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Fukushima - Ein Jahr nach der Katastrophe AKW-Rückbau – Aufgabe für Jahrzehnte

Abschalten und dann einfach abreißen – das geht bei einem Kernkraftwerk nicht. Der Rückbau ist enorm aufwendig und dauert Jahrzehnte. Warum das so ist, hat sich Reporterin Lena Ganschow vor Ort im rheinland-pfälzischen Mülheim-Kärlich und Neckarwestheim in Baden-Württemberg angesehen.

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich befindet sich seit 2004 im Rückbau. Von außen ahnt man davon zwar kaum etwas - der weithin sichtbare Kühlturm und das Reaktorgebäude stehen noch - doch innen hat sich schon einiges getan, es herrscht Baustellenatmosphäre. Bei Lenas Besuch wird im Reaktorgebäude gerade der untere Teil des tonnenschweren Druckhalters ausgebaut. Dieser befand sich ursprünglich im Primärkreislauf der Anlage, hielt den Betriebsdruck im Reaktorkühlsystem konstant, 12 Meter hoch und 140 Tonnen schwer. Von den Arbeitern, die den Koloss mit einem Kran heben ist höchste Konzentration gefragt, damit alles glatt läuft.


Massive Bauweise hält auf

Der Druckhalter wird zerlegt

Der Druckhalter wird zerlegt

Der obere Teil des Druckhalters wurde bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausgebaut und wird jetzt ein paar Schritte weiter zerlegt. Eine gigantische Säge frisst sich, langsam im Kreis herum fahrend, durch die zentimeterdicke Stahlwand. Bis der Behälter komplett zerlegt ist, erfährt Lena, vergehen Monate. In einem Kernkraftwerk ist eben viel massives Material verbaut.
Ein Grund dafür, dass der Rückbau dauert.

 

Wiederverwertung erwünscht

Mit dem Stahlbrenner werden die Teile zerkleinert.

Mit dem Stahlbrenner werden die Teile zerkleinert.

Bestimmte Teile des Kraftwerks sollen zudem wiederverwendet werden, Metalle etwa. Dafür müssen die massiven und oft großen Bauteile zunächst aufwendig in kleinere Stücke zerlegt werden, dann mit einem Hochdruckreiniger von radioaktiven Partikeln befreit und vorm Verlassen des Geländes gründlich auf Rückstände von Radioaktivität geprüft werden. Erst wenn das Material als unbedenklich gilt, kann es recycled werden. Vieles in diesem Prozess ist mühsame Handarbeit – noch ein Grund, warum der Rückbau dauert.

 

Radioaktivität

Das leere Abklingbecken in Mülheim Kärlich

Das leere Abklingbecken

Auch das radioaktive Material verhindert, dass ein Kernkraftwerk direkt nach dem Abschalten abgerissen werden kann. Zwar ist das Abklingbecken in der Mülheim-Kärlich leer - die letzten hoch radioaktiven Brennelemente wurden 2002, noch vor Beginn des Rückbaus entfernt und nach Frankreich zur Wiederaufbereitung verbracht – doch bis es soweit war vergingen Jahre.
Warum das so ist, zeigt der Vergleich mit dem Kernkraftwerk Neckarwestheim.

 

Abkühlen der Brennelemente dauert Jahre

Das Abklingbecken in Neckarwestheim mit Brennelementen

Das Abklingbecken mit Brennelementen

Block 1 des Atomkraftwerks Neckarwestheim ist nach der Fukushima-Katastrophe im März 2011 vom Netz gegangen und liefert heute keinen Strom mehr. Die Brennelemente sind inzwischen zwar vom Reaktor ins Abklingbecken gebracht worden. Doch es werde weitere zwei bis fünf Jahre dauern, bis sie soweit abgekühlt sind, dass sie abtransportiert werden können, sagt der Technische Geschäftsführer Jörg Michels.

 

Überwachung auch nach dem Abschalten nötig

Die Schaltwarte in Neckarwestheim ist immer noch rund um die Uhr besetzt.

Die Schaltwarte ist immer noch rund um die Uhr besetzt.

Noch befindet sich im Reaktorgebäude von Block 1 genauso so viel radioaktives Material wie vor der Energiewende, insgesamt 277 Brennelemente. „Hat sich denn im Betrieb nach dem Abschalten überhaupt etwas für Sie geändert?“, will Lena wissen. „Es gelten für uns immer noch die gleichen Anforderungen wie wir sie auch im Leistungsbetrieb hatten“, sagt Michels, „das heißt für die Systeme, dass sie in vollem Umfang instand gehalten, gewartet und geprüft werden und dass damit, wie auch all die Jahre zuvor, sicher gestellt ist, dass die Brennelemente zuverlässig gekühlt und überwacht werden.“ Deswegen, so erfährt Lena bei ihrem Besuch in Neckarwestheim, sei die Schaltwarte von Block 1 immer noch rund um die Uhr besetzt. Auch nach dem Abschalten gilt bei Kernkraftwerken: Alles im Auge behalten.

 

Genehmigungen brauchen ihre Zeit

Lena Ganschow mit Jörg Michels im Maschinenraum des Atomkraftwerks Neckarwestheim

Lena Ganschow mit Jörg Michels im Maschinenraum

Im Maschinenhaus von Neckarwestheim 1 steht mittlerweile alles. Die Turbinen und Generatoren arbeiten nicht mehr. Dennoch kann man nicht damit beginnen, das Kernkraftwerk abzureißen. „Wir unterliegen dem Atomgesetz“, sagt Jörg Michels, „und das heißt, dass Sie eben nicht einfach mit einem Abriss beginnen können.“ Für die endgültige Stilllegung und den Abbau der Anlage benötigten sie eine Genehmigung. „Und diese zu erwirken dauert einige Jahre.“ Im stillgelegten Kernkraftwerk Origheim habe man 2004 den entsprechenden Antrag gestellt und erst 2008 die Genehmigung bekommen.

 

Rückbaustrategie muss erarbeitet werden

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim

In Neckarwestheim sei zudem noch unklar, ob Block 1 sofort komplett rückgebaut werden soll oder zunächst nur zum Teil und dann endgültig gemeinsam mit Block 2, um Synergien zu schaffen. Neckarwestheim 2 soll nach jetzigem Stand 2022 endgültig vom Netz gehen - als letztes Kernkraftwerk in Deutschland. Auch weil eine individuelle Rückbaustrategie für jedes Kernkraftwerk erarbeitet werden muss und umfangreiche Bürokratie nötig ist, dauert der Rückbau eines Atomkraftwerks.

 

Fazit

Alle abgeschalteten Atomkraftwerke in Deutschland rückzubauen, wird noch Jahrzehnte dauern und Milliarden kosten. Bezahlen werden das letztlich wohl wir Verbraucher, über den Strompreis. Deswegen, und auch weil immer noch nicht geklärt ist, wohin mit all dem radioaktiven Abfall, wird uns das Thema Kernenergie noch lange beschäftigen.

Zu guter Letzt noch ein vielversprechender Vorschlag für die Umnutzung der Kühltürme:

jj