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Annäherung an verloren gegangenes Wissen

Experimentelle Ansätze in der Achäologie

Bei der experimentellen Archäologie steht ein praktischer Ansatz im Vordergrund. Es geht darum, bestimmte Techniken der Vergangenheit nachzubilden und anzuwenden. Die Ergebnisse zeigen, dass unsere Vorfahren alles andere als primitiv waren.

"Vieles, was am Schreibtisch erdacht worden ist, funktioniert in der Praxis nicht, weil es nicht ausprobiert worden ist. Ich bin der Meinung, dass wir alles, was früher funktioniert hat, auch heute wieder zum Funktionieren bringen können", erklärt Harm Paulsen vom Archäologischen Landesmuseum in Schleswig.

Nachbauen und testen

Olli und Ingo mit Archäotechniker Harm Paulsen (Quelle: SWR, Foto: Thorsten Jander)
Harm Paulsen mit Olli und Ingo aus der SWR-Steinzeitsippe

Paulsen ist Fachmann auf dem Gebiet der experimentellen Archäologie. Am Beispiel eines Bogens erklärt er, wie er versucht, Ergebnisse zu erarbeiten, die mit den Mitteln der klassischen Archäologie nicht gewonnen werden können: "Wenn ich einen alten Bogen ausgrabe, dann kann ich die Länge, Breite, Dicke messen, ich kann die Holzart, das Alter bestimmen. Aber ich weiß nicht, wie weit er schießt, wie stark er ist. Also baue ich ihn nach und teste ihn. Und so bekomme ich ein Ergebnis, das weitestgehend der Realität vor 5.000 Jahren entspricht."

"Das ist ein Nachvollziehen oder Überprüfen, ob das auch wirklich funktioniert", beschreibt Paulsen die Arbeit des Experimentalarchäologen. "Das waren früher ja Gebrauchsgegenstände" unterstreicht er im Gespräch mit SWR.de. Die Herstellung von Waffen, Werkzeugen, Keramik oder Kleidung sowie die Bearbeitung von Holz oder Metall sind typische Arbeitsfelder der Experimentalarchäologen. Selbst, wenn nur spärliche Reste von bestimmten Gerätschaften existieren, versuchen sie, herauszufinden, wie diese genutzt worden sind.

Eine berühmte Floßfahrt

Das Floß "Kon-Tiki" im Jahr 1947 im pazifischen Ozean (Quelle: picture-alliance)
Floß "Kon-Tiki"

Das wohl bekannteste archäologische Experiment ist die abenteuerliche Fahrt des Norwegers Thor Heyerdahl von Peru nach Polynesien. Im Jahr 1947 wollte er mit seinem Balsafloß "Kon-Tiki" beweisen, dass Menschen von Amerika auf dem Seeweg dorthin gelangt sein könnten - was ihm gelang. Zugleich wurde der Öffentlichkeit bewusst, welche Möglichkeiten derartige Experimente bieten.

Bei der Ausstattung seines Floßes gingen Heyerdahl Wissenschaftler zur Hand, die sich mit den Materialien und den Techniken der Inkazeit auskannten. Heute nennt man sie Archäotechniker: die Experten für die Praxis. Ihre Arbeit ist oft mühselige Handarbeit. Dafür können ihre Rekonstruktionen dem Laien einen anschaulichen Einblick in die Vergangenheit geben.

Das Steinzeit-Experiment des SWR

Auch das "Steinzeit"-Projekt des SWR beinhaltet viele Elemente der experimentellen Archäologie. Mit Harm Paulsen und Anne Reichert haben zwei  Experimentalarchäologen das Projekt begleitet. Harm Paulsen mit Rat und Hilfe vor Ort und detailgetreuen Rekonstruktionen von "Ötzis" Waffen, Anne Reichert mit  detailgetreuen Rekonstruktionen von "Ötzis" Schuhen und Kleidung.

Das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen und weitere wissenschaftliche Berater waren daran beteiligt, eine "Welt" wie vor 5.000 Jahren zu rekonstruieren und sie als Experimentierfeld für die Forschung zu nutzen. Nur die Mitglieder der Sippe kamen aus dem 21. Jahrhundert. "Die Hardware stimmt, nur die Software ist eine andere", so bringt Harm Paulsen den gravierendsten Unterschied zur Vergangenheit auf den Punkt.

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