Bitte warten...

Der vermessene Mensch (7) Wie sich Gefühle berechnen lassen

Freude und Leid, Liebe, Hass und Leidenschaft, Verzweiflung, Hoffnung und Zuversicht, Misstrauen und Vertrauen - Informatiker tüfteln an Programmen, die die Gefühle von Nutzern erfassen sollen, am Gesichtsausdruck, oder anhand der Sprachmelodie. Das klingt so genial wie gruselig. Welchen Konsequenzen hätte dies für die Menschen? Sind Gefühle wirklich messbar?

Gefühle berechnen

Ängstlich, verärgert, traurig oder voll Freude - wie erkennt man unsere Emotionen?

Die Emotionen wissenschaftlicher Theorien mögen scharf voneinander abgegrenzt sein. Im Alltag dagegen gehen sie oft durcheinander. Und darüber, zu wie vielen verschiedenen Elementar-Emotionen ein Mensch fähig ist, streiten sich die Wissenschaftler. Manche sagen sechs, andere behaupten neun. Angst und Ärger, Traurigkeit und Freude, Ekel sind es in jedem Fall. Und dann kommen, je nach Forscher, noch Scham, Schuld und Interesse dazu. Ob die Überraschung, die manche dazu zählen, überhaupt ein Gefühl ist, weiß man nicht genau.

Cocktail der gemischten Gefühle

Das, was ein Mensch als zutiefst persönliches Erleben empfindet, nämlich ein Gefühl wie beispielsweise Ärger, besteht immer aus den gleichen drei Bestandteilen.

Wütender Mann

Ist Ärger messbar

Zum einen reagiert der Körper, ganz unmittelbar. Die Atmung geht tief, Puls und Blutdruck steigen, der Blick wird eng. Zum Zweiten schaltet sich das Bewusstsein ein, man bewertet den Ärger. Man mag ihn nicht. Und zum Dritten reagiert selbst ein rationaler Mensch auf das Unbehagen. Entweder mit Streit, oder indem er den Ärger ignoriert und sich bewusst anderen Dingen zuwendet.

Einige Gefühle kann man messen. Einzeln. Mit psychologischen Tests. Papierbögen mit simplen Fragen zum Ankreuzen. Beispielweise den State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar, genannt STAXI, der den Ärger misst, der sich in Wut ausdrückt. In drei Teile gegliedert. Wie fühlt man sich im Moment der Wut? Wie fühlt man sich im Allgemeinen? Und wie reagiert man in Momenten der Wut? Dabei muss man Sätze auf einer Skala von eins bis vier ankreuzen, von „trifft fast nie zu“ bis „trifft fast immer zu“.

Gefühle berechnen

Wie ist der Umgang mit den eigenen Emotionen?

Doch genau genommen vermessen solche psychologischen Tests nicht die Gefühlswelt eines Menschen. Sie messen die Einschätzungen, die sich ein Mensch von seinen, häufig alltagsfernen, Elementar-Emotionen macht. Sinnlos sind solche Tests deswegen aber nicht. Sie eröffnen einen Blick in die psychische Befindlichkeit eines Menschen. Zusammen mit anderen Methoden wie dem Interview sind Tests psychiatrische Diagnoseinstrumente.

Was trennt Liebe von Hass?

Worin unterscheiden sich Langeweile und Spannung? Was trennt Liebe und Hass, Ärger und Freude? Die Antwort liegt auf der Hand. Man freut sich lieber, als dass man sich ärgert. Aber ähneln sich Freude und Ärger auch, dass man sie verwechseln könnte? Natürlich. Beide Gefühle verursachen gleichermaßen ziemliche Aufregung.

Große Gefühle beim Finale der UEFA Champions League 2013

Große Gefühle beim Fußball

Aus dieser Erkenntnis haben Wissenschaftler einen anderen Zugang zur Gefühlswelt des Menschen entwickelt. Dafür achten sie zum einen auf die Physiologie, auf die Erregung, die ein Gefühl im Menschen verursacht. Die Forscher selbst sprechen von Arousal. Zum anderen orientieren sie sich an der Kultur. Daran, wie man das Gefühl bewertet, hier spricht man von Valenz.
Kann man über diese beiden Größen, über Erregung und Bewertung, Arousal und Valenz, Gefühle messen? Um sie anschließend auf einen Computer zu bringen? Ja, sagt Björn Schuller. Er leitet die Münchner Arbeitsgruppe „Maschinelle Intelligenz und Signalverarbeitung“. Gefühlserkennende Computer, berichtet er, gibt es schon seit Jahren auf dem Markt, für jedermann zu kaufen. Als Beispiel zieht Björn Schuller sein Smartphone aus der Tasche und zeigt seinen Musik-Player mit einer kleinen Zusatzfunktion. Sie erkennt Stimmungen, die Musikstücke vermitteln. Also Gefühle. Automatisch.

Computer erkennen Gefühle

Wenn Computer Gefühle in der Musik erkennen können, dann auch in der Melodie gesprochener Sprache. Statt darauf zu hören, WAS jemand sagt, haben Björn Schuller und seine Arbeitsgruppe einem Computer beigebracht, auf das WIE der Worte zu hören. Auf Tempo, Rhythmus und Pausen, auf Intonation, Wort- und Satzakzent. Der Computer misst Sprachgeschwindigkeiten, mittlere Tonhöhen und deren Abweichungen in der Sprache, errechnet Durchschnittswerte dieser Abweichungen. Dann vergleicht der Computer die gemessenen Werte mit vorgegebenen Beispielen und errechnet daraus schließlich die Erregung des Sprechers.

Emotionshandschuh

Emotionshandschuh

Schwerer hat es der Computer zu erkennen, wie stark positiv oder negativ der Sprecher seine Erregung bewertet. Dazu muss der Rechner nicht nur einzelne Schlüsselworte erkennen, Flüche beispielsweise oder Laute ohne jede Bedeutung wie "hm, mhm" und so weiter. Er muss auch erkennen, ob beispielsweise ein Lachen tatsächlich Freude anzeigt, oder etwa Resignation, Frustration. Und wieder muss er, wie schon in der Sprachmelodie, exakt messen.
Nun müssen die Forscher noch in einer Tabelle nachschauen. Wie viel Erregung bei welchem Positiv-Wert ist Freude? Wie viel Erregung bei welchem Negativ-Wert ist Ärger? Dann ist es zum eigentlichen Ziel des Forschungsprojektes nur noch ein kleiner Schritt.

Die Simulation echter Gefühle

Als Test für das emotionale Hin und Her programmierte die Arbeitsgruppe einen virtuellen Agenten, einen gefühllosen Emotionssimulanten. Er erkennt menschliche Gefühle in der gesprochenen Sprache und simuliert angemessene Gefühlsreaktionen. Doch einige emotionale Reaktionen versteht der Computer nicht. Ironie, beispielsweise.

Anordnung zur Emotionserkennung

Anordnung zur Emotionserkennung

Wenn man etwas sagt, aber das genaue Gegenteil davon meint. Oder Schauspielerei. Wenn einem im Alltag das ungute Gefühl beschleicht, der Chef beispielsweise tut nur so kumpelhaft mit seinem "erzählen Sie doch mal offen", um einen aufs Kreuz zu legen.
Auch das zugrundeliegende Modell hat Grenzen. Zwei Kriterien zur Identifikation von Gefühlen – Aufregung und die positiv-negativ-Bewertung – sind wenig. Was ist, wenn sich zwei Gefühle in Aufregung und positiv-negativ-Bewertung gleichen? Etwa cholerische Wut und panikartige Angst? Dann muss der Computer ein drittes Kriterium messen. Die Intensität vielleicht.

Björn Schuller ist ein Menschenfreund, das sagen die Anwendungen auf seinem Emotional-Computer. Mit einem Spiel sollen Autisten lernen, verschiedene Emotionen zu unterscheiden. Ein anderes Programm, auf die Erkennung von Langeweile verengt, soll Schulabgänger fit für Bewerbungsgespräche machen.

Kommerzielle Gefühle

Realität ist jedoch, dass heute kommerziell erhältliche Gefühlerkennungs- und -Simulationsprogramme weder aus dem Gesundheits- noch aus dem Sozialbereich kommen.

Computerhund Aibo

Computerhund Aibo

Neben der erwähnten automatischen Klassifizierung von Musikstücken auf MP3-Playern sollen Controlling-Programme in Callcentern aus dem Gesprächston die Kundenzufriedenheit messen. Die Firma Syngera aus Sankt Petersburg bietet für den Einzelhandel Überwachungsprogramme an, die anhand von Kamerabildern die Gefühlswelt von Kunden beim Blick auf beispielsweise Consumer-Elektronik ausloten. Am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA, haben Studenten den Campus mit Stimmungsmessgeräten bestückt, sodass jedermann weltweit schauen kann, wo die beste Laune herrscht.

Digitaler Seelsorger als Vision

Weitere Anwendungen kann man sich vorstellen. Der Verkäufer für Kleidung und Autos ist in der Diskussion. Also von Waren, die sich über ein werbevermitteltes Lebensgefühl, das Image, verkaufen.

Computer-Therapeut

Der Computer als Therapeut?

Schlimmeres kommt einem zwangsläufig in den Sinn. Eine Ich-verstehe-dich-Maschine. Der Roboter-Freund. Der Beste, den man finden kann, weil er immer Zeit hat, immer zuhört, immer wie gewünscht reagiert. Oder dessen Professionalisierung. Der Computer-Therapeut. Oder, sollte nicht nur die menschliche Psyche, sondern die Seele auf dem Spiel stehen, der digitale Seelsorger.

Werden wir künftig mit Gefühlsrobotern leben? Nicht nur mit Digital-Therapeuten und -Seelsorgern, sondern auch mit Digital-Künstlern, die noch unbekannte menschlichen Gefühlswelten erforschen, einzelne Gefühle bis in nie erlebte Tiefen ausloten und sie den Menschen – uns – in Kunstwerken vor Augen führen? Berlin, der Chor-Saal der Komischen Oper am Pracht-Boulevard "Unter den Linden". 2014 probt hier der humanoide Roboter Myon für seinen Auftritt. Auch er ist eine Gefühlsmaschine, sagt sein Entwickler, Manfred Hild von der Humboldt-Universität.

Freiheit für Roboter

Roboter "Myon"

Roboter "Myon" der Humboldt-Universität

Die Gefühle Langeweile und Neugier treiben den Roboter an. Darin ist die Maschine ganz menschlich. Gefühle machen, dass das Ding lernt. Das Programm ist aber so geschrieben, dass niemand weiß, was der Roboter Myon lernen wird. Was er an verarbeiteten Daten in seinem Speicher ablegen wird. Ebenso wenig kann jemand sagen, was der Roboter auf der Bühne machen wird, welche Rolle er spielen wird, wenn das Projekt My Square Lady Premiere hat. Ob er nur herumsteht wie eine überflüssige Kulisse, ob er den Sängern permanent zwischen den Füßen herumläuft und die Aufführung zu Fall zu bringen droht, oder ob er sich in die Hauptrolle hineindrängt. Die Maschine lernt nach eigenem, nach simuliertem Gefühl.