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Der vermessene Mensch (1) Das Daten-Ich

Unsere Welt ist voller vernetzter Sensoren. Sie stecken in den Mautbrücken über der Autobahn, in den Diebstahlsdetektoren an der Kaufhaustür, in Heizungsanlagen, Türschlössern und sogar Toiletten. Wir tragen sie mit uns herum: im Handy, unter den Etiketten unserer Kleidung, auf den Kundenkarten in unserem Portemonnaie. Die Daten, die sie permanent erzeugen, sind äußerst wertvoll.

Ein animierter Baum an dem Rechner, SMS, Chats und weitere digitale Spuren wachsen

Spezialisierte Programme können Daten filtern und zuordnen

Über drei Milliarden Dollar hat Google Anfang 2014 für die Übernahme von Nest Labs gezahlt. Das mittelständische Unternehmen stellt mit weniger als 300 Mitarbeitern Thermostaten und Feuermelder her. In den unscheinbaren Geräten stecken vernetzte Sensoren, die Einblick in Privatwohnungen geben. Der Feuermelder weiß, wann wir rauchen oder Milch anbrennen lassen, der Thermostat sieht, wann wir nach Hause kommen oder in den Urlaub fahren. Wenn wir im Internet surfen, über Facebook Kontakt zu Freunden in aller Welt halten und uns von Youtube unterhalten lassen, wird unser Verhalten aufgezeichnet.

Big Data ist überall

Code auf einem Computer.

In der digitalen Welt gibt es kaum noch Geheimnisse

Wir erzeugen einen permanenten Datenstrom, der fast alles über uns preisgibt, manchmal sogar mehr als wir selber von uns wissen: Das Smartphone merkt sich, wo ich mich herumtreibe. Amazon kennt meine Musiksammlung und Google meine Interessen. Experten sprechen ehrfürchtig von "Big Data". Informatiker ersinnen immer neue Anwendungen, Neurowissenschaftler wollen Gehirn und Computer direkt miteinander verbinden. Unser virtuelles Abbild weiß, wer wir sind, was wir mögen, was wir tun und mit wem wir es tun. Und im Unterschied zu uns selber vergisst das Daten-Ich auch nichts.

Die Unternehmen sammeln

Auge aus binärem Code

Was weiß der große Bruder?

Google und Facebook sind nicht die Einzigen: IBM sammelt Daten der Dubliner Innenstadt, direkt vor Ort. Und die Stadtverwaltung stellt dem amerikanischen Computerriesen die Messwerte von 200 Überwachungskameras, Echtzeitinformationen über Hunderte Busse und Daten aus Tausenden Sensoren an Straßenkreuzungen zur Verfügung – insgesamt rund 20.000 Angaben in der Minute. IBM Research speist all die Daten in ein sogenanntes intelligentes Lagezentrum für Smart Cities, ein Programm für intelligentes Stadtmanagement. Während die Daten analysiert werden, wird das Internet permanent nach Meinungsäußerungen zum aktuellen Zustand der Stadt durchsucht. IBM nutzt also Videodaten, Beobachtungsdaten, Sensordaten und Gefühls-Daten aus sozialen Netzwerken und wertet sie aus. Menschen sind nicht nötig um herauszufinden, was die Menschen bewegt. Geschickt programmierte Algorithmen können das auch.

Stadtmanagement live

Wird beispielsweise von einem Sensor im Fluss eine erhöhte Konzentration an Chemikalien gemessen, ist das System sofort in Alarmbereitschaft und wertet auch die anderen Sensoren sofort aus und gleicht die Daten ab. Abidjan, die Hauptstadt der Elfenbeinküste, versucht mit derartiger Technik das Chaos in den Griff zu bekommen, das Hunderte konkurrierende Transportgesellschaften jeden Morgen im Berufsverkehr anrichten. In Echtzeit werden dafür die Mobilfunk-Verbindungsdaten der Pendler in den Bussen auf einen Stadtplan projiziert.

Ein Blick sagt mehr als 1.000 Worte

Das Fraunhofer-Institut optimiert die Zugangskontrolle durch 3-D-Gesichtserkennung

3-D-Gesichtserkennung

In Cambridge haben über 100 Wissenschaftler das nagelneue Labor von Microsoft Research bezogen. Die Arbeitsgruppe für maschinelles Lernen und Wahrnehmung wertet die Daten der User aus, um ihnen neue Produkte anzubieten. Am liebsten möchte Microsoft bei seinen Usern aber auch noch das beobachten, was sie ungewollt mit Gesten und Gesichtsausdruck zu erkennen geben: Heutzutage sind viele Geräte mit einer Kamera ausgestattet, die auf den Nutzer gerichtet ist. Man kann darauf also sein Gesicht sehen und eine Gefühlserkennung laufen lassen. Diese Bilder werden kombiniert mit den Informationen darüber, was der Nutzer als nächstes anklickt. Anschließend kann das Ergebnis mit alten Ergebnissen desselben Nutzers oder denen anderer verglichen werden.

Nur Nachteile?

Blutdruckmessung

Blutdruckdaten können auch gespeichert werden

Dass alle Daten gesammelt und ausgewertet werden, kann manchem schon erschreckend vorkommen. Die Unternehmen sehen aber Vorteile für die Nutzer: Auf Grund der gesammelten Daten könnten ihm Informationen und Produkte angeboten werden, die er vielleicht mag, von denen er aber nichts wusste. Zusätzlich könnten die Daten zum Beispiel die Gesundheitsversorgung verbessern, wenn Menschen ihre eigenen Gesundheitsdaten wie Blutdruck regelmäßig messen und diese zentral gespeichert und abgeglichen werden.

Big Data im Alltag

Tatsächlich hat Big Data im vergangenen Jahrzehnt eine ganze Flut neuer Anwendungen ausgelöst. Nur selten ist es erforderlich, sie zu nutzen, trotzdem breiten sie sich schnell im Alltag aus. Denn vieles ist tatsächlich nützlich, bequem oder lustig. Und manchmal spart es uns sogar Geld: Blackbox heißt der kleine Kasten, den Autoversicherungen unter der Motorhaube installieren, um vorsichtigen Fahrern einen günstigeren Tarif anbieten zu können. Permanent bestimmt die eingebaute Software dafür Ort und Geschwindigkeit des Fahrzeugs und vergleicht die Messwerte mit den im Navigationssystem gespeicherten Tempolimits. Das Ergebnis wird verschlüsselt ins Rechenzentrum der Versicherung gefunkt. Raser zahlen dann eine erhöhte Versicherungsprämie; wer sich stets ans Tempolimit hält, bekommt einen Rabatt.

Der Nutzen für die Wissenschaft

Festplatten im Mülleimer

Festplatten als Datenspeicher

Auch in der Wissenschaft spielt Big Data eine immer größere Rolle. Über Jahrhunderte waren Beobachtung und Experiment die Grundlage neuer Erkenntnisse. Jetzt stehen Datenbanken im Mittelpunkt. Überall auf der Welt sammeln Wissenschaftler Daten – vom Wetter über die Bio- und Geo- bis zur Psychologie. Jeden Tag füllen sie Tausende Festplatten. So wie sich die Persönlichkeit im Daten-Ich spiegelt, so steckt in den Forschungs-Datenbanken das Wissen über den Zustand unserer Erde und ihrer Bewohner.

Die Welt ist voller Sensoren

Frau blickt doch Loch in einer Papierwand; daneben ein großes grünes Fragezeichen

Was kommt?

Sie finden sich unter dem Meer, in Städten und Kuhställen, Autos und Flugzeugen, unter Tage und auf Umlaufbahnen im All. Und unter dem Begriff smart dust werden Mikrosensoren getestet, die sich wie Staub an Kleidung und Geräte haften. Die Daten, die sie sammeln, fließen nicht nur in Rechenzentren zusammen, sie können auch direkt miteinander in Kontakt treten. Der Chip im Wollpulli-Etikett blockiert automatisch die Waschmaschine, wenn er unter die Kochwäsche geraten ist. Und der Chip in der Ampel stoppt das herannahende Auto kurz bevor sie auf Rot springt.

Das Internet der Dinge

Fachleute sprechen vom Internet der Dinge. Damit es auch in Zukunft funktioniert, wurde in den vergangenen Jahren ein neues Übertragungsprotokoll eingeführt. Jedem Menschen können jetzt 50 Quadrilliarden Dinge eindeutig zugeordnet werden. Das ist eine Zahl mit 28 Nullen. Jede Tomate, jeder Fahrschein und jedes Verkehrsschild könnten damit erfasst werden und wären dann eindeutig identifizierbar. Im Hintergrund wachsen die Datenbanken exponentiell, alle paar Jahre verdoppelt sich ihr Bestand und das Tempo ihrer Rechner.

Die Frage der Fragen: Wollen wir das?

Zahlreiche Netzwerkkabel stecken in einem Netzwerkverteiler eines Serverraumes

Alles ist vernetzt

Kein Ingenieur kann die Antwort darauf geben. Denn sie ist nicht technisch, sondern politisch. Big Data ist keine Hydra, der immer neue Köpfe nachwachsen, wenn einer abgeschlagen wird. Sensoren, Datenleitungen und Rechenzentren haben Betreiber, die sich im gesetzlichen Rahmen bewegen müssen. Wir haben das Recht auf unser Daten-Ich. Damit wir es auch durchsetzen können, brauchen die Datenschutz-Regeln eine Runderneuerung nach dem Grundsatz: So wenig Daten erheben wie nötig und den Rest so sicher verschlüsseln wie möglich. Auf die eine oder andere Anwendung werden wir dann wohl verzichten müssen.