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Werke des Jahres 2016 Die öffentliche Probe

Herbordt/Mohren

„Sehr geehrte Frau Ministerin. Sehr geehrte Frau Staatssekretärin. Sehr geehrter Herr Bürgermeister. Liebe Vertreterinnen des Gründungsbeirats. Liebe Vertreterinnen ortsansässiger Vereine und Bürgerinitiativen. Liebe Nachbarinnen. Liebe Künstlerinnen. Liebe Freundinnen. Liebe Kinder. Liebe Besucherinnen. Liebe Gäste. [Der Redner macht eine feierliche Atempause.] Wie schön, dass Sie alle gekommen sind. Mein Name ist … [Er räuspert sich, trinkt einen Schluck Wasser aus dem Glas vor sich.], und ich habe eine Institution gegründet. So viele von Ihnen sind heute hierher gekommen und es ist ein besonderes Geschenk an uns alle, dass wir diese Eröffnung gemeinsam feiern können. Wir alle haben die große Chance, an der Gestaltung dieser neuen Institution mitzuarbeiten. Diese Institution kann ein Ort der ständigen Diskussion, Verhandlung und Auseinandersetzung werden. Es können, und müssen, immer mehrere Interpretationen dessen nebeneinander bestehen, was denn die Institution nun sei. Erfinden Sie heute Ihre Version. Aber verlassen Sie sich dabei nicht nur auf das, was Sie als Expertise mitbringen. Wagen wir, was wir noch nicht beherrschen. Lernen wir voneinander! Und, was vielleicht noch wichtiger ist, verlernen wir miteinander, was wir allzu sicher zu beherrschen glauben! Fangen wir noch einmal von vorne an.“

Eröffnet wird eine ganz neue Form der Kulturinstitution im ländlichen Raum zwischen internationalem Gästehaus, Museum, Theater und Akademie. Die Institution gibt es nicht. Sie ist fiktiv. Und doch wurde sie mit einer feierlichen Rede und zahlreichen Gesten eröffnet. Und doch hat ihre Nicht-Existenz in den letzten Jahren bereits ganz reale Auswirkungen gezeitigt. Die Institution erfährt ihre öffentliche Probe aufs Exempel. In einer Serie von Performances und Interventionen, die an ganz verschiedenen Orten stattfindet: einem leer stehenden Rathaus, einer ehemaligen Hofbibliothek und einem umgebauten Straßenbahndepot. Wie lässt sich eine Ahnung davon gewinnen, was es noch nicht gibt, was sich aber einrichten ließe?

Die öffentliche Probefügt der Auseinandersetzung des Künstler-Duos Herbordt/Mohren mit Institutionen, ihrer Kritik und ihrer Aktualisierung (Das Stück, 2012; Die Institution, 2013; Die Aufführung, 2013; Das Publikum, 2015; Das Theater, 2015) einen weiteren Meilenstein hinzu: die Beschäftigung mit Strukturen des Dörflichen und des Theatralen, mit Übergängen zwischen Bühne und Alltag, Bürgerinitiative und Kunst.

English

‘Dear Madam Minister. Dear Madam State Secretary. Dear Lord Mayor. Dear representatives of the founding committee. Dear representatives of local clubs and citizens’ initiatives. Dear neighbours. Dear artists. Dear friends. Dear children. Dear visitor. Dear guests. [The speaker makes a ceremonious pause for breath.] How lovely that you have all come. My name is... [He clears his throat and drinks a sip of water from the glass in front of him.], and I have founded an institution. So many of you have come here today, and it is a special gift to us all that we can celebrate this opening together. We all have a great chance to participate in shaping this new institution. This institution can become a place of constant discussion, negotiation and engagement. There can and must always be several parallel interpretations of what the institution is. Invent your version today. But don’t just rely on the expertise you already have – let’s dare to do things we haven’t mastered yet. Let’s learn from one another! And, perhaps even more important-ly, let’s unlearn together the things we are too sure of having mastered! Let’s start from scratch again.’

An entirely new form of cultural institution is opening in a rural area, its identity somewhere between international guesthouse, museum, theatre and academy. The institution does not exist. It is fictitious. And yet it was opened with a formal speech and numerous guests. And yet its non existence has already had very real effects in the last few years; the institution is being put to its public test in a series of performances and interventions taking place at very different locations: an empty town hall, a former court library and a converted tram depot. How can one gain an idea of something that does not yet exist, but could be set up?

Die öffentliche Probe [The Public Rehearsal] continues the engagement of the artistic duo Herbordt/Mohren with institutions, their critique and their updating (Das Stück, 2012; Die Institution, 2013; Die Aufführung, 2013; Das Publikum, 2015; Das Theater, 2015) with a further landmark: the occupation with structures in the village and theatre contexts, with transitions between the stage and everyday life, the citizens’ initiative and art.