blank

Die Alpen waren kein Hindernis

Tauschgeschäfte in der "Steinzeit-EU"

Schroffe Berge, Geröll, Schnee und Stürme – warum sollte ein Steinzeitmensch die Strapazen auf sich nehmen, die unwirtlichen Alpen zu überqueren? Über die Gründe kann man spekulieren. Archäologische Funde aber belegen: Es hat tatsächlich einen Austausch zwischen Nord und Süd gegeben.

Henning und Ingo wandern über eine grüne Wiese (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Warentransport

Wer glaubt, der Mensch in der Steinzeit habe sich nur in einem kleinen Radius bewegt, der irrt. Das gesamte Gebiet zwischen dem Baltikum und dem Mittelmeer, der Türkei und der Atlantikküste war schon vor 5.000 Jahren von einem regelrechten Wegenetz durchzogen. Bernstein wurde vom Norden nach Süden transportiert, Feuerstein, Kupfer und Muscheln in die entgegengesetzte Richtung. Die Zeitschrift "Geo" hat für diesen neolitischen "Wirtschaftsraum" den Kunstbegriff "Steinzeit-EU" kreiert, den die Archäologie übernommen hat.

Funde lassen auf Tauschgeschäfte schließen

Dass Waren getauscht wurden, belegen Funde, die in den Alpen und im Alpenvorland gemacht wurden. Feuerstein aus der Nähe von Verona fand sich in Siedlungen nördlich der Alpen. Am Bodensee stießen Forscher auf Muscheln aus dem Mittelmeer, die die Bewohner der Pfahlbauten als kostbaren Schmuck trugen.

Möglicherweise haben die Steinzeitreisenden auch mit Kleidern, Tieren, Salz und Heilpflanzen gehandelt, was jedoch nicht mehr nachgewiesen werden kann. Nicht nur Waren, auch Wissen wurde weitergegeben. So wanderte beispielsweise die Kunst der Kupferverarbeitung vom Orient über die Donau und das Rhônetal nach Westen.

Ein hartes Geschäft

Alpenpanorama an der Memminger Hütte (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Alpenüberquerungen waren ein großes Abenteuer

Selbst von einer natürlichen Barriere wie den Alpen ließen sich die Reisenden der Steinzeit nicht aufhalten. Welche Strapazen sie dabei auf sich nahmen, lässt sich heute nur erahnen. Immerhin machten sie sich auf in eine fremde Welt, deren Gefahren nicht abzuschätzen waren. Unterwegs mussten sie sich mit Nahrung versorgen. Sie trafen auf fremde Sippen, die ihnen vielleicht feindlich gesinnt waren oder sie gar mit dem Tod bedrohten.

Vorstellbar ist, dass einige Mutige schon vor 5.000 Jahren die Alpen komplett überquerten. Für die Strecke von rund 300 Kilometern, die wir heute im Auto in wenigen Stunden zurücklegen, brauchten sie zu Fuß einen ganzen Monat, wenn nicht länger.

Denkbar ist aber auch, dass Waren lediglich über kürzere Distanzen ausgetauscht wurden und sich so - von Ort zu Ort - langsam, aber sicher, im Gelände verteilt haben. Für einen neuen Feuerstein hätte ein jungsteinzeitlicher Handelnder dann nur eine Distanz von etwa 50 Kilometern zurücklegen müssen. Diese Variante erscheint den Archäologen wahrscheinlicher. Ausschließen können sie aber auch die erste Möglichkeit nicht.

Viele Beweggründe denkbar

Henning und Ingo wagen sich über die Alpen (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Neugierde trieb die Menschen über die Alpen

Gründe, sich auf Reisen zu begeben und dabei sogar die Alpen zu überqueren, könnte es viele gegeben haben. Allen voran die menschliche Neugierde und Abenteuerlust. Wer unterwegs war, hatte etwas zu erzählen. Schließlich war Reisen in der Steinzeit die einzige Möglichkeit, Informationen auszutauschen. Und wer eine Muschelkette für seine Angebetete und gar ein Kupferbeil für sich selbst mitbrachte, stieg im sozialen Ansehen.

Auch der Wunsch nach technischen Neuerungen und die Suche nach Rohstoffen mag die Menschen dazu getrieben haben, ihre Dörfer zu verlassen und in die Welt hinauszuziehen. Schon in der späten Altsteinzeit vor 12.000 Jahren, als die Menschen noch keinen Ackerbau und keine Viehzucht kannten, waren Jäger dem Wild hinterhergezogen, das sich im Sommer in die Alpen zurückzog. Die Menschen waren an das Leben mit und von der Natur gewohnt - so war es letztlich egal, ob man heimische Wälder oder die Alpen auf der Suche nach Nahrung durchstreift.

Doch auch in der Jungsteinzeit war ein Ausflug in die Alpen kein Spaziergang.  Auch wer den Weg kannte und gut ausgerüstet war, hat sich auf ein gefährliches Abenteuer eingelassen, das manchmal auch tödlich enden konnte.

Horizontale Linie
Impressum l © SWR 2008