Sport erklärt: So zeigt sich Sexismus im Sport (Foto: SWR)

Sport erklärt

So zeigt sich Sexismus im Sport

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AUTOR/IN
Christoph Pietsch

In der Berichterstattung über Sportlerinnen und Sportler hängt einiges schief: Über Athletinnen wird sehr viel weniger berichtet als über Athleten Und immer wieder geht es dabei nicht nur um Sport, sondern auch um nackte Haut. "Sport erklärt" über die Sexualisierung von Sportlerinnen.

Der Anteil an Berichten über Sportlerinnen in Sportmedien liegt durchschnittlich bei zehn Prozent. 90 Prozent der Aufmerksamkeit gehört also Männern, nur zehn Prozent den Frauen. Bei großen Events, etwa den Olympischen Spielen, ist dieses Verhältnis zwar weitgehend ausgeglichen, im Alltag aber sind Sportlerinnen in den Medien deutlich unterrepräsentiert. Die Botschaft dahinter: Frauensport ist weniger interessant, weniger relevant.

Sexismus im Sport: Athletinnen nehmen durch Sponsoring weniger ein

Athletinnen bekommen nicht die gleiche Öffentlichkeit wie Athleten. Die Folge: deutlich geringere Einnahmen durch Sponsoring und Werbung. In der von der englischsprachigen Zeitschrift "Forbes" veröffentlichten Liste der 50 reichsten Sportler*innen der Welt finden sich zwei Frauen. Naomi Osaka und Serena Williams, beide Tennisspielerinnen. Nur die wenigsten Sportlerinnen können allein vom Sport leben. Ein Weg aus der medialen Unsichtbarkeit ist Selbstvermarktung. Sportlerinnen vermarkten ihr Aussehen, ihr sexuelle Attraktivität.

Erotische Selbstinszenierung: das "Kournikova-Syndrom"

Mehr als 30 deutsche Sportlerinnen haben sich seit 1995 für den Playboy oder ein anderes einschlägiges Männermagazin ausgezogen, von Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko über Fechterin Britta Heidemann bis hin zu Lisa Buckwitz, Bobfahrerin bei den Spielen in Peking. Dass sich erotische Selbstinszenierung von Sportlerinnen in Form von lukrativen Werbedeals auszahlen kann, ist bewiesen.

Die Wissenschaft nennt es das "Kournikova-Syndrom": Anna Kournikova war eine russische Profi-Tennisspielerin, lange Zeit unter den Top 20 der Vereinigung der professionellen Tennisspielerinnen (WTA), die vor allem auch durch ihr gutes Aussehen auffiel. Obwohl sie als Einzelsportlerin keinen Titel gewann, berichteten die Medien mehr über sie als über ihre Konkurrentinnen.

Das Beispiel Kournikova beweist eindrücklich: Attraktivität und sexuelle Ausstrahlung können in der medialen Aufmerksamkeit eine größere Bedeutung einnehmen als sportliche Excellence. Das gilt umso mehr in Randsportarten.

Alica Schmidt als "World's Sexiest Athlete"

Das Kournikova-Syndrom - wie gemacht für die glitzernde Insta-Welt. Beispiel Alica Schmidt: Die deutsche 400-Meter-Läuferin war als Ersatzläuferin der Staffel in Tokio 2021 nicht einmal zum Einsatz gekommen, trotzdem gehörte sie zu den prominentesten Gesichtern dieser Olympischen Spiele. Weltweit wurde über "the World’s Sexiest Athlete" berichtet.

Alica Schmidt ist die Social-Media-Königin des deutschen Sports. Allein bei Instagram hat sie 2,5 Millionen Follower, weit mehr als die Olympiasiegerinnen Malaika Mihambo (110.000) und Laura Ludwig (63.000). Der Unterschied: Schmidt hat in ihrer noch jungen Karriere bislang keinen großen Titel geholt, ihre beste Platzierung: Rang vier bei der deutschen Meisterschaft 2021. 

Sportmedien von deutlich mehr Männern konsumiert

Kein Vorwurf an Alica Schmidt! Ihr Beispiel dient lediglich dazu, die Mechanismen zu erklären. In Sportmedien und Sportmarketing arbeiten deutlich mehr Männer als Frauen. Laut einer Studie des Verbands Deutscher Sportjournalisten betrug der Anteil an Sportjournalistinnen 2015 gerade einmal 9,5 Prozent. Sportmedien werden von deutlich mehr Männern als Frauen konsumiert. Und so schafft sexuelle Attraktivität von Sportlerinnen Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die rufen Sponsoren auf den Plan.

Ein strukturelles Problem mit Folgen. Sportlerinnen drohen durch ihre erotische Selbstinszenierung den eigenen Wunsch, in erster Linie als Athletin wahrgenommen zu werden, zu sabotieren. Auf der anderen Seite droht Sportlerinnen, die sich dieser Inszenierung konsequent verweigern, die Unsichtbarkeit. So wie im Fall der brasilianischen Weltklasse-Surferin Silvana Lima. Gegenüber der BBC sagte sie, Sponsorenverträge seien ihr verwehrt worden, weil sie nicht dem klassischen Beach-Babe-Image entspreche. Sprich: lange, blonde Haare, blaue Augen, Modelfigur.

Kleidervorschriften als großes Problem

Extrem problematisch wird die Geschichte mit der Sexualisierung von Sportlerinnen, wenn die vermeintliche Selbstbestimmung zur Fremdbestimmung wird. Wenn beispielsweise Verbände eine Sexualisierungsstrategie fahren und Sportlerinnen Kleidervorschriften machen. Bestes Beispiel: der Bikini-Zwang im Beachvolleyball. Da durfte der Steg an den Hosen nur sieben Zentimeter hoch sein. Jahrelang wurde über diese Regel gestritten, bis sie 2012 endlich gefallen ist. Zu Recht. Ein Forscherteam der Universität Alabama hat die TV-Bilder des olympischen Beachvolleyballturniers von Athen 2004 analysiert und dabei herausgefunden, dass 20 Prozent der Nahaufnahmen auf die Brüste der Spielerinnen gerichtet waren.

Sportlerinnen ärgern sich über sexualisierte Fotos

Aber auch, wenn es keine Kleidervorschriften gibt, die eine sexuelle Inszenierung von Sportlerinnen begünstigen, bieten Fotoagenturen verlässlich entsprechende Bilder an. Sportlerinnen nehmen diese ständigen Grenzüberschreitungen wahr: In einer Umfrage des SWR mit mehr als 700 Spitzensportlerinnen gaben 51 Prozent der Befragten an, dass sie sich über diese Art Fotos - auf Brusthöhe, unter den Rock oder in den Schritt fotografiert - ärgern.

Sportlerinnen setzen Zeichen gegen Sexismus

Turnerinnen berichten, dass sie Sorge haben, dass ihre knappen Turnanzüge bei der Ausübung einer Übung verrutschen könnten. Dass es auch anders geht, bewiesen Sarah Voss und andere deutsche Spitzenturnerinnen. Bei den Olympischen Spielen von Tokio 2021 turnten sie in langer Hose, die Beine bis zu den Knöcheln bedeckt. Auf ihrem Insta-Profil schrieb Voss dazu: "Wichtig ist, dass wir jederzeit selbst bestimmen können, wie wir auftreten. Die neue Möglichkeit zur Selbstbestimmung bezüglich unserer Kleiderwahl wird uns auch in Zukunft noch mehr Stärke geben."

Auch die norwegischen Beachhandball-Nationalspielerinnen setzen 2021 ein Zeichen: Die Frauen spielten in Shorts statt den vom Weltverband vorgeschriebenen Bikini-Hosen. 150 Euro musste jede Spielerin daraufhin als Strafe zahlen. Spätestens damit wurde der Protest zu einem großen Thema. Die Regel wurde geändert - zum engen Oberteil sind nun auch enge Shorts erlaubt. Gleichberechtigung bedeutet das allerdings nicht. Bei den Beachhandball-Herren gibt die Regel keineswegs vor, dass die Spielkleidung eng sein muss. 

Zusammenfassung: Sexismus im Sport

Fassen wir zusammen: Sportlerinnen werden in Sportmedien krass benachteiligt, weil sie mit zehn Prozent Anteil in der Berichterstattung deutlich unterrepräsentiert sind. Ein Weg aus dieser medialen Unsichtbarkeit führt über das Vermarkten von Aussehen und sexueller Attraktivität. Das fällt deswegen auf fruchtbaren Boden, weil in Redaktionen und im Sportbusiness überwiegend Männer entscheiden. Und weil Sport überwiegend von Männern konsumiert wird. Egal, ob Sportlerinnen sich selbst erotisch inszenieren oder aber von Sportverbänden, Sportmanagementagenturen und Sportmedien erotisch inszeniert werden, im Ergebnis drohen Frauen dadurch auf ihre sexuelle Attraktivität reduziert zu werden.

Nur vier Prozent der Mädchen zwischen sechs und 13 Jahren haben ein Vorbild im Sport, im Gegensatz zu 42 Prozent der Jungs im selben Alter. Höchste Zeit, Sportlerinnen sichtbar zu machen, sichtbar als Sportlerinnen.

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Christoph Pietsch