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Woody Allen als Steinzeitmensch

Interview: Wie realistisch sind Steinzeitfilme?

Die Steinzeit liegt Cornelius Holtorf besonders am Herzen. Nach dem Studium der Archäologie und Anthropologie ist er seit 2005 als Professor an der schwedischen Universität in Lund tätig. Über Zeitreisen in die Vergangenheit und speziell in die Steinzeit hat er bereits diverse Fachartikel veröffentlicht.

SWR.de hat ihn gefragt, wie nah die Film-Steinzeit an die Realität kommt, was völlig falsch ist und wie seine ideale Steinzeit-Besetzung aussehen würde.

SWR.de: In Filmen wird der Steinzeitmensch oft als Keulen schwingender Fellträger dargestellt, der nicht besonders intelligent ist. Entspricht diese Vorstellung der Wirklichkeit?

Portrait Prof. Cornelius Holtorf (Quelle: privat)
Prof. Cornelius Holtorf

Cornelius Holtorf: Diese Sicht entspricht einem Klischee, aber keiner wirklichen Vergangenheit. "Die Steinzeit" wird fast immer metaphorisch als bewusster Gegensatz zur Gegenwart verwendet. Während unsere heutige Zivilisation fortschrittlich ist und wir (diesem Bild zufolge) klug und einsichtsvoll sind, war "die Steinzeit" entsprechend primitiv und rückständig und die Steinzeitmenschen waren dumm und uneinsichtig. Das zeigt sich nicht nur in der dargestellten Technologie (Keulen, einfachste Steinwerkzeuge), sondern oft auch im Fehlen typischer Zivilisationsmerkmale wie differenzierter sprachlicher Ausdrücke, Kleidungs-, Ess- und Verhaltenssitten.

Durch dieses Negativbild schaffen Filmemacher also vor allem ein bestimmtes Bild der Gegenwart, und so wird diese Art von Steinzeit auch vom Publikum verstanden. Es geht hier gar nicht um das Bild der wirklichen Vergangenheit, die natürlich ganz anders war. "Die Steinzeit" gab es sowieso nicht, sondern sehr viele unterschiedliche menschliche Kulturen über einen sehr langen Zeitraum und in vielen Teilen der Erde.

Worüber schmunzeln Sie in Steinzeit-Filmen am meisten? Oder raufen sich die Haare, weil sie so etwas von falsch sind?

Die Haare raufe ich mir nicht, aber schmunzeln muss ich schon über die oft köstlichen Anachronismen, vor allem bei der Familie Feuerstein, wo das ja ganz bewusst eingesetzt wird. Auch schmunzeln muss ich über viele meiner Kollegen und Kolleginnen, denen bei jedem archäologischen Kinofilm nichts dringender zu sein scheint als die Fehler in der dargestellten materiellen Kultur oder im zeitlichen Nebeneinander aufzulisten, während sie es gar nicht bemerkenswert finden, dass die Steinzeit überhaupt regelmäßig in Hollywood und anderen Mainstream-Filmen auftaucht, obwohl das doch alles andere als selbstverständlich ist.

Wenn Sie für einen Film einen Steinzeitmenschen erfinden müssten, wie sollte der sein, was sollte der auf jeden Fall können?

In einem Kinofilm kann es und braucht es nicht um wissenschaftliche Richtigkeit zu gehen. Man muss sich zuerst fragen, weshalb man in einem Film überhaupt Steinzeitmenschen braucht. Und da kommt man zu dem Schluss, dass man sie nur braucht, wenn man dadurch etwas über den Lauf der Geschichte oder den Zustand der Gegenwart aussagen möchte. Ob nun ernsthaft oder ironisch. Von dieser Aussage hängt das gewählte Bild natürlich unmittelbar ab. Abgesehen davon mag ich Steinzeitmenschen, die lustig und selbstironisch sind. Ich würde mir deshalb einen Steinzeitmenschen erfinden, der von Woody Allen gespielt werden könnte oder jedenfalls in einem seiner Filme auftreten könnte.

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