. Auch Dirk Hagemann konnte diese These in Heidelberg experimentell bestätigen. Er dämpft aber die Erwartungen, denn aus seinen Daten lassen sich nur 20 Prozent der Intelligenzleistung mit der Beschaffenheit des Arbeitsgedächtnisses erklären. Zumindest eine zweite Theorie ist zurzeit noch erfolgversprechend im Spiel. Demnach arbeite das Gehirn intelligenterer Menschen einfach schneller. Reaktionszeitexperimente sprechen tatsächlich dafür. Aber auch damit lassen sich wieder nur ungefähr 20 Prozent der generellen Intelligenz erklären.

Entwicklung und Intelligenz

Kretschmann zur Schulentwicklung

Der Anteil der Gene am IQ schwankt zwischen 40 und 80 Prozent

Ein heikles Thema, das seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird. Denn hier kommt das Erbgut ins Spiel. Ist der oder die Einzelne vom Erbgut abhängig oder kann Intelligenz im Rahmen der Umwelt beeinflusst werden? Dass Gene wichtig sind, bestreitet kaum mehr jemand. Aber die Zahlen sind keineswegs eindeutig. Der Anteil der Gene an den Intelligenzunterschieden zwischen den Menschen schwankt zwischen 40 und 80 Prozent. Wie hoch der Einfluss der Gene ist, hängt statistisch immer davon ab, wie homogen die soziale Umwelt ist, in der die miteinander verglichenen Menschen leben.

Schulbildung, ein sozial anregendes Klima und individuelles Engagement können den IQ durchaus verändern. Wenn jemand statt 90 Punkten 110 Punkte in der IQ-Skala erreichen würde, wäre das für ihn oder sie schon ein großer Sprung. Alle seriösen Studien über den Effekt eines Intelligenztrainings zeigen aber auch, dass es Grenzen gibt. Die Gene setzen einen Rahmen, die jemand umso besser ausfüllen kann, je anregender seine oder ihre Umwelt ist.

Messung der Studierfähigkeit

ITB Consulting ist ein privates Unternehmen, das wie viele andere Tests anbietet, etwa zur sogenannten „Studierfähigkeit“. Der Eignungstest für Medizinstudentinnen und -studenten an deutschen Hochschulen stammt zum Beispiel von diesem Institut.

Männer und Frauen nehmen verschiedene Tätigkeiten auf, um ihrem Chef zu imponieren.

Nicht mal jedes 3. Unternehmen setzt IQ-Tests ein, ..

Außerdem bietet ITB Berufsfähigkeitstests an. Das sind oft Intelligenztestaufgaben, die aber passgenau zum Berufs- oder Studierwunsch ausgewählt würden. ITB wirbt damit, wissenschaftlich abgesicherte Paketlösungen für seine Kunden anzubieten.

ITB-Tests, so Alexander Zimmerhofer, seien umso spezifischer auf einen Beruf abgestimmt, je mehr ein Kunde oder eine Kundin dafür zahlen will und kann. Die IQ-Punktzahl könne dabei keinesfalls der alleinige Maßstab sein. Das ITB-System bewertet auch, wie sich die Bewerberinnen und Bewerber präsentieren. Letztlich ist der IQ-Wert also nicht das allein seligmachende Maß, wenn es um die Berufsprognose geht. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum in Deutschland nicht einmal jedes dritte Unternehmen einen Intelligenztest einsetzt oder sich nicht extern beraten lässt. Auch wenn die IQ-Forscherinnen und IQ-Forscher vorrechnen, wie nützlich das ökonomisch sei. Vielleicht gibt es aber auch noch einen anderen Grund.

Bedeutet Intelligenz Klugheit?

dummheit

"Der Dumme hat's Glück."

Intelligenztests gehen vom rationalen Menschen aus. Sie unterstellen, dass Probleme lösbar sind, indem man sie schrittweise analysiert. Was kann ein Wort alles bedeuten, damit es zu einem anderen passt? In welche Richtung dreht ein Zahnrad das nächste und dieses wieder das nächste? Gerd Gigerenzer, der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, glaubt, dass das nicht alles ist. Für ihn sind viele Probleme einfach viel zu komplex, als dass sie sich analytisch und rational lösen lassen. Wichtiger sei dann eine gute Intuition, aber das müsse man erst noch lernen: Heuristiken sind nichts anderes als Faustregeln, die Menschen intuitiv benutzen, wenn sie etwas nicht mehr allein mit dem Verstand bewältigen können. Das Gefühl entscheidet hier letztlich darüber, was am wichtigsten ist.

Manche Kritikerinnen und Kritiker zweifeln, ob solche einfachen Regeln alleine komplexe Entscheidungen besser machen. Dass es sie gibt, zeigt aber eines: Zur Intelligenz gehört mehr als nur der Verstand. Das Fazit der Intelligenzforschung bleibt durchwachsen, denn Intelligenztests beleuchten nur ein Spektrum des Menschen. Soziale Kompetenz zum Beispiel wird ausgegrenzt oder nur mangelhaft erfasst. Ähnlich sieht es mit dem kreativen und schöpferischen Denken aus. Und wie steht es mit dem kritischen Denken? Mit der Fähigkeit, das zu hinterfragen, was allgemein anerkannt wird – zum Beispiel in der IQ-Forschung?