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Skispringen | Sportpsychologie "Eine Verletzung ist immer eine Chance"

"Verletzungen im Sport können auch einen positiven Effekt haben", sagt Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann. Wer z.B. nach einem Sturz in den Wettkampf zurückkehrt, tue das meistens gestärkt.

Simon Ammann gestürzt

Simon Ammann stürzt bei der Vierschanzentournee, kurz darauf wird er Olympiasieger.

Skispringen - in luftiger Höhe das Gefühl des Fliegens - dieses Hochgefühl sei unvergleichlich, sagen viele Skispringer. Wie bei anderen Sportarten kann man sich beim Skispringen aber auch verletzen. Der Österreicher Thomas Morgenstern beispielsweise beendete seine Karriere, nachdem er mehrfach unglücklich gestürzt war. Die Gefahr springt immer mit - die Angst auch? Wir haben mit dem Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann gesprochen, der auch den Schweizer Sportler Simon Ammann betreut.

"Ich kenne keinen Skispringer, der noch nie ein Sturzerlebnis hatte"

Er stellt voran, dass Skispringer von Beginn an lernen, zu fallen. Alle jugendlichen Athleten stürzen im Training regelmäßig, zunächst auf kleinen Schanzen. Sie lernen z.B. den Körper und die Beine gestreckt zu halten, damit keine Drehmomente oder Salti entstehen. Diese Reflexe zu trainieren und damit in Sturzsituationen richtig zu agieren, gehört zum Repertoire eines Skispringers. Gubelmann betont, ein junger Springer lerne dadurch auch, sich selbst besser einzuschätzen und das Risiko zu dosieren. Dies könne für die spätere Karriere von größter Bedeutung sein.

Es gelte aber stets zu beachten, dass jeder Sturz und jedes Sturzerlebnis individuell ist und für sich behandelt werden muss. Der Schock könne auch zeitversetzt eintreten, "zum Beispiel, wenn man sich mit Videos konfrontiert und die Schwere des Unfalls begreift," sagt der Sportpsychologe. Deshalb sei es wichtig, dass gerade nach einem Unfall jemand ganz nah am Athleten ist und ihn menschlich unterstützt.

"Alle Sportler wollen das Video von ihrem Sturz irgendwann sehen"

Das Ziel eines Athleten müsse ja sein, über das Erlebnis hinwegzukommen. Dafür müsse der Springer erkennen, woran es lag. Die Videoanalyse sei hilfreich, um zu erkennen, ob sich das eigene Erleben mit dem Unfallhergang decke. Der Sportler müsse sich die Frage stellen "Was kann ich tun, damit das nicht mehr passiert?". Auf diese Weise könne er die Kontrolle und Stabilität auch psychisch wiederbekommen, so Gubelmann.


"Ich will springen, habe aber Angst - das kommt eher nicht vor"

Erfahrungsgemäß müssten die Athleten eher gebremst werden, damit sie nicht zu früh wieder von der Schanze springen. Der Psychologe ist meist derjenige, der auf die Bremse tritt. Vor allem, wenn der Athlet bewusstlos war oder eine Gehirnerschütterung hatte. Dann sei es besser, ihn zunächst genesen zu lassen, bevor man ihn auch psychisch mit dem Sturz konfrontiert. Zeitliche Distanz sei nötig, um gestärkt und stabiler mit der Sturzerfahrung umgehen zu können. Die Phase der Rehabilitation könne mit mentalem Training und dem Gedanken an vergangene Erfolge oder der Analyse von Videobildern überbrückt werden.

Thomas Morgenstern zieht Konsequenzen

Thomas Morgenstern wird beim Skispringen Weltcup nach einem Sturz abtransportiert.

Nach einem dritten, schweren Sturz beendet Thomas Morgenstern 2014 seine Karriere.

Thomas Morgenstern war sehr erfolgreich: Drei olympische Goldmedaillen, acht WM-Siege und der Triumph bei der Vierschanzentournee 2010/2011. Nachdem er allerdings dreimal ähnlich gestürzt war, beendete Morgenstern 2014 seine Karriere. Er sagte damals, die Angst und die Bilder könnten wiederkommen und ihn sabotieren, unsicher machen. "An diesem Punkt die Karriere zu beenden, war aus sportpsychologischer Sicht der einzig richtige Schritt", meint Gubelmann.

"Nach einer Verletzung soll das Ziel sein, besser als vorher zurückzukommen"

Über Regenerationsprozesse und aktive mentale Arbeit könne ein Unfall allerdings auch einen positiven Effekt haben. Simon Ammann, den Hanspeter Gubelmann betreut, ist für ihn ein Musterbeispiel. Nach dem schlimmen Sturz in Willingen 2002 - wenige Wochen vor den Olympischen Spielen - trainierte Ammann schnell wieder auf einer kleinen Schanze. Vielleicht der entscheidende Schritt für seinen späteren Erfolg in Salt Lake City. "Das war ein schlimmer Sturz, aber Simon hat das gut verarbeitet. Diese mentale Vorarbeit war ein großer Gewinn," sagt Gubelmann.

Nach einem Unfall zurückzukehren ist nicht einfach, und es schaffen nicht alle. Aber die, die zurückkommen, stellt Gubelmann fest, sagten alle, sie seien danach auf einem anderen Niveau. Man müsse das also auch immer als Chance und Entwicklungsmöglichkeit sehen. "Spitzensport funktioniert auch durch Niederlagen, aus denen man lernt. Das gehört notwendigerweise dazu. Der entscheidende Punkt ist, dass man offen über Ängste und Befürchtungen spricht und sich austauscht. Das kommt meiner Erfahrung nach oft zu kurz," so Gubelmann.