Hat Sex vor dem Sport Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit? (Foto: SWR, SWR / Grafik finally)

Sport | Gesundheit

Sport erklärt: Ist Sex vor dem Sport schädlich?

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Das Phänomen "Sex vor dem Sport" ist reich an Anekdoten. 2016 gab es bei Olympia in Rio einen neuen Rekord: 10.500 Athletinnen und Athleten erhielten 450.000 Kondome. Aber schadet Sex vor dem Sport nicht der Leistung? Oder war das andersherum? "Sport erklärt"!

Für Brasiliens Legende Ronaldo war Sex vor dem Spiel laut eigener Aussage das Erfolgsgeheimnis. Sepp Maier schwor auf Sex eine Stunde vor dem Spiel, während Weltmeister Bastian Schweinsteiger einmal sagte: Tore schießen sei ihm wichtiger als Sex. Doch was ist wahr und wie sieht es mit anderen Sportarten aus?

Zunächst sei mal gesagt: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Sex vor dem Spiel halten sich in Grenzen. 2016 aber untersuchte die Medizinerin Dr. Laura Stefani von der Uni Florenz mit weiteren Forschern die bisherige Datenlage. Ergebnis: Keine belastbaren wissenschaftlichen Beweise, dass sexuelle Aktivität vor dem Sport die athletische Leistung negativ beeinflusst.

Unterschiede zwischen Sportarten und Geschlecht

Für Frauen und Männern gilt: Beim Sex wird das vegetative Nervensystem aktiviert. Das sorgt für eine Entspannung der Muskulatur. Während und nach dem Orgasmus werden Glückshormone ausgeschüttet. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Hormon Testosteron. Während es bei Männern während des Geschlechtsverkehrs abgebaut wird, passiert bei Frauen das Gegenteil: Testosteron wird vermehrt gebildet, sie werden angeregt und vitalisiert. Wobei man allerdings dazu sagen muss: Bei Frauen ist das Thema "Sex vor dem Sport" noch weniger erforscht als bei den Männern.

"Wir wissen, dass Sportler ein deutlich erhöhteres, aktiveres Sexualleben haben. Gerade auch Jungs Testosteronwerte haben, die bis zu 300 Prozent höher sind als von Nichtsportlern"

Ein bis zwei Stunden nach dem Sex wird im Körper am meisten repariert

Ein Grundsatz gilt aber für beide: in den ersten ein bis zwei Stunden nach der sexuellen Aktivität wird im Körper am meisten repariert, wird regeneriert, sprich: es herrscht eine erhöhte Stoffwechselaktivität. Sepp Maiers Erfolgsformel - Sex eine Stunde vor dem Fußball-Spiel zu haben - wäre demnach eher nicht zu empfehlen.

Doch wie gesagt: es kommt auch auf die Sportart an. Bestimmte Sportarten haben ein bestimmtes Aktivierungsniveau. Manche verlangen Gelassenheit, andere Aggressivität. Nach dem Sex möchte sich der Körper entspannen, denn der Mensch hat viel Energie verbraucht. Das führt zu hormonellen Veränderungen, die acht bis zwölf Stunden nach dem Sex andauern.

Schnellkraftsport

Für Schnellkraftsportler hat Sex zwei Stunden vor dem Wettkampf einen eher negativen Einfluss. Zum Beispiel Weit- oder Hochspringer, Kugelstoßer oder Sprinter. Die Gefahr: im entscheidenden Moment fehlt die Spritzigkeit. Hier haben enthaltsame Sportler tatsächlich Vorteile. Auch wenn es natürlich sehr auf die mentale Komponente ankommt. Später mehr dazu!

Kontaktsport

Für Kontaktsportler wie Boxer oder Handballer gilt: Weil Sex 8 bis 12 Stunden vor der Hauptwettkampfzeit relaxierende, also entspannende Wirkung hat, ist das bei diesen eher aggressiven Sportarten nicht unbedingt förderlich.

Marathonläufer mit Sex am Vorabend fünf Minuten schneller

Beim Ausdauersport dagegen kann es förderlich sein, Sex am Vorabend zu haben. Das ergab zumindest eine Studie der Universität Oxford mit 2.000 Marathonläufern. Die Läufer, die am Abend vor dem London-Marathon sexuell aktiv waren, liefen im Schnitt rund 5 Minuten schneller als die enthaltsamen. Allgemein gilt aber auch hier: Sex hat auf die Leistung beim Ausdauersport keine großen Auswirkungen.

Konzentrationssport

Nachweislich positiv bewertet wird Sex vor Konzentrationssportarten, wie Pistolen- oder Bogenschießen. Das liegt daran, weil vermehrt das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Es fördert die Ruhe im Körper. Wenn ein Schütze also acht bis zwölf Stunden vor dem Wettkampf Sex hat, ist das sogar von Vorteil, er ist konzentrierter, ausgeglichener. Gleiches gilt für Darts und Billard.

Amateursport

Bleibt noch die Frage nach Sex im Amateursportbereich. Sex vor dem heiß ersehnten Halbmarathon oder vor dem alles entscheidenden Spiel um den Aufstieg in die Kreisliga A? Das ist schnell zu beantworten: Wenn Sex schon im Profibereich nur bedingt Auswirkungen auf die Leistung hat, sind die Auswirkungen im Amateurbereich - wenn überhaupt - im Promillebereich anzusiedeln.

Wenn Sex zum Ritual wird, kann es Probleme geben

Problematisch kann es werden, wenn der Sex bei Profisportlerinnen oder Profisportlern vor dem Wettkampf zu einem Ritual geworden. Bei Olympia wäre das zum Beispiel ein Problem. Hier sind eh schon viele ohne Partnerin oder Partner vor Ort - wenn dann noch der Sexentzug dazu kommt, kann’s schwierig werden, erklärt Sportpsychologe Christian Hoverath.

"Der Mensch ist auf Sicherheit aus und Rituale geben über den routinierten Ablauf Sicherheit. Wenn Sex am Vorabend zu meiner Routine gehört, dann gibt mir das natürlich auch für den nächsten Tag die nötige Sicherheit, dass alles so abläuft wie ich es gewohnt bin"

Beim Thema Sex vor dem Sport kommt es also bei der Antwort auf ganz viele Aspekte an. Das Geschlecht, welche Hormone welche Rolle dabei spielen, um welche Sportart geht es und wie intensiv ist der Sex. Sportmediziner Ingo Froböse hat eine eindeutige Meinung.

"Wenn man mich fragen würden: Sex für Spitzensportler am Abend vor dem Wettkampf: ja oder nein? Ich würde immer sagen: Ja!"

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