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Massengentest

Radio Akademie: Der vermessene Mensch Gentests – das neue Orakel

Um die Jahrtausendwende hatten Forscher das menschliche Erbgut mit riesigem Aufwand entziffert. Inzwischen sind die Kosten drastisch gesunken. Zudem wurde 2013 das erste künstlich gezeugte Kind geboren, dessen vollständiges Genom vor der Einpflanzung in die Gebärmutter analysiert wurde. Welche Folgen hat das?

"Je mehr Sie über Ihre DNA wissen, desto mehr wissen Sie über sich selbst" - Firmen, die ihre Gentests direkt den Verbrauchern anbieten, sogenannte Direct-to-Consumer-Tests, sprießen geradezu aus dem Boden. Auch im deutschsprachigen Raum. In der Schweiz bieten Apotheken Testkits an, die angeblich das individuelle Risiko für Arthrose oder Herzinfarkt ermitteln.

Schlüssel für Schlankheit liegt in den Genen

Gentests ja oder nein?

Auf dem Markt sind auch "Lifestyle"-Gentests, die angeblich die Neigung zur Nikotin- und Alkoholabhängigkeit oder zu erhöhter Risikobereitschaft aus den Genen lesen können, ebenso, ob der Getestete eher Talent zum Kurzstreckenschwimmer oder zum Radprofi hat. Der Knüller sind aber Tests, die den Einfluss genetischer Faktoren auf die Nahrungsverwertung messen, wie "DNA und Gewicht". Sie versprechen, beim Abnehmen zu helfen und werden über das Internet, aber auch von Ernährungsberatern und Fitnessstudios vertrieben und auf Youtube angepriesen.

Gesamtes Genom analysieren

Um die Jahrtausendwende hatten Forscher das menschliche Erbgut mit riesigem Aufwand entziffert. Inzwischen sind die Kosten drastisch gesunken. Bald wird man für 1.000 Dollar sein gesamtes Genom analysieren lassen können. Auch das von Ungeborenen und sogar schon in der Petrischale. 2013 wurde das erste künstlich gezeugte Kind geboren, dessen vollständiges Genom vor der Einpflanzung in die Gebärmutter analysiert wurde.

Sogar den Tagesthemen war im Mai 2013 die Brustamputation von Angelina Jolie einen Bericht wert. Nach einem Gentest wusste die Schauspielerin, dass sie das Hochrisikogen BRCA 1 geerbt und deshalb ein 80-prozentiges Risiko hat, an Brust- und ein 60-prozentiges Risiko an Eierstockkrebs zu erkranken. Ein hohes Risiko, aber keine definitive Prognose. Ist dieses Wissen nun Fluch oder auch Segen? Angelina Jolie schreibt in der New York Times, der Gentest hätte sie aus der Ohnmacht herausgeholt und handlungsfähig gemacht. Viele Amerikanerinnen folgten ihrem Beispiel und ließen sich für 3.000 Dollar testen – auch solche, in deren Familie gar kein Brustkrebs vorkommt. Denn erblicher Brustkrebs ist selten. Auch in Deutschland schürte die Berichterstattung über die vorsorgliche Brustamputation Ängste. Die Zahl der Anfragen zu erblichem Brustkrebs verfünffachte sich im letzten Jahr.

Folgen der Gentests

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Angelina Jolie ließ ihre Gene testen

Ein Gentest kann weitereichende Folgen für die Person haben, die sich testen lässt. Aber auch für Angehörige. Deshalb schreibt das deutsche Gendiagnostikgesetz vor, dass gesundheitsrelevante Gentests nur mit einer fachärztlichen Beratung angewandt werden dürfen. Außerdem dürfen Versicherer und Arbeitgeber keinen solchen Gentest verlangen. Es ist auch verboten, Ungeborene auf Krankheiten testen zu lassen, die vielleicht erst später im Leben des Kindes auftreten könnten. Zum Beispiel Tests auf Brustkrebs. In Großbritannien haben Frauen ihre Schwangerschaft abgebrochen, weil das Ungeborene das Brustkrebsgen trug.

Ausdrücklich schließt das Gendiagnostikgesetz auch Untersuchungen in der Schwangerschaft mit ein, die nicht direkt das Erbgut des Fötus überprüfen – wie Ultraschalluntersuchungen und das Ersttrimester-Screening. Denn auch sie können Hinweise für genetische Normabweichungen des Ungeborenen liefern – zum Beispiel dem Down-Syndrom. Deshalb müssen Frauen vor diesen Kontrollen ausführlich aufgeklärt werden. Wer vermessen will, muss Normwerte definieren und produziert damit gleichzeitig Normabweichungen: das Köpfchen zu groß, das Gewicht zu klein, oder die Wirbelsäule nicht ganz geschlossen. Häufig bleiben die Aussagen unklar und ziehen eine Kaskade weiterer Untersuchungen nach sich.

Deutschland hat die meisten Risikoschwangeren

Fluch oder Segen -- wie verändern uns Gentests und moderne Diagnostik

75 Prozent der Schwangeren in Deutschland ..

Die Medizinethnologin Susan Erikson, Professorin an der Simon Frazer Universität im kanadischen Vancouver, hat über das System der deutschen Schwangerenvorsorge geforscht und dafür die Arbeit mehrerer pränataldiagnostischer Zentren in Kliniken unter die Lupe genommen.
In Deutschland ist das medizinische Netz in der Schwangerschaft weltweit am dichtesten gespannt – ohne dass deshalb fittere Neugeborene auf die Welt kommen würden oder die Säuglingssterblichkeit geringer wäre als zum Beispiel in den skandinavischen Ländern – wo Hebammen die Schwangere begleiten. Im Gegenteil. Dafür gelten 75 Prozent der Schwangeren in Deutschland als Risikoschwangere. Weltweit ein Spitzenplatz.

Der seit 2012 zugelassene "Praenatest" fahndet bereits ab der 9. Schwangerschaftswoche nach Down-Syndrom und anderen Chromosomenabweichungen. Er wird bisher nur in Ausnahmefällen angeboten und die Befunde müssen noch durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden. Aber schon drängt die Konkurrenz auf dem Markt mit Test-Namen wie "Panorama" und "Harmony". Und das Angebot befeuert die Nachfrage. Der Abbruch der Schwangerschaft wird dabei nicht thematisiert.

mem

Gentests für Föten

Die vorgeburtliche Diagnostik hat bisher nur nach möglichen Normabweichungen oder Behinderungen beim Ungeborenen gesucht. Doch das könnte sich in absehbarer Zeit verändern. 2012 haben Wissenschaftler das erste Mal eine Karte des vollständigen Erbguts eines elf Wochen alten Fötus veröffentlicht. Es reichte eine Blutprobe der Mutter und etwas Speichel des Vaters, um zu erfahren, ob das Kind sportlich oder musikalisch ist, ob es allergisch veranlagt ist oder ein Risiko für Alzheimer hat. Wie sollen werdende Eltern mit solchen Informationen umgehen?