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"Da war die Steinzeit sehr real"

Interview mit Alpenüberquerer Ingolf Schuster

"Über die Alpen zu gehen, das war ein ganz wichtiger Grund für mich, beim Steinzeit-Projekt mitzumachen", sagt der Hobbyarchäologe Ingolf Schuster. Was er über sich und die Vergangenheit herausgefunden hat, erzählt der 52-jährige im Interview.

SWR.de: Wie nah haben Sie sich bei der Alpentour denn "Ötzi" gefühlt?

Nahaufnahmen von Ingo der nach unten schaut (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Ingolf Schuster: "Die Jungs hatten damals andere Füße als wir"

Ingolf Schuster: An der "Ötzi"-Fundstelle selbst überhaupt nicht, da waren zu viele Touristen. Während der Wanderung sah das anders aus. Ich bin ja meist hinten gelaufen. Und wenn ich da alleine war, so in den Klamotten des "Ötzi", da habe ich mir schon gedacht, so könnten die Leute damals über die Alpen gelaufen sein. Da war schon so ein Gefühl, das sind auch meine Vorfahren, das ist auch Teil meiner Entwicklungsgeschichte. Es gab Momente, da war die Steinzeit schon sehr real.

Und im Archäologischen Museum in Bozen?

Henning und Ingo im Archäologischen Museum in Bozen (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Bei "Ötzi" im Museum

Da bin ich etwas zwiegespalten: Es wird so viel von Pietät geredet, und dann liegt da "Ötzi" einfach nackt herum, in dem Kühlschrank. Ich weiß nicht, ob das so sein muss.

Als er dann so vor mir stand, als Modell - das war schon so ein Gefühl. Obwohl ich zu "Ötzi" selbst eigentlich keine emotionale Bindung habe. Ich bin ja der Meinung von Reinhold Messner: Es war eine Liebesgeschichte. Ötzi hat die Mädels angebaggert, und dann haben sich deren Brüder gerächt. Deshalb hat er die Pfeilspitze im Rücken.

Aber diese Menschen haben damals die Alpen überquert, sie haben es getan. Mit der Kultur fühle ich mich eher verbunden, viel mehr als mit der einzelnen Person.

Was war der schwierigste Moment bei der Wanderung?

Henning und Ingo bei der Wanderung im Schnee (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Schwierige Momente nach Neuschnee

Die Jungs hatten damals andere Füße als wir. Warum ich allerdings so viele Blasen an den Füßen bekommen habe, weiß ich auch nicht. Aber es war halt so, da konnte ich ja nicht sagen, ich höre jetzt auf. Ich wollte da rüber über diese Alpen, koste es quasi, was es wolle.

Bei der Überquerung des Funduspfeiler bei Neuschnee hatte ich ein paar Momente, als ich dachte, warum tue ich mir das an? Hochgekommen bin ich, weil ich mir sagte, ich tue es für mich, nicht fürs Geld, nicht fürs Fernsehen.

Und wie war das Leben im Dorf?

Henning und ich sind da einer Meinung: Für uns war der Auszug aus dem Dorf eine unglaubliche Befreiung. Der Alltag im Dorf ist recht eintönig, gerade wenn es so viel regnet. Die Wanderung ist da etwas anderes: Ich gehe jeden Tag meine Kilometer und sehe immer wieder was Neues. Und wenn's regnet, macht man halt Pause. In der Steinzeit wäre ich bestimmt unterwegs gewesen.

Wie kamen Sie denn mit der Kleidung zurecht?

Die war hervorragend. Mit den Schneeschuhen konnte man wirklich gut über Schnee laufen. Sie hielten auch schön warm. Am besten waren aber die einfachen Lederlappen, die wir normalerweise anhatten. Die waren hervorragend. Wir sind zum Teil besser gelaufen als die Touristen in ihren Bergschuhen. Abends taten uns zwar die Füße weh, aber nicht von den Schuhen, sondern weil wir 14 Stunden am Stück gelaufen waren.

Und wie sah es mit den anderen Sachen aus?

Der "Ötzi"-Ziegenfellmantel und die Leggings, die waren sehr schön und klasse nachgearbeitet. Bei den Werkzeugen war das nicht so toll, das Kupferbeil von "Ötzi", das ich trug, ging zum Beispiel gleich kaputt.

War es denn kalt?

Es war seltsamerweise gar nicht kalt. Wir hatten den Ziegelfellmantel von "Ötzi" an und die Leggings. Wir haben uns Wärmsteine fürs Bett gemacht. Aber das mussten wir auch schon im Dorf tun, weil der August ja unglaublich kalt war. Wir sind  tagsüber immer hoch aufgestiegen und haben abends wieder relativ weit unten übernachtet. Man musste dann ja noch etwa zwei Stunden lang einen Unterstand bauen und 30 Minuten lang Brennholz sammeln. Das war schon hart.

Wie lautet Ihr Fazit nach dieser Zeitreise?

Ingo sitzt auf dem Felsen (Quelle: SWR, Foto: Jochen Schmoll)
Ingolf Schuster: "Ich würde es jederzeit wieder tun"

Ich würde es jederzeit wieder tun, aber ohne Fernsehen, ohne den Tross. Ich würde auch in einem solchen Dorf leben wollen, ohne Mikrofone. Ich glaube, es war damals eine harte Zeit, aber auch eine schöne Zeit. Die Menschen haben sicher so viel Freude am Leben gehabt wie wir. Ich glaube, die Menschen waren viel freier als wir heute. Die hatten immer die Entscheidung, ich gehe jetzt woanders hin.

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