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Ungezähmte Freiheit oder harte Arbeit?

Kindheit in der Steinzeit

In der Jungsteinzeit haben Kinder wahrscheinlich vor allem eins getan: mitgearbeitet. Den Luxus, Kinder einfach nur spielen zu lassen,  konnten sich unsere Vorfahren vermutlich nicht leisten.

Kinder wohin man sieht - die Bevölkerungszusammensetzung in der Jungsteinzeit war eine gänzlich andere als heute. 50 bis 60 Prozent der Bewohner eines jungsteinzeitlichen Dorfes waren zwölf Jahre und jünger. Zum Vergleich: In Deutschland macht der Anteil der Kinder unter zwölf derzeit gerade mal elf Prozent aus. Doch wie muss man sich ein Kinderleben in der Jungsteinzeit vorstellen?

Arbeiten statt spielen

Die "Neolithische Revolution" - der Übergang vom Jagen und Sammeln hin zu Ackerbau und Viehzucht - hatte auch für das Kindsein weitreichende Folgen. Ernten, Tiere hüten, Getreide entspelzen, Wasser holen, Vorräte trocknen und einlagern - durch die landwirtschaftliche Lebensweise stieg die Arbeitsbelastung für die Familien. Da mussten sicherlich auch die Kinder mit anpacken. Denn anders ließen sich all die Aufgaben, die in einem Dorf der Jungsteinzeit anfielen, nicht erledigen.

Früh erwachsen

Außerdem wurden unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren durchschnittlich gerade mal halb so alt wie wir. Da bleibt viel weniger Zeit zum Kindsein. Hinzu kommt, dass Archäologen seit der "Neolithischen Revolution" ein stetiges Bevölkerungswachstum nachweisen können. Frauen müssen also relativ früh und in kurzer Folge Kinder bekommen haben. Babynahrung aus dem Glas war jedoch noch lange nicht erfunden, und nicht jedes Kleinkind hat die Umgewöhnung auf die gewöhnliche steinzeitliche Kost überlebt. Die Kindheit war wohl die gefährlichste und krankheitsanfälligste Zeit im Leben eines Jungsteinzeitlers.

Starke Muskeln durch harte Arbeit

Schon mit sechs Jahren müssen Kinder in den Arbeitsalltag integriert worden sein, darauf deuten jungsteinzeitliche Skelett-Funde hin. Anthropologen versuchen anhand von Knochen und Skeletten die Lebensweise unserer Vorfahren zu rekonstruieren. An jungsteinzeitlichen Skeletten finden sie Muskelmarken - deren Stärke bzw. Ausprägung sind Belege dafür, wie stark ausgeprägt zu Lebzeiten die Muskulatur war.

Die Anthropologin Sandra Pichler hat auch an den Skeletten von Kindern nach diesen Muskelmarken gesucht und wurde fündig. Schon ab einem Alter von sechs Jahren lassen sie sich nachweisen. "Steinzeitkinder" müssen also dauerhaft und hart mitgearbeitet haben – sonst hätten sich an ihren Skeletten keine derart ausgeprägten Muskelmarken bilden können. Die Arbeitskraft der Kinder war für das Überleben in der Jungsteinzeit wohl unentbehrlich.

Blick ins Hier und Jetzt

Mit Hilfe der Ethnologie, der vergleichenden Völkerkunde, versuchen die Anthropologen und Archäologen ihre Befunde zu interpretieren. Auch heutzutage müssen Kinder - überwiegend in Agrargesellschaften - bereits von klein auf mitarbeiten. Ziegen hüten, Feuerholz sammeln, Wasser holen und auf die kleinern Geschwister aufpassen - all diese Aufgaben werden Kindern noch heute in vielen Gesellschaften zugetraut. Und all dies haben sicherlich auch in der Steinzeit schon Kinder übernommen.

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